Meine Lieblingsmusik 68: Schostakowitsch,
Sinfonie Nr. 4 (1936)

Meine Lieblingsmusik 68: Schostakowitsch, Sinfonie Nr. 4 (1936)

Foto: © Deutsche Fotothek, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14401692

Selbst ein Jahr nach Ausbruch hat uns die Corona-Pandemie immer noch in ihrem Griff. Kultur und Kunst sind gänzlich weggebrochen, Veranstaltungen und Treffen nach wie vor eingeschränkt, der Konzertbetrieb liegt am Boden. Zeit, sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung (oder wahlweise Spotify-Playlist) auseinanderzusetzen, Lieblinge zu entdecken oder alte Favoriten neu aufleben zu lassen.

Deshalb stelle ich vor:

Meine Lieblingsmusik: Top 4 – Schostakowitsch Sinfonie Nr. 4 (1936)

von Daniel Janz

Eine Schostakowitsch-Sinfonie auf einer Liste von Lieblingswerken zu sehen ist mit Sicherheit eine Überraschung. Allgemein zeichnen sich seine großen Orchesterkompositionen durch einen düsteren, oftmals zu politischen Ereignissen in Verbindung stehenden Unterton aus. Seine vierte Sinfonie lässt sich gar als musikalischer Terror charakterisieren – oft genug bricht sie in blankes Chaos und puren Krach aus. Was also macht solch eine Gräueltat zu meiner persönlich viertliebsten Musik aller Zeiten?

Schostakowitschs vierte Sinfonie erzählt die Geschichte einer Seele, die den Lebenssinn verloren hat. Als solche war sie nicht nur in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts brandaktuell, sondern spiegelt sich auch im Licht unserer heutigen Zeit unerwartet treffend wieder. Nicht nur die – im Vergleich zu allen anderen Schostakowitsch-Sinfonien – reiche Instrumentation, sondern auch die Wahl der Klangmittel machen sie zu einem eindrucksvollen, möglicherweise dem eindrucksvollsten Zeugnis seines musikalischen Schaffens. Sie ist mit Abstand Schostakowitschs ehrlichste, weil im Ausdruck deutlichste Sinfonie. Dazu kommt der beispiellose Krimi um ihre Entstehung und ihr Verschwinden.

Um zu verstehen, wie solch ein Werk verschwinden kann, ist ein Blick auf das Leben des Komponisten notwendig. Schnell fällt auf: Schostakowitschs Biografie liest sich wie ein Thriller. Legendär wurde er ursprünglich als Vorzeigekomponist der Sowjetunion. Erst Jahre nach seinem Tod erlebte er eine Rehabilitation und auch Revision seiner Werke – mit den Ausführungen von Solomon Wolkow rückte auf einmal der geheime Dissident Schostakowitsch ins Zentrum der Musikforschung. Mit der Konsequenz, dass auch alle seine Werke plötzlich unter diesem Gesichtspunkt neu betrachtet und interpretiert wurden.

Und erst im Lichte dieser Neuinterpretation erstrahlt heute seine einst geächtete und verlorene vierte Sinfonie wie keine andere. Dabei stand es zu Beginn eigentlich ganz gut um dieses Werk. Schostakowitsch feierte gerade riesigen Erfolg mit seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ und seine vierte Sinfonie wurde bereits als sein „musikalisches Credo“ angekündigt.

Dann aber überschlugen sich die Ereignisse: Zuerst wurde der Komponist Opfer eines – mutmaßlich von Stalin geschriebenen – Zeitungsartikels in der Prawda mit dem Titel „Chaos statt Musik“, in dem seine Oper zerrissen und ihm ein „böses Ende“ angedroht wurde. Dann wurde er mehrfach in die Geheimdienstzentrale Lubjanka vorgeladen und verhört. Schließlich gab es sogar Störungen bei den Proben – Isaak Glikman berichtet von zwei Parteifunktionären, die am Tag der Generalprobe Druck auf den Dirigenten Stiedry ausgeübt haben sollen – sodass Schostakowitsch die Komposition schließlich zurückzog. 35 Jahre lang sollte das Werk verschwunden bleiben.

Das Faszinierende ist, dass sich all diese Ereignisse nahtlos auf die Musik durch ihren Ausdruck beziehen lassen. Ganz gleich, ob Schostakowitsch damit nun Kritik, Todesangst oder Schrecken ausdrücken wollte, ob er als „Trompeter seiner Epoche“ vorangehen wollte oder es nur ein kreativer Ausbruch war – in diese Musik lassen sich die aus den Ereignissen seines Lebens gewonnenen Erfahrungen so deutlich hineindeuten, wie sonst erst wieder in seine zehnte Sinfonie.

Da ist bereits der unaufhaltsame, schrille Einstieg in das Werk, bei dem es einem die Zehnägel aufrollt. Da ist dieser über mehr als eine Stunde fast durchgängig gehaltene, stampfende Rhythmus, der kaum einen Moment zur Ruhe lässt. Da ist ein immenser Orchesterapparat mit jeweils 6 Flöten und Klarinetten, 8 Hörnern, 2 Tuben, donnerndem Schlagzeug, Harfen und Celesta in Ergänzung zu den bereits ausladend besetzten Streichern und Blechbläsern – eine wahre Materialschlacht. Und dann ist da dieses zerstörerische, brachiale Element, das jeden Moment unvermittelt durchbrechen und die Musik regelrecht vernichten kann.

Wen wundert es da, dass diese Musik als Inbegriff antistalinistischer, antitotalitärer und antiautoritärer Tendenzen gefeiert werden kann? Oder dass sich geplagte und orientierungslose Seelen in ihr nahtlos wiederfinden können? Als Spiegel des Schreckens und der Vernichtungsgewalt einer äußeren Macht ist sie das ideale Sprachrohr, damals wie heute. Legt zum Fugato in der Mitte des ersten Satzes erst der Donnerwirbel des gesamten Schlagzeugapparats los, spürt man dies am ganzen Körper. Buchstäblich – diese Stelle ist so brachial komponiert, dass bei einer Live-Aufführung der gesamte Konzertsaal zu beben beginnt. Solch ein Erlebnis kennt man ansonsten nur vom „Dies irae“ in Hector Berlioz’ Requiem – eine Unmittelbarkeit, die keine CD-Aufnahme auffangen kann.

Dass die Musik dadurch immense Anforderungen an Musiker und Zuhörer stellt, soll nicht verheimlicht werden. Es gibt durchaus einige, die durch so eine Gewalttat überfordert sein dürften – dies ist keine Musik, die man sich anhört, um ihr Wohlgefallen zu genießen oder sich zu entspannen. Um aber einmal Dampf abzulassen, ist sie ideal.

Diese Komposition eignet sich damit perfekt als Ausdruck der tiefsten und archaischsten Abgründe menschlicher Gewalt, Verzweiflung und Brutalität. Aber – und das macht sie im Schaffen Schostakowitschs einzigartig: Ihrem Ende liegt ein verklärendes, fast schon transzendierendes Element inne, für das man eine Stunde Schrecken, Verzerrung, Sarkasmus und Giftigkeit ertragen muss. Wer dies durchhalten kann, wird aber auf jeden Fall belohnt.

Daniel Janz, 19. April 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

Meine Lieblingsmusik 67: Camille Saint-Saëns, Sinfonie Nr. 3 in c-moll „Orgelsinfonie“ (1886)

Daniels Anti-Klassiker 9: Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 7 „Leningrader“ (1941)

Meine Lieblingsmusik (63): Gustav Mahler „Sinfonie Nr. 3 in d-moll“ (1896)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.