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Wie schwelgten wir, wenn Helden– oder Bassbaritone nach den gesprochenen Worten des Pizarro in Beethovens „Fidelio“ mit „Ha, welch ein Augenblick!“ mit ihren voluminösen, tragenden Stimmen ihre Arie begannen! Das unheimlich rezitierte „Morden!“ verlor an Ekel. Die Stimmlage des Baritons kommt meistens durch Wärme bzw. Wohlklang zum Tragen.
von Lothar und Sylvia Schweitzer
Es gab einmal einen Schergen eines Gewaltsystems, der wundervoll auf dem Klavier Beethoven-Sonaten spielte.
Da trat bei unserem letzten „Fidelio“ als Gouverneur des Staatsgefängnisses ein Sänger auf, dessen Sprechstimme eher auf einen Charaktertenor schließen ließ. Sein an sich höchstens durchschnittlicher Charakterbariton klang furchterregend. Wir assoziierten ihn mit einem Propagandaleiter des NS-Regimes. Es war der beeindruckendste, obwohl kein schönstimmiger Pizarro, den wir je gehört hatten.
Der Sarastro gilt als weise. Voll Milde und mit viel Gefühl singt er bei seinem ersten Auftritt: „Denn ohne erst in dich zu dringen weiß ich von deinem Herzen mehr: Du liebest einen andern mehr. Zur Liebe will ich dich nicht zwingen.“ Aber dann in die Basstiefen gehend: „Doch geb ich dir die Freiheit nicht.“ Und noch befremdender ein wenig später: „Ein Mann muss eure Herzen leiten …“ Gemeint ist das weibliche Geschlecht.
Da hüpft ein vorgeblicher Naturbursch auf der Bühne und singt: „Der Vogelfänger bin ich ja stets lustig heissa hopsasa.“

Schon in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war in den zoologischen Handlungen die Käfighaltung nur mehr für Zuchtvögel üblich.
Die Königin der Nacht wird im Gegensatz zu den ersten Begegnungen mit der „Zauberflöte“ in unsrer Kindheit und Jugendzeit heute nicht als durch und durch böse gesehen. Der so edel wirkende Sarastro hat Pamina mit Gewalt zu sich genommen. Ist Pamina das Opfer eines Ehekonflikts und will die Königin der Nacht aus Verzweiflung das Sonnenreich ruinieren?
Dass in diesen heiligen Hallen auch Typen wie Monostatos Aufgaben erhalten, darf nicht wundern, denn Heilsgeschichte ist durch die menschliche Unzulänglichkeit immer mit Unheilsgeschichte verwoben.

Hautfarbenwechsel: Der ehemalige Mohr Monostatos trägt eine fratzenhafte, helle Maske, Pamina wird von einer dunkelhäutigen Sopranistin dargestellt.
Osmin, der Aufseher des Serails, singt bei seinem ersten Auftritt mit samtenem Bass gefühlvoll: „Wer ein Liebchen hat gefunden, die es treu und redlich meint, lohn’ es ihr durch tausend Küsse, mach ihr all das Leben süße, sei ihr Tröster, sei ihr Freund.“ Doch in der zweiten Strophe kommen uns Bedenken, wenn es zu Beginn heißt: „Doch sie treu sich zu erhalten, schließ’ er Liebchen sorglich ein.“ Und knapp vor dem Finale von Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ zeigt Osmin seine brutale Seite in seiner berühmten Arie: „O, wie will ich triumphieren, wenn sie euch zum Richtplatz führen und die Hälse schnüren zu …“, wobei er das Zuschnüren der Hälse mehrmals genüsslich wiederholt.
Durch András Battas großartigen Opernführer „Opera“ werden wir in die Geheimnisse von „Le nozze di Figaro“ näher eingeführt. Die im Stück so treue Susanna wurde in Wien zur Mozartzeit von der temperamentvollen und lieblichen Nancy Storace gesungen. Der Mozart-Biograf Alfred Einstein ist der Meinung, sie sei die einzige Frau, auf welche Constance mit Recht hätte eifersüchtig sein können. Wenn Nancy/Susanna die berühmte Rosenarie singt, steht außer Figaro niemand auf der Bühne und es ist nicht sicher, ob Susanna ihn überhaupt wahrnimmt. Singt sie etwa die Arie für Mozart?
Während wir beim Baron Ochs auf Lerchenau in erster Linie das Komische sehen, soll diese Kunstfigur bei der Erstaufführung in Mailand weniger angekommen sein. Es kann sein, dass der Charme der Hofmannsthal’schen Sprache unübertragbar ins Italienische ist.

Immer wieder ist in den Tosca-Rezensionen vom auch szenisch darzustellenden Gewaltmenschen Baron Scarpia, dem Chef der Polizei, zu lesen. Obwohl Scarpia eine nicht vertrauenserweckende und zwielichtige Persönlichkeit ist, politisch in der Puccini-Oper für einen Österreicher sehr einseitig gebracht, so könnte er diesen Charakter in sehr vornehmer Art verbergen, wie es der russische Bariton Juri Masurok an der Wiener Staatsoper beispielgebend dargestellt hat.
In einer geselligen Runde kamen wir auf das Nibelungenlied zu sprechen. Richard Wagner hat Hagen als „schwarzen Bösen“ dargestellt, als Sohn des Alberich, der der Liebe abgeschworen hatte. Einer der Teilnehmer verteidigte den Hagen der ursprünglichen Nibelungensage als Wahrer von Ordnung und Recht. Siegfried, von überragend kräftiger Natur und noch dazu praktisch unverwundbar, ein mutiger Held? Aus heutiger Sicht wäre er eine Plage jeglicher Polizeistation, den man nur mit Tricks bewältigen kann.
David Belasco, der Luther Longs Novelle „Madame Butterfly“ dramatisierte, bezeichnete den US-amerikanischen Marineleutnant Pinkerton als Bestie. Erst durch die entschärfenden Eingriffe des Direktors der Pariser Opéra Comique, Albert Carré, mutierte Pinkerton zum bloß sich keine Gedanken machenden Liebhaber, wie wir ihn kennen.
Wir flochten offensichtlich dem eigenwilligen Regisseur von Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ keine Kränze, uns ist der Name entfallen, in der sich Walther von Stolzing durch den Schlussmonolog von Hans Sachs zu weit in die Zunft der Meister integrieren lässt, dass Eva ihn enttäuscht verlässt.
In unsrer Klassikwelt Nr. 38 „Mord in der Oper“ haben wir nachgezählt. Ungefähr ein Drittel der Opern enden auf diese gewaltsame Weise.
In George Rodenbachs Novelle „Das tote Brügge“ glaubt der Witwer Maries in der Begegnung mit einer Tänzerin seine verstorbene Frau wiederzuerkennen. Es kommt zu Komplikationen, denn der Schein trügt, und am Ende erwürgt er das Double. Das Ende der Tragödie: „Die beiden Frauen waren wieder zu einer verschmolzen. So ähnlich sie im Leben gewesen waren, im Tod waren sie sich doppelt ähnlich. Der Tod hatte die nämliche Blässe auf beide gelegt. Sie waren das zweieinige Gesicht seiner Liebe.“ (Zitat aus der Novelle)
Korngolds Oper „Die tote Stadt“ endet hingegen ohne Mord. Dieser fand eingeschlafen nur im Traum des Witwers Paul statt. Die Tänzerin Marietta hat Schirm und Rosen bei Paul vergessen und sieht das als Zeichen zu bleiben. Doch dieser reagiert nicht. Die berühmte Melodie ihres Lautenlieds vom Ersten Akt wiederholt Paul mit abgewandelten Worten: „Ein Traum hat mir den Traum zerstört.“ Und die zweite Strophe heißt nicht mehr: „Musst Du einmal von mir gehen, glaub, es gibt ein Auferstehn.“ Allein singt er die letzten Verse: „Harre mein in lichten Höhn, hier gibt es kein Auferstehn.“ Die Novelle schließt vernichtend. Erst die Oper lässt mitfühlen und ein Licht am Ende des Tunnels erblicken.
Sylvia Schweitzer, 14. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer
Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“
Schweitzers Klassikwelt 160: „Die Stimme ist eine Gottesgabe“… klassik-begeistert.de, 31. März 2026