Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.
Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.
von Daniel Janz
Was war Schostakowitschs siebte Sinfonie doch für ein weltbewegendes Ereignis, als sie zum ersten Mal aufgeführt wurde. Deutschland und Russland befanden sich mitten im zweiten Weltkrieg. Der Aufführungsort „Leningrad“ wurde gerade belagert und bombardiert, Schostakowitsch selber war kurz zuvor noch von dort evakuiert worden. Der historische Wert einer solchen Komposition ist wohl kaum überzubewerten. Was also macht so ein bedeutendes Zeitdokument in einer Serie über überbewertete Klassiker? Ist die nicht selten mit Beethovens „Erioca“ verglichene „Leningrader“ etwa gar kein Geniestreich, wie so oft behauptet?
Man kann es nicht anders sagen; diese Sinfonie ist eine Riesenschwarte. Zeitlich aufgebläht auf 80 Minuten, gesetzt für großes Orchester inklusive doppelter Blechbläserbesetzung (teilweise aus der Ferne) und diverser Sonderinstrumente, wie Altflöte, Klavier und Xylophon bietet sie alles, was eine großartige Komposition darstellen könnte. Dazu der Krieg gegen das Böse, personifiziert durch die Nazis, dem Schostakowitsch sich als Vorzeigekomponist der Sowjetunion annahm: Eigentlich Garant für einen zeitlosen Klassiker! Wenn die Musik selbst nicht wäre…
Dass die Musik Probleme aufweist, veranschaulichen bereits Zeitzeugen. Da finden sich Aussagen, wie von Arnold Schönberg, der Schostakowitsch „bei dieser Art von Musik“ dankbar war, dass er nicht schon seine „77. Sinfonie geschrieben hat“ und der in den 80 Minuten Musik nur Material für 30 Minuten Unterhaltung erkannte. Paul Hindemith soll dieses Werk sogar als „unmöglichen Mist“ bezeichnet haben.
Nun sind Hindemith und Schönberg selbst keine unumstrittenen Figuren europäischer Musikgeschichte. Beide Statements weisen aber auf Schwächen der Komposition hin, die sich auch nachvollziehen lassen. Lässt man einmal den gesamten historischen Ballast beiseite, kann dieses Werk rein musikalisch jedenfalls nicht mit anderen bahnbrechenden Sinfonien oder Opern und selbst mit anderen Werken desselben Komponisten mithalten.
Die Probleme beginnen schon beim ersten Satz, der zwar Reminiszenzen an frühere Werke Schostakowitschs enthält („Lady Macbeth von Mzensk“ lässt grüßen) und zum Einstieg eine friedvolle Idylle mit markigen Themen und malerischen Ansätze zeichnet. Diese werden aber bedauerlicherweise nicht weiterverfolgt, denn Kernstück dieses Satzes ist eine Marschepisode, die stoischer kaum sein könnte. Über zehn Minuten finden die einzigen Variationen durch abwechselnde Instrumente und die Lautstärke statt, als hätte Schostakowitsch hier seinen eigenen Boléro geschrieben.
Das kann gelingen, der Boléro von Ravel ist schließlich auch ein renommiertes und weltbekanntes Stück europäischer Musikgeschichte. Ravels Komposition lebt aber nicht nur von raffinierter Abwechslung der Klangfarben, sondern auch von seiner kontinuierlichen Steigerung hin zu einem durchschlagenden Höhepunkt.
Schostakowitschs Musik fehlt nicht nur diese Raffinesse. Er führt auch die Stimmung im Eskalationsmoment nicht konsequent durch. Seine Musik steht gerade an der Schwelle zum Durchbruch, kippt dann aber ins mono-melodische und verendet im Schmachten. Eindrucksvolleres kennt man aus seiner zehnten, elften oder der düsteren achten Sinfonie, die sich bis in einen zerstörerischen Paukenwirbel inklusive Tamtam ergießen. Oder aus seiner brutalen vierten, die zum Höhepunkt einen zwölftönigen Akkord im 5-fachen Forte fordert – ein ohrenbetäubender Lärm, der selbst hartgesottenen Konzertbesuchern das Fürchten lehren dürfte.
Die in diesen Satz hineingedeutete Eroberung Leningrads durch die Nazis wirkt deshalb – ungeachtet des Bezugs zu Hitlers Lieblingsoperette – musikalisch nicht überzeugend, trotz entsprechender Deutung durch die Sowjetunion und darauf aufbauender großer Beliebtheit unter den Gegnern des Faschismus inklusive der USA.
Der Marschmusik selbst fehlt das bedrohliche Element, teilweise wirkt sie grotesk fröhlich, an anderen Stellen durch bewusst schräge Harmonien komisch. Vielleicht ist das ein Versuch, den Schrecken des Kriegs lächerlich zu machen? Oder es ist doch eine versteckte Stalinkritik, wie sie in Deutschland (oft unreflektiert) gerne in diesen Satz hineingedeutet wird? Eindeutig ist es genauso wenig, wie abwechslungsreich.
Bezeichnenderweise ist ausgerechnet der erste Satz der stärkste der ganzen Sinfonie. Denn was er durch an Überdruss grenzende Ordnung und Marsch-Wiederholung zu viel hat, findet sich im zweiten elegischen Satz noch teilweise wieder, geht in den letzten beiden aber spurlos verloren. Diese zu einen viel zu langen Abschnitt zusammengefassten zwei Sätze bieten weder klare Melodien, noch lassen die dramaturgisch sehr unterschiedlichen Episoden einen Bezug zueinander erkennen.
Zwar finden sich hier für sich genommen spannende Melodiefetzen. Doch fehlt deren erneutes Aufgreifen genauso, wie eine Verarbeitung – in motivisch geordneter Musik, wie Schostakowitschs, eine Bankrotterklärung und Garant für Überdruss.
Darüber hinaus erschließt auch der Einsatz des Fernorchesters nicht. Dieses wird in der Regel zur Untermalung des Klangapparats genutzt, aber nicht, um eigene Akzente zu setzen oder gar programmatisch in Erscheinung zu treten. Der Eindruck „aus der Ferne“ geht in dieser Komposition so unter, dass einige Dirigenten gleich ganz darauf verzichten, und die zusätzlichen Musiker auf der Bühne mit dem restlichen Orchester positionieren. Wozu also braucht Schostakowitsch diese 10 extra Musiker?
Musikalisch ernüchtert diese Sinfonie in Summe also, anstatt zu bewegen. Sie ist Beispiel dafür, dass Größe nicht automatisch Hochwertigkeit bedeuten muss und erst Recht nicht alles, dem Weltruhm zugeschrieben wird, diesen auch halten kann. Mich persönlich ärgert dieses verschwendete Potenzial in einem Werk voller interessanter Ansätze und Melodiefetzen, die nicht konsequent durchgeführt werden, maßlos.
Darüber hinaus ist die Verbindung dieser Musik zu ihrem politischen Assoziationsgehalt kaum zu ertragen. Denn in der Konsequenz wird das Musikalische in den Hintergrund gedrängt. Der Fokus der Aufmerksamkeit wird auf politische Stellvertreterdebatten und ideologische Diskurse gelenkt – über diese Sinfonie noch im Sinne von Musikkritik zu sprechen, ohne eine Abhandlung über Schostakowitschs Gesinnung in der Sowjetunion zu schreiben, wird fast unmöglich. Und das nicht erst, seit durch Solomon Wolkows Ausführungen die jüngere Schostakowitsch-Forschung krampfhaft versucht, ihn als Dissidenten des Stalinismus zu personifizieren.
Solche Instrumentalisierung von Musik ist ein perverser Schachzug, der im übertragenen Sinne auch heute schamlos genutzt wird, um (nicht nur musikalische, sondern auch filmische und künstlerische) Mittelmäßigkeit zu vermarkten. Diese Sinfonie war jedenfalls durch diese Art der Bedeutungsüberblähung schon damals hoffnungslos überbewertet und ist in der Konsequenz bis heute hoffnungslos überinterpretiert.
Daniel Janz, 23. April 2021, für
klassik-begeistert.de