Nézet-Séguin macht Mahlers 3. zum empathischen Ereignis

Mahlers 3. mit Yannick Nézet-Séguin und Joyce DiDonato  Philharmonie Berlin, 21. Mai 2026

Foto: Archiv Yannick Nézet-Séguin, Foto: (c) Michael Trippel

Gustav Mahler
Symphonie Nr. 3 d-Moll

Joyce DiDonato  Mezzosopran

Damen des Rundfunkchors Berlin
Knaben des Staats-und
Domchors Berlin

Yannick Nézet-Séguin  Dirigent
Berliner Philharmoniker

Philharmonie Berlin, 21. Mai 2026

 von Peter Sommeregger

Gustav Mahlers dritte Symphonie sprengte schon vom geforderten Apparat die Dimensionen der Symphonik des ausgehenden 19. Jahrhunderts, mit knapp 100 Minuten Dauer ist sie auch die längste Symphonie Mahlers. Die Interpretation und Aufführung dieses Mammutwerkes verlangt nach Kräften der Spitzenklasse, und die standen bei dieser Aufführungsserie in der Berliner Philharmonie zur Verfügung.

Der Frankokanadier Yannick Nézet-Séguin ist bereits seit dem Jahr 2010 regelmäßig zu Gast beim Orchester, international ist er bereits 2018 zum Musikdirektor der New Yorker Metropolitan Opera aufgestiegen. Man durfte also auf diese Aufführung gespannt sein.

Schon den ersten Satz, zu dem Mahler durch den Blick auf das Gebirge von seinem Komponierhäuschen am Attersee aus inspiriert wurde, legt der Dirigent groß dimensioniert an, steigert das Orchester zu monumentaler Wucht, wodurch der Gegensatz zum eher lyrischen zweiten Satz deutlich herausgearbeitet wird. In das darauf folgende Scherzo baut Mahler Zitate aus seinen Wunderhorn-Liedern ein, dominiert wird der Satz aber von einem überirdisch schönen, aber traurigen Posthornsolo, das außerhalb des Saales von Guillaume Jehl sicher und tief berührend geblasen wird.

Im sehr viel stilleren vierten Satz steht das Altsolo auf einen Text von Friedrich Nietzsche im Mittelpunkt, „Die Welt ist tief“ könnte man als zentrale Aussage des Werkes deuten. Joyce DiDonatos Stimme ist auch nach einer Jahrzehnte währenden Karriere immer noch bestens fokussiert und füllt den bedeutenden Text mit Wärme und erfreulicher Textverständlichkeit. Konterkariert wird die Schwere des Nietzsche-Textes durch die gewollt naiven Frauen-bzw. Knaben chorpassagen des fünften Satzes.

Joyce DiDonato Photo Slava Lopez

Der breit angelegte sechste und letzte Satz ist ein an dieser Stelle einer Symphonie ungewöhnlich platziertes Adagio, in dem Mahler noch einmal all seine Instrumentationskunst zu ausladenden Melodienbögen formt, und die aufpeitschenden, vorangegangenen Passagen der Symphonie gleichsam in Ruhe verströmend ausklingen lässt.

Der expressive Dirigierstil Nézet-Séguins findet in dieser Partitur ein reiches Betätigungsfeld. Er tänzelt am Podium, darin Kirill Petrenko ähnlich, übersetzt aber die Musik noch stärker in eine Körpersprache, die für sich schon eine sportliche Leistung darstellt. So gelingt es ihm aber auch, das Publikum emotional abzuholen, was sich am Ende in frenetischem, fast schon hysterischen Jubel des Publikums niederschlägt.

Der gilt aber nicht nur dem Dirigenten , der Solistin und den Chören, sondern speziell dem traumhaft virtuos aufspielenden Orchester, das einmal mehr seine Weltklasse beweist. Selbst nachdem das Orchester bereits das Podium verlassen hat, wird weiter geklatscht, und der Dirigent noch einmal in den Saal gerufen.

Peter Sommeregger, 23. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 2 c-Moll, Yannick Nézet-Séguin, Dirigent Carnegie Hall, New York, 10. März 2026

Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, Dirigent: Yannick Nézet-Séguin Wiener Musikverein, 31. Dezember 2025/1. Januar 2026        

Wiener Philharmoniker, Yannick Nézet-Séguin Salzburger Festspiele, 24. August 2025

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