Daniels Anti-Klassiker 25: Maurice Ravel – „Boléro“ (1928)

Daniels Anti-Klassiker 25: Maurice Ravel – „Boléro“ (1928)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung und der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Die Wiederholung, das Moment musikalischer Festigung und Grundlage von Erinnerung. Nicht ohne Grund bleiben besonders die Musikstücke im Gedächtnis, die auf diesem Prinzip aufbauen. Was in einer gewissen Regelmäßigkeit auftritt, das nehmen wir Menschen als bedeutsam wahr – einer der Gründe für unser erfolgreiches Überleben und unsere Kommunikation. Aber Musik möchte in aller Regel mehr sein als stumpfes Rauf- und Runterdudeln einer Melodie. Zu oft endet sie ansonsten in Eintönigkeit und Langeweile, im schlimmsten Fall sogar mit dem Stigma, keine „echte Musik“ zu sein. So musste es jedenfalls einer dieser All-Time-Classics erfahren, der bis heute in den Konzertsälen rauf und wieder runter gedudelt wird: Die Rede ist von Maurice Ravels Boléro.

Dieser Boléro ist schon ein eigenartiges Werk. Ursprünglich entstand das der gleichnamigen Tanzgattung nachempfundene Werk als Auftragsarbeit für Ida Rubinstein. Das Ziel: Ein Stück in der Form eines spanischen Balletts zu komponieren. Ravel schwebte Großes dafür vor. Seine erste Idee war, es als Tanzspiel im Bezug zu dem Klavierwerk Iberia von Isaac Albéniz auf die Bühne zaubern. Doch das Vorhaben scheiterte am Urheberrecht, sodass Ravel schließlich ein eigenes, freies Werk komponierte.

Obwohl zu seiner Uraufführung noch als erotisches Ballett begeistert aufgenommen, haftet diesem Werk bis heute der fahle Beigeschmack harmonischer Armut an. Würde man diese Komposition auf ihr musikalisches Material reduzieren, bliebe nicht einmal eine Minute Musik übrig. Denn es besteht nur aus zwei sich abwechselnden Melodien, basierend auf der C-Dur-Tonleiter beziehungsweise auf diatonischen Tonfortschreitungen. Beide werden jeweils in Zweierpaaren fünfmal wiederholt, während das Publikum auf einen einzigen Tonartenwechsel wartet, der erst nach gut 16 Minuten stattfindet.

Bis heute halten sich Gerüchte, dass diese Besessenheit von stoischer Wiederholung bereits ein Anzeichen beginnender Aphasie bei Ravel gewesen sein könnte. Denn dieser Ansatz ist so platt, dass sogar er selbst der Meinung war, es hier mit einem „reinen Orchesterstück ohne Musik“ zu tun zu haben. So war auch seine Vorhersage, dass die meisten Orchester so ein Werk ablehnen würde, damals voller Ernst. Auf den Protest einer Frau während der Uraufführung, dass er verrückt geworden wäre, soll er dementsprechend sogar nur geantwortet haben: „Die hat’s kapiert“.

Was soll man also mit so einem Stück anfangen, das der Komponist selber nicht ernst nimmt, das aber weltbekannt ist? Zunächst muss man feststellen, dass es eine wahre Fleißarbeit für den bemitleidenswerten Schlagzeuger ist, der auf seiner kleinen Trommel vom Anfang bis zum Ende die immer gleiche rhythmische Figur schlagen muss – alle Ohren auf ihn, keine Chance sich im Orchesterklang zu verstecken, jeder noch so kleine Fehler sofort bestraft. Eine wahrhaft undankbare Aufgabe in einer so langen Komposition, die auch jeden Sonderapplaus rechtfertigt.

Ansonsten stellt sich sehr schnell der Eindruck melodischer Armut ein. Dass ein und dieselbe Melodie irgendwann zur Ermüdung führt, ist inzwischen zu einem Mantra dieser Kolumne geworden und stellt nicht nur bei Mozart einen der immer wiederkehrenden Hauptkritikpunkte dar. Beim Boléro aber ist dieser Umstand auf die Spitze getrieben. Das Werk weist keine Variation, keine melodische Veränderung und keine musikalische oder harmonische Dramaturgie auf. Seine einzige Abwechslung besteht in der Instrumentation und der Lautstärke, die über den Verlauf der Komposition bis aufs Maximum hochgefahren wird.

Dieses Manko muss auch Ravel selbst bewusst gewesen sein. Hätte er sonst in voller Absicht so tief ins Instrumentarium gegriffen und allerhand Sonderinstrumente für teilweise verschwindend kleine Passagen besetzt? Da sind nicht nur Piccolotrompete, Saxophone und Celesta als extravagante Ergänzungen für das Orchester vorgeschrieben. Auch die Oboe d’amore mit ihrem warmen Klang findet hier eine seltene Anwendung außerhalb der Alten Musik.

Für diesen Einfallsreichtum, den jedes Orchestermanagement verfluchen dürfte, muss man aber als Zuhörer dankbar sein. Denn die instrumentale Vielfalt und die dadurch stets abwechslungsreichen Klangfarben sind die große Stärke dieses Werks. Ergänzt wird dieser Reichtum auch durch Dirigenten, die sich die Freiheit herausnehmen, das Tempo zu variieren. Toscanini, der dem Boléro 1930 in den USA zum Erfolg verhalf, sorgte im Gespräch mit Ravel sogar für einen echten Skandal, als Ravel ihm vorwarf, er hätte das Stück zu schnell gespielt, woraufhin Toscanini entgegnet haben soll, dass Ravel keine Ahnung von seiner eigenen Musik hätte.

Die aus diesen Punkten entstandene Ambivalenz dürfte auch mit Sicherheit ein Grund für die Popularität des Boléros als Inspirationsquelle sein. Beim Blick über den Konzertkontext hinaus fällt nämlich seine reiche Verwendung in Sport, Popkultur und Film auf. Beispielsweise beim Eistanzpaar Jayne Torvill und Christopher Dean, die 1984 bei den Olympischen Spielen in Sarajevo zu den Klängen vom Boléro Gold gewannen. Frank Zappa, die Rolling Stones, Deep Purple, Jean Michel Jarre, Sascha Ende und Angélique Kidjo sind nur einige Künstler, die den Boléro verwendet haben. Und auch der Animationsfilm Allegro non troppo von Bruno Bozzetto, der zum Boléro den Verlauf der Evolution karikiert, sei hier erwähnt.

Ravel hat also unter größter Einfachheit ein Werk geschaffen, das eine immense Wirkung entfaltet und damit wohl eines der besten Beispiele dafür sein dürfte, dass Klangvariation und Lautstärke alleine bereits ausreichen, um ein Publikum zu ergreifen. Auch ich kann mich von dieser Wirkung nicht ausnehmen – bei mir führte diese Abwechslung trotz des einfältigen Materials dazu, dass der Boléro lange Zeit auf meiner Favoritenliste ganz vorne stand. Erst eine Bearbeitung für zwei Klaviere desillusionierte mich: Was im Orchester durch die vielen unterschiedlichen Instrumente recht lange gut klingen kann, offenbart sich auf wenige Instrumente reduziert dann doch recht schnell als fad.

Kann man also sagen, der Boléro ist überbewertet? Er ist eines jener Stücke, die immer wieder auf Spielplänen und auch außerhalb davon zu finden sind. Ob er dadurch bereits so ausgereizt ist, dass er allgegenwärtig zu sein scheint, mag sicher auch im Auge des Betrachters liegen. Was man dieser Komposition aber definitiv vorhalten muss, ist ihre musikalische Einfältigkeit. Denn in diesem Punkt hat Ravel Recht: Der Boléro ist ein Werk für Orchester ohne Musik. Die Wiederholung des Immergleichen kann in sich selbst irgendwann dazu führen, dass Musik nervt. Und der Boléro liegt hart an dieser Grenze oder dürfte diese für einige Zuhörende womöglich sogar bereits überschritten haben.

Daniel Janz, 20. August 2021, für
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Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

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