Hamburg: Ein halbleerer Saal grüßt Kratzers köstliches Kunstwerk

Frauenliebe und -sterben, Tobias Kratzer, Regie  Hamburgische Staatsoper, 22. Mai 2026

Eine Tragödie war die Auslastung. In dem Haus mit 1,690 Plätzen nahmen gerade einmal gut 600 Gäste Platz, „halbleer“ wäre wohl Euphemismus. 1.000 (!!) freie Plätze an einem Abend, so viele dürften an der Wiener Staatsoper aufsummiert über die ganze Spielzeit nicht frei bleiben.

Frauenliebe und -sterben © Matthias Baus

Drei Werke, drei Epochen, ein spannender, kurzweiliger Opernabend und viele neue Entdeckungen selbst für eingefleischte Opernfans. Kratzers Kreativität lässt in seiner dritten Produktion in Hamburg nicht nach, auch das Gesangensemble überzeugt und das Philharmonische Staatsorchester spielt auf Spitzenniveau.

Frauenliebe und -sterben

Robert Schumann: Frauenliebe und -leben
Béla Bartók: Herzog Blaubarts Burg
Alexander Zemlinsky: Eine florentinische Tragödie

Tobias Kratzer, Regie
Karina Canellakis, Dirigat

Hamburgische Staatsoper, 22. Mai 2026

von Johannes Karl Fischer

So eine kurzweilige und kreative Regiearbeit hat die Opernwelt schon lange nicht mehr gesehen! Tobias Kratzer, Intendant und in dieser Spielzeit „Chefregisseur“ an der Hamburgischen Staatsoper, fusioniert Drama mit Kunstlied und entdeckt dabei völlig neue Facetten dieser gänzlich verschiedenen Werke. Jede Szene, jede Note weckt die Neugier auf das, was als nächstes kommt. Gemeinsame Nenner: Gefühle, Liebesgefühle, starke Emotionen. Ein bisschen als würde man durch die verwinkelten Gassen Venedigs spazieren und alle drei Meter neugierig um die nächste Ecke nach einem weiteren malerischen Lagunenblick gucken… 

Schumann mit viel sanfter Liebe

Das erste der drei gespielten Werke war Robert Schumanns Liederzyklus „Frauenliebe- und leben“. Musikalisch also recht leichte Kost, und Vera-Lotte Boecker sang die Solo-Stimme wunderbar mit Inbrunst aus dem Herzen. Ihr sauberer Sopran segelte durch die sanften Schumann-Melodien und ließ dabei die Emotionen blumig aus ihrer Stimme emporsteigen. Die völlig dunkle Bühne mit still umherschweifenden Figuren ließ einen ganz in das Innenleben der offenbar verliebten Erzählerin eintauchen. So berührend, so zugänglich kann auch man also auch Schumanns Werk auf die Bühne bringen!

Frauenliebe und -sterben, Szene aus Schumanns Acht Liedern © Erik Berg

Fast nahtlos, unmerklich ging es dann in die deutlich intensivere Musik von Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg hinein. Im zuvor scheinbar harmlosen Zimmer eines prächtigen Herrenhauses herrschte nun eine mysteriöse Krimi-Stimmung, statt sanften Schumann-Melodien strömten Stränge an gespenstischen Bartók-Melodien aus dem Graben. Die Spannung nahm hier erst richtig an Fahrt auf, die umherzerrenden Emotionen der beiden Figuren zogen einen mit Sog durch die Handlung.

Schlicht brillierter mit dramatischer Mezzo-Stimme

Das gesangliche Highlight des Abends war Annika Schlichts Judith. Mit zupackendem Mezzo holte sie eine fesselnde Dramatik aus ihrer Stimme und hatte ihren Hausherrn und Geliebten fest im Griff. Jede Note ihrer Partie setzte sie mächtig und furchtlos über das Orchester, man spürte den Orkan ihrer Liebesgefühle wie eine Flut an tobenden Hochseewellen im Saal stehen. Auch Johan Reuter sang den Herzog Blaubart stimmstark und selbstsicher und brachte die Skrupellosigkeit seiner Partie von Beginn äußerst überzeugend auf die Bühne.

Frauenliebe und -sterben © Matthias Baus
Köstliche Zemlinsky-Rarität zum Abschluss

Nach der Pause gab es dann nochmal was ganz anderes, Alexander Zemlinskys kaum gespielte Eine florentinische Tragödie. Die Musik funkelt fast schon im Strauss’schen Stil, man könnte meinen, man bekäme hier eine amüsierende Liebesdreieckskomödie serviert. Doch nahm Kratzers Regie erst hier richtig an Fahrt auf: Das Bühnenbild blieb unverwandelt, die geisterhafte Stimmung von Blaubarts mit Blutspuren befleckter Burg wollte einen nicht aus dem Auge verlassen. Umso packender und spannender verging auch diese Handlung viel zu kurz wie in einem Augenzwinkern.

Gesanglich setzte sich das hohe Niveau der beiden ersten Werke fort. Meisterhaft und scheinbar mühelos schaltete Reuter (Simone) in diese im Vergleich zu Bartók deutlich unterhaltsamere Musik um, dennoch drang seine Eifersucht deutlich aus seinem Bariton hervor. Besonders positiv fiel der Tenor Thomas Blondelle (Guido) auf, der mit heldenhafter und sehr präsenter Stimme seine Noten und das Leben mit seiner Geliebten lebenslustig auskostete, als gäbe als kein Morgen. Ambur Braid sang eine solide Bianca, dass sie musikalisch etwas unauffällig blieb, dürfte wohl eher an der Partie als an ihrer Leistung liegen.

Frauenliebe und -sterben © Matthias Baus

Karina Canellakis führte das Philharmonische Staatsorchester zu einer Spitzenleistung dieses musikalisch nicht einfachen Programms. Insbesondere im Bartók ließ sie die Musiker mit extrem hoher Präzision stimmungsvoll die gespenstischen Bilder in den Melodien malen. Auch Zemlinskys nicht weniger anspruchsvolle Partitur strömte meisterhaft mit viel Spaß und spürbar bewegt aus dem Graben.

Trotz Kratzer-Erfolg: Staatsoper nichtmal zur Hälfte gefüllt

Eine Tragödie war allerdings die Auslastung. In dem Haus mit 1.690 Plätzen nahmen gerade einmal gut 600 Gäste Platz, „halbleer“ wäre wohl Euphemismus. 1.000 (!!) freie Plätze an einem Abend, so viele dürften an der Wiener Staatsoper aufsummiert über die ganze Spielzeit nicht frei bleiben.

Auch die Schweigsame Frau gestern in Berlin war trotz Starbesetzung erstaunlich schlecht besucht. Das spiegelte sich leider auch heute in der mauen Applausstimmung wider. Außerdem verließen auffällig viele Gäste bereits während Zemlinskys Florentiner Tragödie den Saal. Wenn diese musikalisch kostbare Trilogie die einst weltweit gefeierte Hamburgische Staatsoper nicht zu altem Ruh verhelfen kann, wer und was dann?

Johannes Karl Fischer, 23. Mai 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung:

Frauenliebe und -leben (Robert Schumann):                                                          Vera-Lotte Boecker, Sopran
Joseph Middleton, Klavier

Herzog Blaubarts Burg (Béla Bartók):
Blaubart: Johan Reuter, Bariton
Judith: Annika Schlicht, Mezzosopran

Eine Florentinische Tragödie (Alexander Zemlinsky):
Simone: Johan Reuter, Bariton
Bianca: Ambur Braid, Sopran
Guido: Thomas Blondelle, Tenor

Auf den Punkt 88: Frauenliebe und -sterben, Tobias Kratzer Hamburgische Staatsoper, 17. April 2026

Frauenliebe und -sterben, Tobias Kratzer Regie Hamburgische Staatsoper, 12. April 2026 PREMIERE

Frauenliebe und -sterben, Regie Tobias Kratzer Hamburgische Staatsoper, 12. April 2026 PREMIERE

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Hamburgische Staatsoper, 22. Mai 2026“

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