Hessen glüht im Mondschein der Alten Oper

Festival „Podium Zukunft“ Landesjugend-Sinfonieorchester Hessen  Alte Oper Frankfurt, 26. April 2026

Fotos: © Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto.

Felix Mendelssohn Bartholdy
Ouvertüre zu „Ein Sommernachtstraum“

Manuel de Falla
Noches en los jardines de España

Sergej Rachmaninow
Sinfonie Nr. 2 op. 27

Landesjugend-Sinfonieorchester Hessen

Inszenierung – 1. Konzerthälfte: Nina Paul

Juan Urdapilleta, Klavier
Roc Fargas I Castells, musikalische Leitung

Alte Oper Frankfurt, 26. April 2026

von Dirk Schauß

Noch bevor der erste Takt erklang, zirpte, rauschte und wisperte es im großen Saal der Alten Oper. Das Landesjugendsinfonieorchester Hessen machte früh klar, dass dies kein gewöhnlicher Konzertabend werden würde. Die jungen Musikerinnen und Musiker des traditionsreichen Ensembles bewiesen an diesem 26. April 2026 mit Verve und Spielfreude, dass um die Zukunft der klassischen Musik nicht bange sein muss.

Unter der Leitung von Roc Fargas i Castells entfaltete sich ein Abend, der den Konzertbetrieb bewusst hinter sich ließ. Gemeinsam mit Nina Paul wurde der Raum selbst Teil der Inszenierung, noch bevor Mendelssohns erste Töne erklangen.

Die Musiker wanderten durch Parkett und Rang, imitierten täuschend echte Waldgeräusche und ließen das Publikum akustisch in ein Dickicht eintauchen, das Felix Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre zu Ein Sommernachtstraum wirkungsvoll vorbereitete. Auch das Orchester saß in ungewohnter Aufstellung: Holzbläser und zwei Hörner direkt vor dem Pult, darüber eine Discokugel, die einen künstlichen Sternenhimmel an die Decke warf, während die Orgel von innen heraus leuchtete. Der Mond ging auf, das Spiel konnte beginnen.

In tiefes Blau und später waldiges Grün getaucht, spielten die Hessen diese Ouvertüre mit offensiver Frische. Die Streicher wirbelten virtuos durch das hohe Tempo, die Holzbläser agierten keck, die Trompeten setzten markante Akzente. Der Theaterzauber war präsent, ohne dass der musikalische Ernst verloren ging.

Foto: © Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto

Nahtlos folgte Manuel de Fallas Noches en los jardines de España. Endlich! Viel zu selten ist das herrliche Werk im Konzertsaal zu erleben. Während der einsetzenden Musik glitt der Flügel lautlos auf das Podium und die Notenständer verschwanden, hüllte Trockeneis die Bühne in mystischen Nebel.

Aus der ersten Publikumsreihe erhob sich Jon Urdapilleta, betrat über eine Treppe das Konzertpodium, schritt zum Instrument und übernahm den hochvirtuosen Solopart. Urdapilleta erwies sich als Glücksgriff. Technisch völlig souverän, zugleich unprätentiös und mit feinem Gespür für Klangfarben gestaltete er eine ebenso kontrollierte wie poetische Darbietung. Sein glasklarer Anschlag verband sich organisch mit dem Orchesterklang, sodass die Grenze zwischen Solist und Begleitung zeitweise aufgehoben schien. Beglückend kostete der Pianist die eingängigen Phrasen und Farben aus. Eine imponierende Leistung. Fargas i Castells führte das Ensemble mit Umsicht durch diese spanischen Klanglandschaften. Der begeisterte Applaus war folgerichtig, eine anrührende Schumann-Etüde von Urdapilleta einfühlsam vorgetragen, die dankbare Zugabe.

Foto: © Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto

Nach der Pause stand Sergej Rachmaninows zweite Sinfonie e-Moll auf dem Programm, ein Werk voller weit gespannter Melodien und üppiger Streicherpracht. Mit bewundernswerter Konzentration stürzten sich die jungen Instrumentalistinnen und Instrumentalisten in die ersten beiden Sätze. Die Struktur blieb klar, der Klang präsent und gut koordiniert. Fargas i Castells erwies sich hier als sicherer Taktgeber, der die große Masse zusammenhielt.

Im Adagio, dem dritten Satz, hätte man sich jedoch etwas mehr Ruhe gewünscht. Die Zeit schien hier zu rasch zu verstreichen, zudem blieb die Dynamik allzu vorsichtig. Das forderte die Solisten stärker heraus. Besonders der Klarinettist beeindruckte mit sensiblen Phrasen, die er trotz eines kleinen Missgeschicks souverän zu Ende führte. Gerade in diesen Momenten hätte es einer noch stärkeren klanglichen Umarmung durch das Pult bedurft.

Das furiose Finale versöhnte dann auch die kritischeren Ohren. Hier wußte sich das mitreißende Schlagzeug dynamisch in die Aufmerksamkeit zu stellen. Virtuos und spielfreudig peitschte das Orchester den vierten Satz voran, auch wenn die abschließende Kantilene etwas mehr Ruhe hätte vertragen können. Der Begeisterung im Saal tat das keinen Abbruch.

Foto: © Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto

Als originellen Rausschmeißer präsentierte das Ensemble schließlich eine eigene Improvisation, die in wenigen Minuten noch einmal zahlreiche Register zog und mehreren Solisten glänzende Momente bescherte. Diese kraftvolle Schlusswirkung unterstrich, dass hier eine Generation am Werk ist, die nicht nur technisch überzeugt, sondern auch Mut zum Experiment besitzt.

Das Landesjugendsinfonieorchester Hessen hat an diesem Abend gezeigt, wie lebendig, neugierig und selbstbewusst musikalischer Nachwuchs heute klingen kann. Ein klug konzipierter Abend, der lange nachhallt.

Dirk Schauß, 27. April 2027, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Alexej Gerassimez Schlagzeug, Thomas Guggeis Dirigent Alte Oper Frankfurt, 20. April 2026

Orchestre Philharmonique de Strasbourg, Aziz Shokhakimov Alte Oper Frankfurt, 19. April 2026

Igor Levit, Brahms und Elgar Alte Oper Frankfurt, 18. April 2026

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