Die Reihe „Oper und Philosophie“ mit Konrad Paul Liessmann (re.) wird von Ö1 Opern-Redakteur Michael Blees (li.) produziert. © ORF/Joseph Schimmer
In der Reihe “Apropos Oper” des ORF-Senders Ö1 gestaltet Konrad Paul Liessmann vier Sendungen unter dem Motto “Oper und Philosophie”, jeweils am ersten Sonntag des Monats. Liessmann, Philosoph und Opernliebhaber, bringt den philosophischen Kern der großen Opern zur Sprache, untersucht aber auch den Einfluss der Kunstgattung Oper auf das Denken so mancher großen Philosophen. In der jüngsten Sendung vom 3. Mai 2026 erforscht Liessmann das Prinzip des absolut Bösen, radikal verkörpert in der Figur des “Iago” in Verdis “Otello”.
Oper und Philosophie
Der Geist des Musiktheaters am Fallbeispiel von Giuseppe Verdis „Otello“
Sonntag, 3. Mai 2026, 15h05, ORF, Ö1
https://oe1.orf.at/programm/20260503/831497/Oper-und-Philosophie
Musikbeispiele: Studioaufnahme aus dem Jahr 1973, mit Jon Vickers als Otello, Mirella Freni als Desdemona und Peter Glossop als Iago. Chor der Deutschen Oper Berlin, Berliner Philharmoniker, Leitung: Herbert von Karajan.
von Dr. Rudi Frühwirth
“Mit einem Aufschrei des Universums, der sich greller und härter nicht denken lässt, beginnt Verdis Oper ‘Otello’”. Das schreibt der Musikwissenschafter Stefan Kunze über die Eingangsszene der Oper in seinem Essay Der Verfall des Helden. Über Verdis “Otello“.
Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf das Toben der Elemente. Voller Angst verfolgt das Volk das Schicksal der venezianische Flotte, die vor dem Hafen gegen ihren Untergang kämpft. Die Chöre des Volkes vereinen sich zu einem ungeheuren Gebetshymnus, der die ganze Wucht des Orkans in sich versammelt. Und dann der berühmte, unvergleichliche Auftritt Otellos. Esultate! “Strahlender, souveräner könnte kein Held auftreten als hier Otello, Sieger gleichermaßen über die entfesselte Natur und über den Feind”. Liessmann fährt fort: “Ein fulminanter, musikalischer Auftakt zu – nein, nicht weiteren Triumphen des Helden, sondern zu einem Untergang, einer Demontage, einem Absturz, den die Opernbühne bis dahin nicht gesehen hatte.”
Was hat Verdis Spätwerk mit Philosophie zut tun? Nun, immerhin geht es um fundamentale meschliche Eigenschaften, Macht und Gier, Liebe und Eifersucht, Stolz und Vorurteile. Was jedoch Liessmann über viele Jahrzehnte vor allem fasziniert hat, ist “jene Figur, die Otellos Untergang raffiniert plant und gnadenlos durchführt: Iago.” Iago ist nicht eine jener sinistren Gestalten auf der Opernbühne, die aus Machtgier, Rachsucht oder Liebeswahn zu Verbrechern werden. Denn: “Iago ist nicht in der einen oder anderen Art ein bisschen böse; er ist durch und durch böse”. Damit rührt das Werk an eine der zentralen Fragen der Philosophie: Was ist das Böse? Ist es nur die Abwesenheit des Guten? Oder kommt ihm ein eigene Seinsweise zu?

Wer ist Iago überhaupt? Der Philosoph Richard Raatzsch hat die These vertreten, dass Sakespeares Iago kein individueller Charakter ist, sondern die Idee, den Begriff des Bösen an sich verkörpert.
Liessmann: “Iago handelt aus einem unbedingten Willen zur Destruktivität, ja bis zur Selbstzerstörung”. Iago steht jenseits aller Moral. Wir verurteilen seine Haltung, wir begegnen ihr mit Abscheu, aber auch mit Faszination. Laut Raatzsch gibt es “eine Anziehungskraft des Bösen, der wir kaum wiederstehen können.” Man mag das bestreiten, aber Iagos furchtbares Glaubensbekenntnis kann in uns auch ambivalente Gefühle auslösen, nicht zuletzt ausgelöst durch Verdis überwältigende Musik. Dieses berühmte, blasphemische “Credo in un Dio crudel” steht an einer zentralen Stelle der Oper. Iago glaubt an einen grausamen Gott, der ihn geschaffen hat, er bekennt sich zu seiner Verworfenheit. Für ihn ist das Böse ein Ausdruck des Menschseins, des Menschenmöglichen, es gehört, wie Rüdiger Safranski es formulierte, “zum Drama unserer Freiheit”.
Die Vorstellung eines gerechten Gottes ist für Iago eine lächerliche Illusion, am Ende triumphiert immer der Tod. “Und dann?”, fragt er, um zu antworten: “das Nichts”. Diesen Nihilismus hat Nietzsche einmal “den unheimlichsten aller Gäste” genannt. Liessmann: “In Verdis Oper stößt dieser Gast die Türen, nicht nur zum Opernhaus, weit auf”. Iago ist nicht ein Triebtäter, sondern das scharf kalkulierende Genie der Zerstörung, ein Meister der Verstellungskunst und der Intrige. Geschickt schürt er Otellos Eifersucht, indem er vor ihr warnt. Und in Otello zerbricht schon beim Gedanken, er könnte betrogen sein, alles, seine Integrität, sein Selbstwertgefühl.

Wie in jeder Intrige geht es auch in “Otello” um missbrauchtes Vertrauen. An Iago kann man das Wesen nicht nur des Bösen, sondern auch das des Intriganten studieren. Der Intrigant ist der Manipulator par excellence, er hat Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen, und das Medium des Intriganten ist nicht die plumpe Lüge, sondern die Halbwahrheit. Otello fragt nicht nach und glaubt Iago alles. “In einer Intrige ist das Opfer immer so lange ahnungslos, bis die Karten auf dem Tisch liegen. Dann aber ist es zu spät.” In dem grandiosen Duett Otellos mit Iago am Ende des zweiten Aufzugs hören wir “den Täter im höhnischen Gleichklang mit seinem Opfer”.
Natürlich ist Otello das Opfer von Iagos gelungener Intrige, aber er ist es nur deshalb, weil er auch das Opfer seiner eigenen Unvernuft, Leichtgläubigkeit und Leidenschaften ist. Am Ende des dritten Aufzugs hat Iago sein Ziel erreicht, der Löwe von Venedig liegt zu seinen Füßen, entehrt, entmachtet, gebrochen. Die Jubelschreie des Volks im Hintergrund sind nun zu blankem Hohn geworden, und Iago setzt seinen Fuß auf Otellos Haupt: “Ecco il leone”.
Doch das ist nicht genug. Liessmann: ”Die durch diese Intrige freigesetzten Kräfte entwickeln eine Eigendynamik. Auch das gehört zum Bösen. Es entfaltet seine destruktive Kraft auch dann, wenn sein Urheber sich zurückgezogen hat.” Im letzten Aufzug spielt Iago kaum eine Rolle mehr, die Saat des Bösen ist aufgegangen. Otello und Desdemona stehen einander fremd gegenüber, jeder in seinem Schmerz gefangen. Desdemona kann der fehlgeleiteten Wut Otellos nichts entgegensetzen, außer ihr zutiefst berührendes “Lied von der Weide”. Theodor W. Adorno, hat darüber gesagt, dass sich “in dieser Musik die Stummheit der Natur, die in Schuld mordet und stirbt, löst und zu einer bewegenden Klage wird”.
Liessmann fügt allerdings hinzu: “Ohne Aussicht auf Versöhnung”. Desdemona schickt noch ein Gebet zum Himmel, dann wird sie von Otello erwürgt. Zu spät wird Iagos Intrige aufgedeckt, zu spät erkennt Otello seinen Irrtum. Rasend gegen sich selbst ersticht er sich und sinkt über Desdemonas Leichnam nieder. Iago wird entlarvt und gestellt, läuft aber feige und ganz unheroisch davon. “Das sterbende Liebespaar bleibt an der Rampe liegen. Iago aber, die Inkarnation des Bösen, hat die Bühne längst verlassen und ist mitten unter uns”.

Dr. Rudi Frühwirth, 5. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassikbegeistert.at
Die Sendung kann bis zum 3. Juni nachgehört werden. Am 7. Juni wird Liessmann über Alban Bergs “Wozzecck” sprechen.
Giuseppe Verdi (1813-1901), Otello, Dirk Kaftan Dirigent Theater Bonn, Opernhaus, 22. März 2026
Giuseppe Verdi, Otello Theater am Goetheplatz, Bremen, 13. April 2025, Premiere