Mein Lieblingswerk der Kammermusik (58): Das Streichsextett G-Dur, op. 36 von Johannes Brahms

Meine Lieblingsmusik (58): Das Streichsextett G-Dur, op. 36 von Johannes Brahms

„Ich fühle mich durch dieses Werk in jeder Hinsicht bereichert und zähle es zu den schönsten Juwelen der Musikliteratur.“

Mein Lieblingswerk der Kammermusik:
Das Streichsextett G-Dur, op. 36 von Johannes Brahms

von Lorenz Kerscher

Die meisten Kammermusikwerke sind wohl für Streichquartett entstanden, doch bin ich mit der Klangbalance dieser Besetzung nicht immer zufrieden. Oft empfinde ich den Klang als zu hell, als an Wärme mangelnd und als zu wenig in der tiefen Lage grundiert. Deshalb bevorzuge ich größere Besetzungen, auch wenn es für diese viel weniger Werke gibt und es auch an wirklich homogen aufeinander eingespielten Ensembles mangelt. Als eine besonders runde Sache empfinde ich das Streichsextett mit je zwei Geigen, Bratschen und Violoncelli, das dem Komponisten ein reizvolles Wechselspiel von dunklen und hellen Klängen und eine wirkungsvolle Fortführung der Basslinie während melodiöser Cellosoli erlaubt.

Bekannt geworden sind vor allem Streichsextette von Dvořák und Tschaikowsky sowie zwei Werke dieser Gattung von Johannes Brahms, von denen mir das zweite besonders gut gefällt. Wie schon die Tonart G-Dur erwarten lässt, ist dieses Werk von überwiegend heiterem Charakter. Die spröden und grüblerischen Züge, die die Wesensart des Tonschöpfers oftmals prägen, treten dahinter zurück. In G-Dur schwelgt er gerne in Melodien und kostet die Klangfülle des Sextetts in runden, harmonischen Klängen aus. Dies war in diesem Werk wohl auch Ausdruck seiner Liebesbeziehung zu Agathe von Siebold während der Entstehungszeit. Mit der Tonfolge A-G-A-H-E in der zweiten Themengruppe des Kopfsatzes hat er auch ihren Namen verewigt.

Den ersten Satz kann man als Ausdruck jungen Liebesglücks auffassen. Zunächst noch leise schwingt sich das Hauptthema zu einem Melodiebogen empor, der im zweiten Anlauf noch höher aufsteigt. Die Entwicklung führt zur Kantilene des zweiten Themas, die volltönend im Cello erklingt und jubelnd von der Geige wiederholt wird. In diesem Wechselspiel von, wenn man so sagen will, männlichem und weiblichem Prinzip entwickelt sich der Satz, lediglich im Moll des Mittelteils deuten sich vielleicht schon die Zweifel an, die Brahms einige Monate später zur Lösung der Verlobung veranlassten.

An Stelle des Scherzos tritt nun ein mondsilbernes Nachtstück mit einem kontrastierenden Mittelteil, in dem wild zum Tanz aufgespielt wird. Es folgt als poco adagio ein Variationssatz über ein klagendes Thema, das zunächst nur von den Geigen und einer Bratsche vorgetragen wird. Unter Hinzunahme der tiefen Instrumente wird dieses zunächst verhalten und melancholisch abgewandelt. Es folgt eine Steigerung bis hin zur wilden und düsteren vierten Variation, die dann ganz unverhofft in die melodieselige Idylle des in Dur stehenden Schlussteils übergeht.

Diese glückliche Stimmung greift dann das abschließende poco allegro auf. Auf flirrende Klänge der Einleitungstakte antwortet eine im warmen G-Saitenklang der Geige vorgetragene Kantilene, die sich harmonisch weiterentwickelt bis hin zu dem auf fallenden Quinten beruhenden Seitenthema. Aus diesem Material wird nochmals ein Satz in Sonatenform gestaltet, der in einem temporeichen Schluss beglückend zum Abschluss kommt.

Dieses Werk kann jedem Musikfreund empfohlen werden, ob er nun gerne die emotionale Kraft der Musik auf sich wirken lässt oder auch den zahlreichen Details kunstvoller Gestaltung nachspüren möchte. Ich fühle mich durch dieses Werk in jeder Hinsicht bereichert und zähle es zu den schönsten Juwelen der Musikliteratur.

Dr. Lorenz Kerscher, 20. Januar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Lorenz Kerscher, Jahrgang 1950, in Penzberg südlich von München lebend, ist von Jugend an Klassikliebhaber und gab das auch während seiner beruflichen Laufbahn als Biochemiker niemals auf. Gerne recherchiert er in den Internetmedien nach unentdeckten Juwelen und wirkt als Autor in Wikipedia an Künstlerporträts mit.

Dr. Lorenz Kerscher

„Musik ist Beziehungssache, so lautet mein Credo. Deshalb bin ich auch als Chorsänger aktiv und treffe mich gerne mit Freunden zur Hausmusik. Eine neue Dimension der Gemeinsamkeit eröffnet sich durch die Präsenz vieler, vor allem junger Künstler im Internet, wo man Interessantes über ihre Entwicklung erfährt, Anregungen zur Entdeckung von musikalischem Neuland bekommt und auch in persönlichen Kontakt treten kann. Man ist dann kein Fremder mehr, wenn man ihnen als Autogrammjäger begegnet oder sie sogar bei einem Konzertbesuch im Publikum trifft. Das ist eine schöne Basis, um mit Begeisterung die Karrieren vielversprechender Nachwuchskünstler mitzuerleben und bei Gelegenheit auch durch Publikationen zu unterstützen.“

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