Ruine der einstigen Burg von Castellar (Schauplatz von Verdis „Il trovatore“?) © Daniel Lafranca
Was bevorzugen Sie in der Oper?
Mantel- und Degenstücke entstanden im Spanien des 17. Jahrhunderts. Sie spielen bevorzugt im adeligen Milieu, erzählen von Liebesintrigen und handeln von heldenhaften Abenteuern und Kämpfen.
Der Naturalismus in Literatur und Theater hat das Bemühen, dem Ungeschliffenen, Unterprivilegierten und Hässlichen einen Platz in der Kunst zu verschaffen. Paradebeispiel ist Gerhard Hauptmanns Drama „Die Weber“, in dem Arbeiter als tragische Figuren erscheinen.
von Lothar und Sylvia Schweitzer
Der Begriff Salonnaturalismus wurde ursprünglich nur in der bildenden Kunst angewandt. Unser Gymnasiallehrer in Deutsch verwendete ihn in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts bereits für die Autoren Arthur Schnitzler und Frank Wedekind, die sich auf Triebhaftigkeit und die Heuchelei der Gesellschaft fokussierten.
Worum geht es in Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“ (1835)? Lucia liebt den Erzfeind ihres Bruders, der sie durch Intrigen in eine arrangierte Ehe zwingt. Im Wahnsinn ersticht sie ihren Ehemann. Die Liebenden werden erst im Tod vereint. Uns gelingt es nicht, uns in die verfeindeten Adelsfamilien einzuleben. Außerdem stehen wir jeglicher Gewalt ablehnend gegenüber. Politischer Ehrgeiz und Rache bestimmen den Handlungsablauf.

Noch schwieriger ist es, sich in die Situationen von Verdis „Il trovatore“ hineinzuversetzen. Weil einer der Söhne des alten Grafen von einer Zigeunerin mit einem Zauber belegt wurde und diese dafür den Tod auf dem Scheiterhaufen erlitt, raubt ihre Tochter Azucena aus Rache einen der Söhne des Grafen, verbrennt aber versehentlich ihren eigenen Sohn und zieht den fremden als ihren Sohn Manrico auf. Dem König wird von einem Herzog der Rang streitig gemacht. Manrico kämpft für den Herzog gegen den königstreuen Grafen Luna. Auch die Liebe zu einer Frau namens Leonora treiben sie gegeneinander. Azucena wird gefangen genommen. Manrico kämpft mit einer kärglichen Truppe um seine „Mutter“. Graf Luna siegt, die Festung Castellor ist besetzt. Manrico und Azucena werden zum Tod verurteilt. Leonora, die sich für Manrico entschieden hat, bietet sich dem Grafen als Lösegeld an, nimmt jedoch Gift, um das Versprechen nicht einlösen zu müssen. Luna sieht sich betrogen und lässt Manrico hinrichten und zwingt Azucena zuzuschauen, die ruft: „Er war dein Bruder!“ Die an vielen Stellen konstruiert erscheinende Handlung, obwohl im Leben die unwahrscheinlichsten Dinge passieren, packt uns persönlich erst zum Schluss beim Ruf Azucenas.
Mozarts „Don Giovanni“ erinnert uns besonders in den Komturszenen auch an Mantel- und Degenstücke, während wir Mozarts „Così fan tutte“, obwohl ein Produkt des 18. Jahrhundert, ins Regal des Salonnaturalismus’ stellen könnten. Früher spielte die Wiener Staatsoper die „Così“ bezeichnenderweise im Redoutensaal der Wiener Hofburg. Auch Donizetti hat neben „Lucia di Lammermoor“ z.B. „L’elisir d’amore“ komponiert, welches Stück wir ebenfalls im Salonnaturalismus einreihen können, obwohl es im bäuerlichen Milieu spielt. Wir sehen, die beiden Stilrichtungen können in der Gattung Oper nicht Zeitabschnitten zugeordnet werden. Vergleichen wir nur „Il Trovatore“, „Macbeth“ und „Aida“ mit „La Traviata“!
Der Mythos ist eine Zwischenstufe. Die Mythen stammen aus Lebenserfahrungen und weisen auf menschliche Nöte und Bedürfnisse hin. Nehmen wir „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, wie wir die Inszenierung der Salzburger Festspiele 2020 erlebt haben: Da lässt sich leicht ein Bogen spannen vom frühgeschichtlichen, mythisch gefärbten Mykene zu selbst am Rande erlebten Mutter-Tochter-Konflikten. Wie sehnlichst hat sich eine Mutter ein Kind gewünscht und wie grausam wurde sie von ihrer Tochter später behandelt. Die Szene Elektra – Orest erweckt Gedankenverbindungen zu dem sehnlichen Wunsch einer Tochter, dass ihre Eltern ihr einen Bruder adoptieren.
Für den – wir geben zu – gewagten Vergleich mit dem Salonnaturalismus wählten wir aus neuerer Zeit die uns vertrauten Opern „Jenůfa“, „Lulu“, „Arabella“, und „Death in Venice“ aus. Und zum Schluss wollen wir „La Bohème“ näher betrachten.
Beginnen wir mit Janáčeks „Jenůfa“: Der ausgezeichnete Opernführer „Opera“ (Verlag Könemann) sieht die Quintessenz dieser Oper, dass hier fehlbare Menschen gezeigt werden, die von ihren kaum kontrollierten Emotionen beherrscht werden. Die Vaterunser-Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ erhält in „Jenůfa“ ihren Sinn. Gerade die Gottesfürchtigen sind in Gefahr, ihre Wahrheit vor die Liebe zu stellen.

Die international „erfahrene“ Lulu Agneta Eichenholz hat in einem Interview uns gegenüber geäußert, Männer und Regisseure sehen diese Frau zu kompliziert. Sie will einfach überleben und reagiert.

Die Titelfigur Arabella hat Hugo von Hofmannsthal für Richard Strauss vielschichtig und daher nicht immer leicht zu verstehen entworfen. Einerseits eine selbstbewusste Frau, andrerseits mit einem großen Anlehnungsbedürfnis. Im Mandryka steht ein vornehmer und reifer Mann auf der Bühne, der trotzdem einmal die Contenance verliert. „Arabella“ gehört übrigens zu den Opern, die sich von der Dramaturgie nicht in eine andere Zeit versetzen lassen.
In Benjamin Brittens „Death in Venice“ verfolgen wir einen einsam Reisenden. Wahrnehmungen, die in Gesellschaft mit einem Blick, mit einem Urteilsaustausch leichthin abgetan wären, vertiefen sich und werden bedeutsam. Der Sänger des Gustav von Aschenbach wird oft nur vom Klavier begleitet, das in den Gesangspausen Interpunktionen setzt. Gleichsam Ruf- und Fragezeichen, abschließende Punkte oder schlussfolgernde Doppelpunkte. Könnte der Text von Myfanwy Piper auch als Sprechtheater Erfolg haben? In größeren Theatern müsste man dem Stil des Salonnaturalismus widersprechend einen deklamatorischen, raumfüllenden Sprechstil anwenden. Dieses Problem fällt beim Musiktheater wegen der gesanglichen Überwindung größerer Räume weg.

Brittens letztes Opernwerk bildete für uns nach Aufführungen des Belcanto, der Spätromantik und des Verismo den Höhepunkt der Saison. Der eigentliche Grund des Beifalls ist eben Sym-Pathie, die Übereinstimmung zwischen Werk und Publikum. Noch die Pandemie mit seinen Unsicherheiten sehr gegenwärtig erlebten wir hier Venedig und seinen Umgang mit der drohenden Epidemie. Aschenbach überlegt, ob er abreisen soll. Auch wir haben auf einem Fährschiff einmal die Zweifel von Passagieren mitbekommen, ob ihre verfrühte Rückfahrt vielleicht falsch war. Und bei Bekannten merkten wir, wie Aufenthalte, seien sie in Irland oder Indien gewesen, sie veränderten.
Sie gilt als sein Meisterwerk und sie ist eine der weltweit am häufigsten aufgeführten Opern: Giacomo Puccinis „La Bohème“. In Wikipedia lesen wir, „La Bohème“ stehe dem Verismo nahe, denn es geht um Leben, Leiden und Lieben gewöhnlicher Menschen. Viele Male und an verschiedenen Orten haben wir Puccinis Oper schon gesehen, aber vor drei Jahren war es wie von neuem. Wir hatten nach langem Suchen endlich die vergriffene deutsche Ausgabe des Romans von Henri Murger gefunden und gelesen.

Zunächst ein Kompliment den Librettisten Luigi Illica und Giuseppe Giacosa, denen es gelang, eine mehrtägige Lektüre auf einen stimmungsvollen Abend zu konzentrieren. Unsere Obacht galt besonders Mimì. Ist sie wirklich das zarte süße Mädel? Henri Murger nach ist sie eine Frau, die den Rauch der Pfeife ohne Kopfschmerzen erträgt. Wir warteten gespannt, aber wir vermochten nicht wie im Roman in ihren Zügen in Augenblicken eines Ärgers einen brutalen, wilden Ausdruck lesen.
Das Zueinanderfinden von Händen und Herzen nach dem Verlöschen der Kerze führt zu einer der berühmtesten Tenorarien: „Che gelida manina“. Das Verlöschen der Kerze steht in Murgers „Scènes“ zweimal in einem gänzlich verschiedenen Kontext. Rudolf war wieder einmal auf der Suche nach einer Partnerin und stößt auf ein schon von der Sprache her sehr einfaches Fräulein, das er zu sich einlädt. Sie gibt vor, dass ihr der Schuh drückt und während Rudolf ihr beim Aufschnüren hilft, löscht sie, um ihn zu necken, die Kerzen. Bald musste der Poet einsehen, dass sie das Platt der Liebe sprach, während er die höhere Sprache der Liebe reden wollte. Ein andermal verfließen die Konturen Mimìs mit einer Francine und der Dichter wird zum Bildhauer. Er gibt vor, nach dem Verlöschen der Kerze keine Streichhölzer zu haben und, dass sie auf das Einfallen des Mondlichts warten müssen. Auf der anderen Seite ist es Francine und nicht der Mann, die den Schlüssel zuerst entdeckt und heimlich versteckt.
Wir sehen, die Oper romantisiert den naturalistischen Roman. Henri Murger verbrachte seine Jugend unter den „Wassertrinkern“, einer Gruppe von Bohèmiens im Pariser Quartier Latin. Von dort seine Erfahrungen. Leicht sollen auch seine Freunde im Roman wieder zu erkennen sein. Wir möchten unsere Klassikwelt Nr. 92 vom 11. Juli 2023 in Erinnerung rufen („Überbietet eine Oper das Theaterstück oder den Roman?“) und die ganz anders geartete Sterbeszene mit Francine und dem Bildhauer.
Wenn von „La Bohème“ die Rede ist, denkt man von selbst an Puccini. Erstaufführung an der Wiener Hofoper (jetzt Wiener Staatsoper) im Jahr 1903. Bisherige Aufführungen über eintausendeinhundert. Aber schon 1898 ist an der Wiener Hofoper unter Gustav Mahler Ruggero (neuitalienisch statt Ruggiero) Leoncavallos „La Bohème“ erklungen. Diese „Bohème“ erlebte nur sechs Abende und die nur in dem einen Jahr. Seine Oper „Pagliacci“ ist beliebter geworden.
Im August 2002 erlebten wir im Rahmen vom „Klangbogen Wien“ (ehemals „Wiener Musiksommer“) am Theater an der Wien Ruggero Leoncavallos der Realität weitaus näher stehende „La Bohème“. Wir wurden Zeugen einer Delogierung, von Handgreiflichkeiten und der Selbstverliebtheit der Künstler. Der Tod Mimìs gipfelte nach dem belgischen Regisseur Guy Joosten in der Flucht Musettes, angeekelt von Leid und Not.
Lothar Schweitzer, 4. August, 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer
Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“
Schweitzers Klassikwelt 168: Baritone klassik-begeistert.de, 22. Juli 2026
Schweitzers Klassikwelt 167: Liebe auf den ersten Ton klassik-begeistert.de, 7. Juli 2026
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