Mattia Olivieri © Michele Monasta
Mattia Olivieri reiht sich gerade ein in die Tradition großer italienischer Baritone wie Leo Nucci und Lucio Gallo. Engagements führten ihn an die größten Häuser, wie an das Teatro alla Scala Mailand, die Wiener Staatsoper, die Royal Opera Covent Garden London und die Metropolitan Opera New York. Im Mai 2026 fand der Italiener den Weg nach Hamburg, im Lastenheft stand Figaro aus Gioachino Rossinis Il barbiere di Siviglia.
Am Tag vor der umjubelten Premiere (Inszenierung: Tatjana Gürbaca) haben wir an der Hamburgischen Staatsoper ein sehr entspanntes Gespräch geführt über Richard Wagner, Rossini und Geld. Außerdem haben wir Hamburg und Venedig verglichen. Sie ahnen, wie das ausging…
Jörn Schmidt im Gespräch mit Mattia Olivieri (Teil II)
klassik-begeistert: Wäre ein eigenes Crossover-Projekt, oder ein Pop-Album, eine Herzensangelegenheit von Ihnen? So wie sich Erwin Schrott gerade dem Tango widmet?
Mattia Olivieri: Never say never! Wenn sich die Gelegenheit ergibt, warum nicht? Ich habe mich nie von der Popmusik losgesagt… ein Duett mit einem Popstar, das wäre großartig.

klassik-begeistert: Wird Ihr Weg Sie zu Richard Wagner führen?
Mattia Olivieri: Hoffentlich! Einer meiner Träume wäre es, die Rolle des Wolfram von Eschenbach in Tannhäuser zu singen. Es ist nur natürlich, dass ich als italienischer Sänger im Ausland oft gebeten werde, italienisches Repertoire zu singen… aber ich möchte mich keinesfalls darauf beschränken. Ich liebe es, mich selbst herauszufordern, neues Repertoire zu erkunden und in anderen Sprachen zu singen. Vor wenigen Monaten gab ich mein Debüt in Tschaikowskys Eugen Onegin und arbeitete dabei zum ersten Mal mit der russischen Sprache – es war eine unglaubliche Erfahrung. Eine weitere Rolle, die ich sehr gerne singen würde, ist Wozzeck von Alban Berg.
klassik-begeistert: Was ist Ihre Lieblingsoper von Richard Wagner?
Mattia Olivieri: Die Walküre – weil es die erste von Wagners Opern war, die ich live erlebt habe. Mit Zubin Mehta in Valencia war das. Unvergesslich, ein Schock! Und wenn ich noch eine Oper nennen darf – Omer Meir Wellber hat hier in Hamburg gerade einen grandiosen Lohengrin dirigiert. Nur die Meistersinger von Nürnberg, die muss ich mir erst noch erarbeiten. Vielleicht ist mein Deutsch einfach noch nicht gut genug, um den Humor zu verstehen… aber irgendwann öffnet sich auch diese Tür!
klassik-begeistert: Wie viel Wagner steckt in Rossini?
Mattia Olivieri: Jeder Komponist studiert, was vor ihm war. Bachs Kontrapunkt, das steckt natürlich auch in den Meistersingern… Rossini und Wagner haben sich 1860 in Paris getroffen, sehr humorvoll soll es zugegangen sein. Auch wenn da zwei Welten aufeinandergetroffen sind – Wagners Musikdramen und Rossinis traditionelle italienische Oper – das alles wird nicht ohne Einfluss gewesen sein. Ich glaube, Wagner hat Rossinis melodisches Genie inspiriert…

klassik-begeistert: Ich weiß, Sie sind kein Musikhistoriker – fällt Ihnen dennoch ein Beispiel ein?
Mattia Olivieri: Auch wenn das eher eine Persiflage auf Rossinis Ohrwürmer war, in den Meistersingern, im Chor der Schneider, da zitiert Wagner die Arie Di tanti palpiti aus Rossinis Oper Tancredi.
klassik-begeistert: Warum hat Rossini keine Symphonie komponiert?
Mattia Olivieri: Vergangenes Jahr gab ich mein Debüt in Luigi Dallapiccolas Il prigioniero: Als dodekaphonische Oper war dies eine enorme, gleichsam wunderschönen Herausforderung, die mir große Befriedigung verschaffte. Ich bin von meiner technischen Basis aus an das Werk herangegangen und habe stets versucht, einen Belcanto-Ansatz beim Gesang beizubehalten. Ich glaube, dass bestimmte Kompositionsformen, die so stark vokal und theatralisch geprägt sind, ihren vollsten Ausdruck eher in der Oper finden als in anderen Genres, wie etwa der Sinfonie. Vielleicht ging es Rossini genauso.

klassik-begeistert: Den neuen Hamburger Barbiere hat Tatjana Gürbaca inszeniert. Wir veröffentlichen dieses Interview erst nach der Premiere, Sie dürfen also spoilern – finden Sie Ihr Rollenverständnis des Figaro in der Neuinszenierung wieder?

Mattia Olivieri: In Rossinis Il barbiere di Siviglia dreht sich alles um Geld: Geld ist eindeutig die treibende Kraft der Handlung. In der Vision von Tatjana Gürbaca, der Regisseurin dieser neuen Produktion, interessiert sich dieser Figaro hingegen nicht für Geld, sondern vielmehr für seine Freundschaft mit dem Grafen, und aus diesem Grund beschließt er, ihm zu helfen. Diese Interpretation hat mir sehr gut gefallen, da sie mir eine neue Perspektive auf Figaro eröffnete, die ich sehr schätzte und die mich auch dazu veranlasste, eine andere, melancholischere Haltung zu erkunden – eine, die ich bei dieser Figur nicht gewohnt war.
klassik-begeistert: Sie sind das erste Mal in Hamburg. Hier kann sich jeder Italiener auf Anhieb wohlfühlen?!
Mattia Olivieri: Der Hafen und diese Atmosphäre einer weltoffenen Stadt, die heißen jeden willkommen… egal, welche Nationalität.
klassik-begeistert: Hier ist es sogar noch schöner als in Venedig…Hamburg hat schätzungsweise 2.500 Brücken, Venedig nur rund 400 Brücken.
Mattia Olivieri: [lächelt freundlich] Das kann ich nicht gelten lassen, Hamburg ist doch viel größer als Venedig. Und die Architektur, die ist hier schon sehr nordisch… wie bekomme ich jetzt die Kurve [lacht]: Hamburg ist für mich die vielleicht schönste deutsche Stadt, weil es eine norddeutsche Interpretation von Venedig ist.
klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Jörn Schmidt, 23. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert
Interview: kb im Gespräch mit Mattia Olivieri, Bariton, Teil I Hamburgische Staatsoper, 22. Mai 2026
Interview: 10 Fragen an die Opernregisseurin Tatjana Gürbaca klassik-begeistert.de
CD/Blu-ray Besprechung: Fromental Halévy, La Juive klassik-begeistert.de, 13. April 2026