Staatsoper für alle 2026 | 23. Mai 2026 | Live-Übertragung von Nabucco auf dem Bebelplatz © Peter Adamik
Staatsoper für alle in Berlin. So wörtlich wie in dieser Stadt wird das nirgends zelebriert: Alle, alle, alle sind sie da: Die Leute mit Picknickdecke, die Influencer mit den geilen Klamotten, die Herren mit Fliege und die Damen mit den tiefen Ausschnitten. Die Schauspieler aus allen Ecken der Republik, die Vertreter des Sponsors und die Presse von klassik-begeistert bis Super-Illu. Wenn man die Augen ein wenig zukneift, sieht man das Personal vieler Opern in den 15.000 Leuten auf dem Bebelplatz vor der großen Freiluftbühne und bei den geladenen sowie zahlenden Gästen im Opernhaus Unter den Linden.
Da ist eine Papagena mit Federn an den Blazerärmeln. Dort flüstern Valzacchi und Annina aus dem Rosenkavalier. Neben ihnen hält die elegante Elisabeth von Valois in Begleitung ihres schon etwas älteren Gemahls Philipp II. Ausschau nach – ja, wo ist eigentlich Don Carlo? Wir sehen nur Fiordiligi und Dorabella aus Così fan tutte. Offenbar sind die beiden jetzt ein Paar, ebenso wie ihre ehemaligen Liebhaber Guglielmo und Ferrando. Auch eine Lösung! Das bunte Völkchen, von Sponsor BMW auf den 1. Rang und in den Apollosaal sowie auf den Bebelplatz eingeladen, schwatzt bald über alle Rollengrenzen hinweg miteinander. Es gibt italienische Oper, und die Stimmung ist heiter bis sonnig. Draußen knallen erst 30°, später 27°C aufs Pflaster. Drinnen tut die Klimaanlage, was sie kann.
Giuseppe Verdi
Nabucco
Dramma lirico in vier Teilen (1842)
Text von Temistocle Solera
Musikalische Leitung Francesco Lanzilotta
Inszenierung Emma Dante
Bühne Carmine Maringola
Kostüme Vanessa Sannino
Nabucco Ariunbaatar Ganbaatar
Abigaille Lidia Fridman
Ismaele Andrés Moreno García
Fenena Elena Maximova
Zaccaria Tareq Nazmi
Anna Clara Nadeshdin
Abdallo Junho Hwang
Hohepriester des Baal Hanseong Yun
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Staatsoper Unter den Linden, 23. Mai 2026
von Sandra Grohmann
Feststimmung im Haus Unter den Linden. BMW, der Sponsor von Staatsoper für alle, lässt sich nicht lumpen, finanziert ein rauschendes Fest für alle und verkündet noch am Abend, dass die Partnerschaft trotz der wirtschaftlich schwierigen Zeiten durch einen just unterzeichneten Dreijahresvertrag gesichert ist. Das kann man nur wertschätzend anerkennen!
Los geht es für alle, die wollen, schon nachmittags mit einer Führung durch die Intendanz, wo sich auch die Probebühne und die Orchesterprobensäle befinden (außerdem, aber das sehen wir heute nicht, werden dort die Brezeln für die Pause stets frisch gebacken).
Der Rundgang beginnt mit Chefdramaturg Dr. Giese, der alle Fragen geduldig beantwortet, und führt bis zur Hauptbühne im Opernhaus, endet dort aber nicht: Wir dürfen in die vor zehn Jahren aus Nachhallgründen angehobene Decke klettern. Von dort oben werfen wir fasziniert einen Blick durch die netzartige Struktur und von der vorgelagerten Galerie aus in das ganze Haus. Heute wird Nabucco gegeben, und die Komparserie probiert unten noch etwas aus. In der Oper, erläutert der technische Direktor Holger Ackermann, gibt es häufig noch im letzten Moment Personaländerungen, da müssen die Ersatzleute schnell mal die nötigen Bewegungen einüben. Später werden wir auf der Bühne sehen, dass die das ziemlich gut können, sich schnell einfinden.
Bevor die Musik endlich beginnt, müssen aber alle, die für einen Platz drinnen eingeladen sind, über den roten Teppich, der gar kein Teppich ist, sondern eine Art roter Kunstrasen. Alles, was irgendwie Prominenz genießt, wird vor dem neuen Modell des Sponsors oder auf der Treppe fotografiert. Danach geht es über die Treppe direkt in den Apollosaal. Derweil sammeln sich auf dem Bebelplatz alle, die kein Ticket haben, vor der Riesenleinwand, auf die das Spektakel in Ton und Bild übertragen wird. Die Sommerparty-Stimmung schwappt bis ins Operngebäude hinein, obwohl die (fun fact: ungeputzten) Seitenfenster des Saals geschlossen sind.
Auch drinnen Feststimmung. Jeder plaudert mit Jedem. Der Kollege von der Super-Illu kennt die ganze Prominenz und fotografiert sich durch den Saal. Schön, dass wir alle unterschiedliche Kompetenzen haben. Mit Prominenten kenne ich mich nicht aus. Bei mir herrscht einfach der Gleichheitssatz des Grundgesetzes, das nebenbei bemerkt heute Geburtstag feiert (es wird 77 Jahre alt). Das passt wunderbar zu dem friedlichen Großereignis mit seinen rund 15.000 Besuchern. Der erste Satz von Artikel 3 des Grundgesetzes lautet: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Lässt sich das schöner beglaubigen, als wenn eine angeblich elitäre Kunstform auf dem Platz, wo einmal Bücher verbrannt wurden, von Jedermann und Jedefrau genossen und gefeiert wird? Von denen, die vorbereitet mit Picknickdecke kommen, ebenso wie von denen, die zufällig vorbeischauen? Heute sind einmal auch alle vor der Oper gleich.
Und dann geht es los mit dieser Kunstform. Die inzwischen gut miteinander bekannte Apollosaalgruppe wechselt geschlossen in den ersten Rang. Francesco Lanzilotta, von Dr. Giese als spezifisch für das italienische Fach anerkannter Dirigent angekündigt, hebt den Taktstock und lässt uns mit der schmissig musizierten Ouvertüre in eine Welt voll blutigen Hasses eintauchen. Wie (fast) immer in der Oper geht es um Intrigen, Liebe und Tod. Und hier zusätzlich um Krieg, Feindschaft, Vernichtungswillen.
Religion, die als willkommener Vorwand missbraucht wird. Einem König, der sich zu Gott hochstilisiert. Gut, denke ich ironisch, dass das nichts mehr mit unserer Welt heute zu tun hat. Es ist natürlich elitär und überflüssig, sich diesen abgehakten Themen zuzuwenden. Wozu sie besingen? Genau, es sind ewige Menschheitsthemen.
Das mit dem Singen ist heute Abend ein besonderer Genuss. Von einigen Wacklern im ersten Teil abgesehen (ich habe ja gelernt, das mitzugenießen: wir sind Menschen und einige von uns trauen sich live auf die Bühne – gut, wenn da auch mal was danebengehen darf) erleben wir vor allem durchweg starke Stimmen, die sich scheinbar mühelos über Chor und Orchester erheben. Da der Chor in dieser Oper die heimlichen Hauptrollen – nämlich die der beiden verfeindeten Völker – spielt, ist das Schweben der Solostimmen über dem Chor besonders wichtig, um die Rollen musikalisch voneinander abzugrenzen. Dass der Chor, einstudiert von Dani Juris, die längste Zeit ins Bühnenbild gesperrt ist, tut dem Klang heute Abend keinen Abbruch. Das Orchester widmet sich derweil wie angekündigt hingebungsvoll der Italianità und trägt alle Sänger mit hörbarer Spielfreude.
Im Publikum hatten wir, wie sich im anschließenden Gespräch herausstellt, unterschiedliche Solisten-Lieblinge. Meine absoluten Favoriten an diesem Abend sind Lidia Fridman als Abigaille und Ariunbaatar Ganbaatar als Nabucco. Ein dramatischer Sopran und ein geradezu lyrischer Bariton, die einen ins Schwärmen geraten lassen.
Fangen wir mit Lidia Fridman an. Sie hat darstellerisch die schwere Aufgabe, den immer noch beklagenswerten Ausfall der Personenregie in dieser Inszenierung (dazu https://klassik-begeistert.de/nabucco-von-giuseppe-verdi-libretto-von-temistocle-solera-staatsoper-unter-den-linden-berlin-6-oktober-2024/ ) irgendwie wettzumachen.
Besonders albern wirkt es beispielsweise, dass sie und ihre Begleiter ständig mit Revolvern herumzufuchteln haben, was prompt unbeabsichtigte Lacher provoziert. Für Fridman ist das aber kein Problem. Ihre überragende Bühnenpräsenz, gepaart mit einem Sopran, der wirklich dramatisch genannt werden darf und dabei überhaupt nicht scharf klingt, sondern über alle Register voll und reich wie dunkle Schokolade, lässt einen die Peinlichkeiten der Regie für den Augenblick vergessen. Die Registerwechsel in ihren Achterbahn-Arien gelingen ihr bruchlos, ihr Atem scheint undendlich – und wenn sie dann noch auf einem Atem die Stimme moduliert, ist das Hörerglück perfekt. Man darf sagen, dass die Staatsoper mit ihr eine würdige Nachfolgerin für Anna Netrebko, die 2024 die Premiere sang, verpflichten konnte.
Besonders schön gestalten sich die Duette mit ihrem Ziehvater, König Nabucco. Ariunbaatar Ganbaatar, längst international zu Recht gefeierter Bariton, deckt die ganze Bandbreite der Rolle ab. Der Wahnsinnige, der alle Götter außer sich selbst für tot erklärt, und der Geläuterte, der den Frieden herbeiführt, sind in seiner Kehle gleichermaßen bestens aufgehoben. Dabei ist seine Stimme trotz aller Durchschlagskraft so butterweich, dass sie zutiefst lyrisch wirkt. Zu Herzen und unter die Haut geht deshalb der Kontrast zum dramatischen Sopran von Lidia Fridman. Zwei klanglich hervorragend zueinander passende Stimmen, die zwei unterschiedliche Figuren repräsentieren. Perfekt.
Daneben glänzt vor allem Andrès Moreno Garcia mit seinem strahlend schönen und bis in die Galerie tragenden Tenor (darauf warte ich ja immer!). Elena Maximovas Fenena übertreibt es für meinen Geschmack mit dem Vibrato, was vor allem den Zusammenklang mit anderen Stimmen in meinem Ohr stört, erfreut aber meinen Sitznachbarn durch ihre kräftige, gleichwohl weiche Stimme, die ebenfalls sehr gut zur Rolle passt. Tareq Nazmi leiht dem Hohepriester mit kräftigem Bass die Überzeugungskraft, dass Gott durch ihn spreche. Und erstmals wird seine Bühnenschwester Anna durch das ehemalige Mitglied des Opernstudios Clara Nadeshdin mit über dem Chor schwebendem Sopran überhaupt ins Bewusstsein gerückt: Mir war die Rolle ehrlich gesagt zuvor noch nie aufgefallen, dramaturgisch ist sie eher unerheblich.
Zurzeit dem Opernstudio gehören schließlich Junho Hwang und Hanseong Yun an, die den Abdallo und den Hohepriester des Baal singen. Sie reihen sich nahtlos ins Ensemble ein, was an diesem Abend das schönste Kompliment ist.
Die Opernnacht klingt im Apollosaal aus. Der Orchestervorstand, Chorleiter Dani Juris, der Chorvorstand und alle Solisten sind, nachdem sie sich auch auf dem Bebelplatz von dem Publikum haben feiern lassen und vor ihm verneigt haben, mit dabei.
Die Reden preisen außer der Oper und dem Ballett (das nächstes Jahr mit von der Partie sein wird) auch das Grundgesetz.
Draußen laue Sommernacht. Der Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit, nach Freiheit und Gleichheit trägt die bunte bis gegensätzliche Gesellschaft, die hier zusammenkommt.
Wir wollen ihn weiter in die Welt tragen.