Schweitzers Klassikwelt 166: Muss die Gilda in der Blüte ihres Lebens so tragisch enden?

Schweitzers Klassikwelt 166: Muss die Gilda so tragisch enden?  klassik-begeistert.de, 23. Juni 2026

Rigoletto, Tosca, Madama Butterfly reloaded

Würde nicht genügen, wenn Rigoletto für seine Tochter, die nach dem Tod des Herzogs herzzerreißend weint, ein Mitgefühl bekommt? Der ursprüngliche Titel der Oper, der zensuriert wurde, hieß „La maledizione“ (Der Fluch). Aber obwohl der Operntitel, wie bei so vielen Opern, einen Personennamen trägt, bleibt der Fluch im Mittelpunkt der Handlung und somit ist der besonders tragische Schluss unabwendbar.

von Lothar und Sylvia Schweitzer

„Tosca“ gehört trotz ihres brutalen Inhalts zu den vielgespielten Opern. Vier Tote, davon ein Mord, eine Hinrichtung und zwei Selbstmorde. Puccini wollte die Tosca tot zu Boden fallen oder wahnsinnig werden lassen. Doch Victorien Sardou, der Autor des gleichnamigen Theaterstücks, bestand auf den Sprung von der Engelsburg. Dafür verhinderte der Komponist die Idee Sardous, den Geheimagenten Spoletta als fünften Toten sterben zu lassen.

Originalplakat zur Uraufführung von Adolfo Hohenstein

Wir würden bei so vielen Toten Floria Tosca am Leben lassen. Eine Schlussarie wäre vielleicht zu konventionell. Mimik und eine symphonische Orchesterbegleitung würden mehr aussagen, mächtige Schlussakkorde ähnlich wie im vierten Bild der „Bohème“ nach dem Hinscheiden der Mimì. So eine Dramatik können Text und Gesang nicht bieten.

Plakat von Adolfo Hohenstein

Nicht der problematische Selbstmord der Mutter vor ihrem Kind rührt uns in dem hohen Maß wie die Szene, wenn Cio-Cio-San mit ihrem Kind sehnsuchtsvoll durch Löcher in den Papierwänden zum gelandeten Schiff Pinkertons herunterschaut. Für das Kind sind niedrige Löcher durchstoßen. Nüchterner trifft die Geisha in John Luther Longs ursprünglicher Novelle im Hafen zufällig auf Pinkerton und seine neue Frau. In der Vorlage zur Oper gefällt uns der Ausgang der Geschichte besser. Indem die Dienerin das Kind am Ohr zwickt und es damit zum Weinen beginnt, erwachen die mütterlichen Gefühle wieder zum Leben. Das lässt sich allerdings in einem Musikdrama schwer darstellen.

Kate Pinkerton, die Pinkertons Sohn abholen will, findet in der Folge ein verlassenes Haus vor. Wir müssen zweifeln, ob das Publikum dieses Finale akzeptieren würde. Es wäre eine besondere Herausforderung des Komponisten, diese unheimliche Leere musikalisch auszudrücken.

Lothar Schweitzer, 23. Juni, 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

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