Martin Vischer (Zemlinsky der Jüngere), Günter Franzmeier (Zemlinsky der Ältere). Fotocredit: Moritz Schell
Im Juli 1985 wurde die Urne mit der Asche Alexander Zemlinskys nach Wien überführt und in einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof beigesetzt. Das ist der Ausgangs- und Endpunkt des Theaterstücks “Zemlinsky” von Felix Mitterer. Es entstand als Auftragswerk des Alexander Zemlinsky Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien aus Anlass des 150. Geburtstags des Komponisten und wurde im März 2026 im Theater in der Josefstadt uraufgeführt.
Felix Mitterer Zemlinsky
Regie: Stephanie Mohr
Bühnenbild: Miriam Busch
Kostüme: Nini von Selzam
Musikalische Leitung: Wolfgang Schlögl
Choreografie „Broadway“: Kimberly Rydell
Wien, Theater in der Josefstadt, 22. Mai 2026
von Dr. Rudi Frühwirth
Peter Sommeregger hat in seiner Klassikwelt 206 den schwierigen Lebensweg Alexander Zemlinskys einfühlsam beschrieben. Den bedeutenden, viel zu lange sträflich vernachlässigten Komponisten im Mittelpunkt eines Theaterstücks zu sehen, berührt emotional freilich noch viel tiefer, vor allem dank der empathischen Inszenierung von Stephanie Mohr und den exzellenten schauspielerischen Leistungen.
Die Bühne ist von Miriam Busch als Orchesterpodium gestaltet; die Schauspieler und Schauspielerinnen treten oft aus ihren Rollen heraus, singen und spielen auf den Instrumenten. Die Musik Zemlinskys ist organisch in den Text eingeflochten; es werden Originalausschnitte aus Opern und Orchesterwerken eingespielt, wie auch Lieder in der Bearbeitung von Wolfgang Schlögl. Die Kostüme von Nini von Selzam sind perfekt den Charakteren angepasst; die gealterte Alma Schindler-Mahler-Gropius-Werfel als grotesk aufgedonnerte Matrone sorgt für eine kurzen Moment der Erheiterung im tieftraurigen Stück.

Das Stück beginnt im amerikanischen Exil in einer einfachen Unterkunft in New York.
Der todkranke, gebrochene Alexander Zemlinsky bittet seine Frau Louise, dass seine Asche nach Wien gebracht wird, denn er empfindet Wien noch immer als seine Heimat, trotz des schreienden Unrechts, das ihm widerfahren ist. Von dieser Szene springt die Handlung zurück in wichtige Stationen seines Lebens. Er begegnet Johannes Brahms, der trotz Zemlinskys Begeisterung für Wagner ein wichtiger Förderer wird. Er wird der Kompositionslehrer von Alma Schindler, die er abgöttisch verehrt, die ihn aber wegen seiner unglücklichen äußeren Erscheinung verspottet und schließlich Gustav Mahler heiratet. Ein weiterer schwerer Schlag ist der Rücktritt Mahlers als Hofoperndirektor, der die Uraufführung von Zemlinskys Oper “Der Traumgörge” jäh verhindert – der in Wien grassierende Antisemitismus hat zugeschlagen.
Breiten Raum nimmt Zemlinskys komplizierte Beziehung zu Arnold Schönberg ein. Er ist sein Lehrer, später sein Schwager, denn Schönberg heiratet Mathilde Zemlinsky. Ihre Affaire mit dem Maler Richard Gerstl verzeiht er ihr bis an ihr Lebensende nicht, was Zemlinsky in einen unauflösbaren Zwiespalt stürzt. Die symbolische Darstellung von Gerstls Selbstmord, angelehnt an sein berühmtes Selbstbildnis, ist eine der stärksten Szenen des Abends.
Schönberg selbst ist von Mitterer durchaus ambivalent konzipiert: ohne seine künstlerische Größe in Frage zu stellen, ist er in der letzten Begegnung mit seinem ehemaligen Lehrer in New York herablassend und spendet oberflächlichen Trost ohne tiefere Anteilnahme. Er ist der Amerikaner geworden, der Zemlinsky nie werden konnte und wollte.
Schönbergs berühmter Satz „Zemlinsky kann warten“ zieht sich wie ein Leitmotiv durch den ganzen Abend. Was einst als respektvolles Lob gedacht war, wird bei Mitterer zum bitteren Kommentar über die Anerkennung als Komponist, die Zemlinsky lebenslang verweigert wurde und die ihm erst in jüngerer Zeit in wachsendem Maße zuteil wird.

Die Zurückweisung durch Alma hat in Zemlinskys Werk tiefe autobiographische Spuren hinterlassen, am stärksten in der Symphonischen Dichtung “Die Seejungfrau” und in der Oper “Der Zwerg”.
Es besteht wenig Zweifel, dass Zemlinsky sich in der Figur der kleinwüchsigen Missgestalt in Oscar Wildes Märchen “Der Geburtstag der Infantin” wiedererkannte und daraus die Inspiration zu seiner Oper schöpfte. Folgerichtig hat Mitterer die wichtigsten Stellen aus Wildes Fabel in seinen Text eingeflochten, und nicht zufällig wird der erschütternde Schluss – der Zwerg erkennt seine Missgestalt im Spiegel und stirbt an gebrochenem Herzen – vom Darsteller des jüngeren Zemlinsky vorgelesen.
Die Teilung der Rollen von Zemlinsky und seiner zweiten Frau Louise Sachsel in die ältere und die jüngere Inkarnation ist ein kluger dramaturgischer Trick, mit dem die Gegenwartsebene und die Erinnerungsebene parallel gezeigt werden können und die tiefgreifende Entwicklung der Charaktere sichtbar gemacht wird. Der jüngere Zemlinsky ist hoffnungsvoll, ehrgeizig und charmant, und betrügt seine erste Frau Ida; der ältere ist krank, gebrochen, resigniert, ja verzweifelt. Die jüngere Louise ist die bezaubernde, lebenslustige Geliebte; die ältere ist die besorgte, treue Gefährtin, die am Ende die Asche nach Wien bringt.

Die Überführung seiner Asche nach Wien und die Aufnahme in ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof sind eine würdige, wenn auch reichlich späte Geste der Anerkennung. Dennoch können solche postumen Ehrungen nicht annähernd das wiedergutmachen, was Alexander Zemlinsky durch Vertreibung, Ächtung und Exil widerfahren ist. Felix Mitterers „Zemlinsky“ zeigt ungeschönt, dass nichts die tiefen Wunden heilen kann, die der Antisemitismus dem damals unvergleichlichen kulturellen Leben dieser Stadt geschlagen hat.
Postscriptum: Am 3.10. hat in der Wiener Staatsoper Zemlinskys Oper “Eine Florentinische Tragödie” Premiere, gekoppelt mit Bartóks “Herzog Blaubarts Burg”. Asmik Grigorian wird die beiden Frauenrollen verkörpern.
Dr. Rudi Frühwirth, 25. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Alexander Zemlinsky (der Ältere): Günter Franzmeier
Alexander Zemlinsky (der Jüngere): Martin Vischer
Louise Sachsel-Zemlinsky (die Ältere): Martina Ebm
Louise Sachsel-Zemlinsky (die Jüngere): Melanie Hackl
Alma Schindler-Mahler-Gropius-Werfel: Ulli Maier
Anna Moll/Charlotte Garrigue Masaryková: Susa Meyer
Ida Guttmann-Zemlinsky/Hansi Zemlinsky: Alexandra Krismer
Mathilde Zemlinszky (verehelichte Schönberg): Kimberly Rydell
Arnold Schönberg: Markus Kofler
Franz Werfel/US Alma: Robert Joseph Bartl
Gustav Mahler: Paul Matić
Johannes Brahms: Michael König
Richard Gerstl/Johannes Hollnsteiner: Julian Valerio Rehrl
Die Nornen: Melanie Hackl, Susa Meyer, Kimberly Rydell
Alter Jude, Polizist, Stromableser, SA-Mann: Michael König, Julian Valerio Rehrl, Paul Matić
Rudis Klassikwelt 7: Cerha, Schönberg, Gemalte Musik klassik-begeistert.de, 13. März 2025