Copyright: Anna Hüdepohl, Foto von Helle Thede Johansen
Die aus Schleswig-Holstein stammende Akkordeonistin Anna Hüdepohl studierte klassisches Akkordeon in Aarhus, schloss ihr Studium 2006 ab und lebt seitdem auf den Färöern. Neben ihrer Tätigkeit als Akkordeonlehrerin ist sie auch als Musikerin aktiv und veröffentlichte mehrere CDs. Im zweiten Teil unseres Interviews spricht sie über das lebendige Musikleben auf den Färöern, warum diese Inselgruppe im Nordatlantik auch „the land of maybe“ genannt werden und natürlich über ihre 2025 erschienene Akkordeonschule.
Johannes Karl Fischer im Interview mit Anna Hüdepohl
klassik-begeistert: Frau Hüdepohl, Welche Herausforderungen bringt das Musizieren auf den Färöern mit sich?
Anna Hüdepohl: Es ist toll, hier als Musikerin zu leben und zu arbeiten. Die Musik hat einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft, und die Färinger sind stolz auf ihre Musikschule. Hier leben sehr viele professionelle Musiker sehr dicht zusammen, und alle sind hochmotiviert. Man geht zwei Straßen weiter und fragt „Wollen wir eine Band gründen?“ und dann gründet man eben eine Band. Die Musikszene ist breit gefächert – von Sinfonieorchester über Jazz und Folklore, Chören und Countrymusik bis zu Heavy Metal Bands gibt es hier fast alles. Man kann eigentlich jeden Tag ein Konzert besuchen.
Die größte Herausforderung für mich persönlich ist vielleicht die Pflege meiner Instrumente. Um sie regelmäßig stimmen oder reparieren zu lassen, brauche ich entweder für mich und mein Instrument ein Flugticket nach Italien, wo unsere Instrumente gebaut werden, oder ich muss jemanden einfliegen.
klassik-begeistert: Aber ist ja auch ähnlich, wenn ich zum Beispiel in Norddeutschland bin und ein Instrument in Italien reparieren lassen muss?
Anna Hüdepohl: Mein Instrument ist zu groß, um im Flugzeug Handgepäck zu sein, ich muss es immer auf einen Sitz stellen und dafür ein separates Ticket kaufen. Aus Norddeutschland könnte ich mit der Bahn nach Italien fahren, das wäre etwas einfacher.
klassik-begeistert: In mehreren Interviews und Artikeln über Sie wurde geschrieben, Sie würden „mitten im Atlantik“ leben. Fühlt sich das wirklich so an?
Anna Hüdepohl: Wir haben hier alles, was man braucht, um gut zu leben. Aber man ist natürlich schon von der einsamen Lage geprägt und vom Wetter abhängig. Wenn das Wetter schlecht ist, kann es sein, dass das Versorgungsschiff etwas später kommt und man ein paar Tage auf die frischen Waren warten muss. Aber daran gewöhnt man sich, das ist kein Problem.
Die Färinger mussten sich schon immer dem Wetter anpassen. Deswegen werden die Inseln auch „the land of maybe“ genannt. Jeder Plan ist mit einem „Vielleicht“ behaftet. Wenn das Wetter gut ist, kann man den Plan ausführen – wenn das Wetter schlecht ist, macht man eben etwas anderes. Vieles hängt vom Wetter ab. Daran gewöhnt man sich auch. Wir haben durch unsere Fähre und Flugzeuge eine gute Anbindung ans Festland. Ich kann in wenigen Stunden bei meiner Familie in Norddeutschland sein.

klassik-begeistert: Sie haben die erste Akkordeonschule auf Färöisch geschrieben. Was hat Sie dazu bewegt?
Anna Hüdepohl: Als ich hier anfing zu unterrichten, musste ich alles neu aufbauen: ich hatte nur einige wenige Kinderinstrumente im Gepäck, es gab noch keine Schüler für mein Instrument, und auch kein Unterrichtsmaterial – weder auf Färöisch noch auf Dänisch. Ich fing an, selbst Unterrichtsmaterial herzustellen. Das ist wie Muschelsuchen am Strand: ich war und bin immer auf der Suche nach Liedern, Melodien, Reimen und kleinen Melodiefetzen, die ich für meinen Unterricht gebrauchen kann. Über die Jahre habe ich dann meine eigene Methode entwickelt, die auch sehr von der Colourstrings-Methode inspiriert ist.
Im Herbst 2024 fing ich an, das Material, was ich gesammelt hatte, zu einer Schule weiterzuentwickeln. Ziel war es, das Unterrichtsmaterial kindgerecht und in logischen, kleinen Schritten zu vermitteln. Das gesamte Buch habe ich von Hand geschrieben und gezeichnet. Das war mir wichtig und hat mir unglaublichen Spaß gemacht.
klassik-begeistert: Warum ausgerechnet auf Färöisch, einer Sprache mit knapp 100.000 MuttersprachlerInnen? Ist damit die Reichweite Ihrer Schule nicht etwas begrenzt?
Anna Hüdepohl: Am Anfang ist es im Instrumentalunterricht wichtig, dass die Kinder Lieder spielen, die sie in ihrer Muttersprache singen können. Ich habe für meine Schule Material entwickelt, das sowohl leicht zu spielen als auch zu singen ist. Alle Melodien in meinem Buch haben einen färöischen Text. Ich habe mit Kollegen färöische Kinderreime vertont oder Freunde gebeten, zu Melodien (die ich zum Beispiel in finnischen Solfègebüchern gefunden hatte) kindgerechte Texte zu schreiben. Das Buch ist außerdem so gemacht, dass man es nicht nur für den Akkordeonunterricht, sondern auch in anderen Fächern benutzen kann. Einige Kollegen gebrauchen es in der musikalischen Früherziehung oder im Schlagzeugunterricht. Warum ausgerechnet auf Färöisch? Weil ich hier lebe und unterrichte. Ich habe mir nie Gedanken über die Reichweite gemacht …
klassik-begeistert: Wie lange wird schon Akkordeon auf den Färöern gespielt?
Anna Hüdepohl: Das traditionelle Akkordeon (mit Bässen und Akkorden in der linken Hand) wird in Dänemark und hier “Harmonika” genannt. In den 50er Jahren war das ein sehr populäres Instrument. Es gab in fast jedem Haushalt eine Harmonika, und auf jedem Fest wurde sie zum Tanz und Gesang gespielt. In den 80er Jahren ist sie etwas außer Mode gekommen.
Als ich meine Stelle antrat, gab es Harmonika oder Akkordeon noch nicht als Fach an der Musikschule. Ich habe das Akkordeon hier als neues Instrument für klassische Musik etabliert, gleichwertig mit Instrumenten wie Geige oder Klavier. Der Harmonika haftete immer ein Image von Familienfest und Schunkelmusik an. Trotzdem dürfen meine Schüler alle Musikrichtungen spielen. Ich bin da nicht festgelegt, ich finde, es gibt in allen Genres gute Musik. Harmonika und auch das klassische Akkordeon sind jetzt sehr beliebte Instrumente.
klassik-begeistert: Eine letzte Frage: Was macht Ihnen am meisten Freude am Unterrichten?
Anna Hüdepohl: Mir sind die Kinder und Jugendlichen als Menschen wichtig. Jeder bringt Fähigkeiten mit – Stärken wie auch Schwächen. Mir macht es Freude, jedes Kind individuell in seiner Entwicklung zu begleiten. Unterrichten ist sehr kreativ, weil man immer wieder neue Winkel und Möglichkeiten im Vermitteln entdeckt. Mein Unterrichtsmaterial folgt keinen starren Regeln, sondern ist so aufgebaut, dass man es kreativ und den individuellen Bedürfnissen und Anforderungen entsprechend verwenden und weiterentwickeln kann.
Am meisten Freude macht es mir, wenn meine Schüler einen Sinn darin sehen, zu üben und gerne zu mir in den Unterricht kommen. Wenn sie ihr Instrument und die Musik als Teil ihres Lebens begreifen.
klassik-begeistert: Frau Hüdepohl, vielen Dank für das aufschlussreiche und interessante Gespräch!
Johannes Karl Fischer, 4. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Pärnu Music Festival, Pärnu kontserdimaja, Pärnu, 13. Juli 2024