Schweitzers Klassikwelt 162: Arien, die zu Herzen gehen

Schweitzers Klassikwelt 162: Arien, die zu Herzen gehen  klassik-begeistert.de, 27. April 2026

Herbert Lippert als Paul in „Die tote Stadt“ © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Aus einer Phase der Ruhe heraus oder während einer geistig nicht fordernden Routinearbeit beginnen sie in mir zu klingen.

Es sind nicht die nach Lexikon beliebtesten Arien, kein „Nessun dorma“, auch keine leichteren Arien wie „O mio babbino caro“ oder „Una furtiva lagrima“. Sie stammen auch nicht aus einem höfischen Milieu, in dem viele Opern spielen, wie etwa „Il Trovatore“ und „Lucia di Lammermoor“. Eher aus dem sogenannten Salonnaturalismus ohne historische Hintergründe.

von Lothar Schweitzer

Auf zwei eigentümliche Erfahrungen möchte ich näher eingehen.

Am Ende von Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ wacht die Hauptperson der Oper aus einem beglückend beginnenden, dann aber dramatisch endenden Traum erleichtert auf. Die Melodie des ihm in schöner Erinnerung gewesenen Lautenlieds „Glück, das mir verblieb“ wieder aufnehmend gibt er dem Schluss der zweiten Strophe eine neue Gestalt: „Ein Traum hat mir den Traum zerstört.“

Warum gerade diese Melodie auftaucht, mag unter anderem auch damit zusammenhängen, dass der Komponist im Exil der Vereinigten Staaten von Amerika mit Filmmusiken erfolgreich war. Man sagt dieser Oper Erich Wolfgang Korngolds nach, dass sie nur aus zwei Nummern bestünde. Wir müssen uns ehrlich fragen: „Zieht uns ein Abend mit Camille Saint-Saëns’ „Samson et Dalila“ nicht auch nur wegen Dalilas „Mon cœur s’ouvre à ta voix“ im 2. Akt an?“

Leonard Bersteins „Mass – ein Theaterstück für Sänger, Musiker und Tänzer“ ist ein typisches Kind der Jugendbewegungen der 68er- und 70er-Jahre. Und doch sind hier Verbindungen zu den noch nicht so rituell eingeengten christlichen Gottesdiensten der Anfänge zu ziehen.

Die Wiederkunft Christi wurde sehnsüchtig erwartet, es gab Unsicherheiten, weil schon viele unterdessen gestorben waren. Vielleicht wurden schon damals Versammlungen aus Glaubenszweifeln abrupt unterbrochen. Wie in „Mass“, als der Zelebrant die Gemeinde verlässt. Doch da beginnt ein Knabe unbeirrt mit einfachen, aber ergreifenden melodischen Verzierungen sein Laudate Deum (die Aufforderung zum Gotteslob) zu singen. Er nimmt den einen und die andere bei der Hand und richtet sie wieder auf. Wie oft klingt diese Szene in mir nach!

Das Stück schließt so mit einem „Widerfahrnis“. Dessen Charakter entzieht sich Gedanken, ist überraschend und unaufhaltsam. Hier wird ein Moment auf die Bühne gebracht und weiter im Gedächtnis behalten, der den Menschen in seinem Tun und Denken unterbricht.

Zum Abschluss das „Satyrspiel“. Ich wurde vor vielen Jahren angehalten, meiner kleinen Tochter ein Gute-Nachtlied am Gitterbett zu singen. In solchen Liedern nicht sehr bewandert, wich ich auf den Fliedermonolog aus. Mit Erfolg. Sie hörte die Melodie immer wieder gern und schlief – aber erst nachher – ein.

Lothar Schweitzer, 24. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

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