Daniels Anti-Klassiker 10: Arnold Schönberg, Orchestervariation op. 31 (1928)

Daniels Anti-Klassiker 10: Arnold Schönberg, Orchestervariation op. 31 (1928)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der sogenannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Neue Klangwelten, Ausreizen der Mittel, Brechen von Grenzen, sogar die Krönung aller musikalischen Schöpfungen… nicht weniger versprach Schönberg mit seiner neu entwickelten Technik. Als er endlich das erste Orchesterwerk präsentierte, das diese Superlative erfüllen sollte, erreichte die Spannung ihren Höhepunkt. Für die Uraufführung stellte sich niemand Geringeres als Wilhelm Furtwängler persönlich zur Verfügung. Alles deutete auf Erfolg! Und trotzdem – das Konzert endete in einem Desaster. Kritiker überschlugen sich in Denunziationen, von einem Skandal war die Rede, niemand hatte Schönbergs Musik verstanden. Wen wundert’s!?

Mit der Anwendung der Zwölftontechnik ist Schönberg einer der ersten Vertreter der Neuen Musik. Gegründet als Reaktion auf die Ereignisse im Ersten Weltkrieg und zementiert durch den Zweiten Weltkrieg wollten Vertreter dieser musikalischen Richtung mit Altem brechen. Kultur und Gesellschaft, die zu solch globalen Katastrophen führten, galt es zu hinterfragen. Damit einhergehen sollte auch eine Umgestaltung der Kunst.

Unter diesen Voraussetzungen brauchte es neue Ausdrucksformen. Der Schritt zur Dodekaphonie ist da nur einer von vielen, Schönberg gilt aber als eines der bekanntesten Beispiele und seine Orchestervariation als Paradestück. Diese Musik zeichnet sich dadurch aus, keine tonalen Zentren mehr zu kennen. Alle Töne werden als gleichwertig präsentiert und dürfen dementsprechend auch erst wieder auftreten, wenn alle anderen erklungen sind. Seine Idee der musikalischen Gestaltung bedient sich anstelle von Melodie und Tonart der Reihenform: Eine frei ausgewählte Abfolge aller 12 Töne der europäischen Klaviatur innerhalb der Oktave.

Aus dieser musikalischen Gestaltungsform ergibt sich automatisch auch ihr Problem. Man könnte sagen: Diese Musik ist entgegen der Biologie komponiert. Denn es hat einen Grund, warum sich in der Musikgeschichte gewisse Formen durchgesetzt haben und melodisch motivische Arbeit in Tonarten bis heute als das Erkennungsmerkmal schlechthin fungieren.

Wo keine tonalen Zentren mehr bestehen, wo es keine Motive und Schwerpunkte mehr gibt, da fehlen auch die Orientierungspunkte für das menschliche Ohr. In Schönbergs Orchestervariation muss die gesamte Reihe als Gestaltungselement verstanden und in ihren mannigfaltigen Verarbeitungen, im Krebs, der Umkehr, der Transposition etc. erfasst werden. Technisch gesehen ist diese Komposition raffiniert – Verfechter „Absoluter Musik“ als „tönend klingende Form“ hätten daran ihre Freude.

Musikalisch aber widerspricht diese Komposition fundamental der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit. Schönberg verlangte, seine Musik nach dem Höreindruck zu beurteilen und nicht nach der Partitur. Bedauerlicherweise setzt seine Kompositionsweise genau das Gegenteil voraus: Alleine um die zugrundeliegende Reihe in ihrer Verarbeitung erkennen zu wollen, bedarf es automatisch dem lesenden Auge. Gehört besteht keine Chance, diese Musik zu erschließen.

Was in der Folge trotz Schönbergs akribischer Durchstrukturierung entsteht, sind die Eindrücke von Chaos und Desorientierung. Das Unverständnis des Publikums bei der Uraufführung dürfte maßgeblich auf diese Unerkennbarkeit der zugrundeliegenden Form zurückzuführen sein.

Es wäre das eine, diese Komposition als fehlgeschlagenes Experiment der Musikgeschichte abzutun und in den Annalen einer politisch und gesellschaftlich verwirrenden Zeit abzuhaken. Doch Schönberg beugte dem mit seiner eigenen intellektuellen Betätigung vor, durch die er tiefe Gräben in die europäische Musikgeschichte riss. Der selbsternannte Nachfolger von Bach, Brahms und Mahler betrachtete sich in seinem „fortschrittlichen Denken“ als neuen Höhepunkt der Musikgeschichte –verächtliche Aussagen über Zeitgenossen wie Schostakowitsch mitinbegriffen.

In der Folge finden sich etliche weitere solcher Werke von Schönberg und den ihm Nachfolgenden. Nicht nur das, sie verdrängten auch noch das Kunstideal, was ursprünglich im Sinne „Alter Musik“ unsere Kultur prägte und bereicherte. Stattdessen tauschten sie es gegen eine Musik aus, die sich gegen die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit sträubt. Das aber ist Musik zum Selbstzweck; verkopfte Experimentalklangkunst ohne Leidenschaft und Elan, personelle Willkür zur intellektuell begründeten Überheblichkeit.

Die Folgen sind bis heute präsent. Diese Paradigmen des Neuen, bisher Ungehörten und des Fortschritts dominieren nach wie vor die Komposition von Konzertmusik. Wie zu Schönbergs Zeiten darf im Fach nichts mehr sein, was sich an Altes anlehnt: Melodie, gar wiederkehrende Elemente gibt es heute nur noch in der verpönten Filmmusik. Wiederholung ist bei dieser selbsternannten „echten Musik“ out, so wie Tonalität und Verständlichkeit.

In der Folge hat die Neue Musik den Orchesterbetrieb an den Rand seiner Existenzberechtigung geführt! Unter anderem dieses Fortschrittsdenken hat klassische Musik insgesamt zu einem Subgenre degradiert, das in breiten Teilen der Bevölkerung nicht nur als „totes Genre“ in Verruf geraten ist, sondern sich durch bewusste Abspaltung vom Publikum hervortut.

Musik, Kunst, Film und inzwischen auch das Computerspiel haben eine gesellschaftliche Funktion. Sie sind die Ausdrucksmittel, die neben der Sprache zum Denken, Erfahren und Empfinden anregen. Sie sind Veräußerung innerlichst-menschlichster Regungen und Sehnsüchte. Erfüllen sie diese Zwecke nicht mehr, vermisst sie niemand. Nicht anders ist es zu erklären, dass es unsere Gesellschaft hinnimmt, ausgerechnet den essenziell lebensbejahenden Musikkulturbereich in einer Pandemie über Monate hinweg ersatzlos lahmzulegen.

Man muss also fragen: Was bringt Musik, die ihrem Zweck nach musikalischem Ausdruck nicht gerecht wird? Die außer Unverständnis, Irritation und Ekel nichts erzeugt? Die regelmäßig die Zuhörer aus den Konzertsälen jagt? Eingefleischtes Publikum mag das als programmatischen Ausrutscher entschuldigen oder erduldet es als Gutdünken eines verrückten Interpreten. Junge Zuhörer aber, die so was bei einem Konzertbesuch erfahren, erfasst das Grauen. Und was tun Menschen, die von etwas abgeschreckt und vergrault werden. Sie meiden es. Das ist verlorenes Publikum, das nie wieder zurückkommt!

Die Zuhörer über diese Art von Kompositionsweise zu vergraulen, diese Art von blanker Ideologie sogar zum einzig gültigen Ursprung neuer Werke erheben zu wollen, ist damit der größte Fehler, der unserer Orchesterkultur passieren konnte. Insbesondere nachdem Popmusik, Film und digitale Medien ihr die Stellung im Kulturbetrieb streitig gemacht haben. Arnold Schönberg im Speziellen und die Neue Musik im Allgemeinen stecken somit in einer Krise, die sie sich selbst zuzuschreiben haben.

Neue Klangwelten zu erforschen und Mittel zum Ausdruck zu finden ist grundsätzlich eine positive Sache. Wer unter dieser Prämisse aber eine Sprache schafft, die sich aktiv gegen Verständnis sträubt, der darf sich über Ablehnung nicht wundern. Orchester- und Kulturmanagements täten jedenfalls gut daran, solche Verirrungen endlich als Fehlgriffe in die Schublade der Geschichte einzuordnen, anstatt sie nach 70 Jahren musikalischem Verschleiß am Publikum immer noch durch Subventionen so sehr zu befeuern, dass ein gesamter Kulturbereich in Verruf gerät.

Daniel Janz, 30. April 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

Daniels Anti-Klassiker 9: Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 7 „Leningrader“ (1941)

Sommereggers Klassikwelt 74: Alban Berg – musikalischer Traditionalist und Neuerer

Arnold Schönberg, Pierrot Lunaire, Dagmar Manzel, Komische Oper Berlin, 11. Oktober 2020

Meine Lieblingsmusik (58): Das Streichsextett G-Dur, op. 36 von Johannes Brahms

3 Gedanken zu „Daniels Anti-Klassiker 10: Arnold Schönberg, Orchestervariation op. 31 (1928)“

  1. Ich wäre ja mal auf die „biologische“ Begründung von Richard Strauss Diktum gespannt, er könne ein Glas Bier so präzise in Musik darstellen, dass man (angeblich) unterscheiden könne ob es Budweiser oder Pilsener wäre.

    Nein Herr Janz, der sich doch selbst so begeistert für die Musik von Gustav Mahler und Richard Strauss, zeigt, wendet auf Schönberg einen (von Janz selbst ja gar nicht konret gefüllten) Begriff der „Natur“ an, der ebenso übersieht, wie „natürlich“ in vieler Hinsicht sich Schönbergs Ästhetik aus den klangästhetischen „Fortschritten“ von Strauss und Mahler entwickelt hat, wie er zugleich übersieht, wie selten der Begriff der Natur auch bei diesen beiden Vorgängern Schönbergs überhaupt noch geeignet wäre, zu legitimieren, oder auch nur zu erklären was deren musikalische Sprache an kompositorischen Ideen hervorbrachte.

    Der Begriff der „Natur“ mag im 18. Jahrhundert als Rückbindung an die erlebbare Realität und Mittel zur Zurückweisung all zu elitär verstiegener Konventionen anregend gewesen sein. Er ist aber immer und grundsätzlich viel zu groß und damit letztlich einfach viel zu unbestimmt und nebulös, um wirklich auch nur irgendetwas seriös zu begründen. Kein Biologe wird eine Beobachtung mit dem Verweis auf „die Natur“ deuten, sondern sich schon immer die Mühe machen, zumindest ‚etwas‘ detaillierter zu konkretisieren. Wo das ausbleibt beginnt die Befindlichkeitsrede, wo subjektiv unreflektiertes einfach nur Vorwände für die eigene Willkür anführt.

    Ginge es Herrn Janz um die physikalischen Grundlagen der Harmonik, wäre er demnach eigentlich verpflichtet die reichlichen enharmonischen Wendungen in der Musik Richard Strauss mit Instrumenten wie Nicola Vicentinos Archicembalo zu realisieren um der physikalischen Natur der chromatischen Harmonik zumindest ansatzweise Rechnung zu tragen.

    Nein sein Biologismus gehört dann wohl eher zu den ganz unglücklichen Vorwänden, als dass er auch nur irgendetwas anderes kommuniziert als das Unverständnis des Daniel Janz für die Musik von der er spricht.

    Steffen Fahl

    1. Sehr geehrter Herr Fahl,

      ich muss Sie bitten, den Artikel noch einmal zu lesen. Ich schreibe von „Biologie“ und nicht von „Natur“. Mein Ansatz ist physiologisch auf die Hörwahrnehmung des menschlichen Ohrs (wie im Artikel geschrieben) und die damit einhergehenden Verarbeitungsmechanismen im Gehirn ausgerichtet. Ich hätte den Begriff „Biologie“ jetzt noch weiter eingrenzen können, ihn auf die Sinneswahrnehmung durch die Haarzellen im Ohr und die Reizweiterleitung zum Gehirn, die kognitive Verarbeitung von Melodiekontur und Tonhöhenunterschiede aufdröseln, das Arbeitsgedächtnis und strukturelle Notwendigkeiten für Eingängigkeit von Musik auf Basis von Erinnerungsprozessen mit einbringen können, aber dann wären wir hier nicht mehr bei einem Beitrag über Schönberg, sondern in einer Lehrstunde für Musikphysiologie.

      Darüber hinaus ist der Punkt in meinem Artikel nicht, dass Schönbergs Musik der Natur widersprechen würde, denn dann müsste man fragen, welche Musik überhaupt „natürlich“ wäre. Sondern dass Schönberg auf Basis seiner Musik eine Ideologie gegründet hat, die sich bis heute im Bereich der Orchesterkompositionen wiederfindet und unseren Musikkulturbetrieb dadurch von seinem Publikum entfernt hat.

      Ansonsten kann ich Ihnen als einen kleinen Einstieg in das Thema Musik und Erinnerung noch zwei Artikel hier lassen, die meine Argumentationsgrundlage im Bezug auf den Standpunkt der „Biologie“ vielleicht etwas besser beleuchten, aber wohlgemerkt nichts mehr mit Schönberg selber zu tun haben:

      http://serious-science.org/musical-memory-9412
      https://www.researchgate.net/publication/227078544_Memory_for_Melodies

      Daniel Janz

  2. Lieber Herr Janz, ich muss zugeben, Ihren Beitrag erst gelesen zu haben, als Herr Fahl kommentierte. Denn Schönberg interessierte mich eigentlich nicht. Sie haben mir jetzt sehr klar und vollkommen nachvollziehbar dargelegt, warum das so ist. Vor allem der musikalisch-physiologisch-audiologische Bezug überzeugt. Selten habe ich einen so guten Artikel zum Thema Musik und Kultur gelesen. Herzlichen Dank und weiter so. Ihr Ralf Wegner

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.