Fotos: Copyright by Diana Hillesheim
Dieses Konzert war großes Kino für die Ohren, präsentiert von Musikern, die sichtlich Freude an der Herausforderung hatten. Ein Abend, der noch lange nachklingen wird, so wie der letzte Beckenschlag von Jürgen Friedel, der wie ein Schimmer über dem Parkett hängen blieb.
Peter Eötvös
„Speaking Drums“ – Vier Gedichte von Jayadeva und Sándor Weöres für Solo-Schlagzeug und Orchester
Mahler Gustav
Sinfonie Nr. 5 cis-moll
Alexej Gerassimez, Schlagzeug
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Thomas Guggeis, musikalische Leitung
Alte Oper Frankfurt, 20. April 2026
von Dirk Schauß
Der Abend in der Alten Oper versprach einen Parforceritt durch die Extreme der Klangkunst, und wer am 20. April den Weg in den Großen Saal fand, wurde Zeugnis einer Darbietung, die sich gewaschen hatte.
Thomas Guggeis dirigierte mit einer Präzision, die mancher Schweizer Uhr gut zu Gesicht stünde, ohne dabei den emotionalen Zugriff zu opfern. Den Auftakt machte ein Werk, das den Begriff Schlagfertigkeit auf eine völlig neue Stufe hob.
Mit Peter Eötvös’ „Speaking Drums“ betrat Alexej Gerassimez das Podium, ein Solist, der nicht nur seine Schlägel im Griff hat, sondern auch seine Stimmbänder in den Dienst der Kunst stellt. Es ist ein skurriles Vergnügen, wenn ein gestandener Virtuose mit Lautäußerungen wie „Pa-ni-Ga-ji!“ seine Instrumente geradezu exorziert und sie in ein rituelles Zwiegespräch verwickelt. Das Orchester antwortete mit herrlich garstigen Dissonanzen, die wie Pfeilspitzen durch den Raum zischten.

Gerassimez tobte sich in einem wilden Ritt durch den Perkussionswald aus, wobei die Grenze zwischen musikalischer Hochkultur und akrobatischem Spektakel bisweilen herrlich verschwamm. Dass zwischendurch Gießkanne und Hundenapf zweckentfremdet wurden, verlieh dem Ganzen eine Note von dadaistischem Humor, die dem Kenner ein Schmunzeln entlockte.
Gerassimez bewies eine Ausdauer, die an Marathonläufer erinnert, und führte das Publikum durch ein Dickicht aus Nonsens-Gedichten und rhythmischen Echos, die in ihrer Schärfe vom Orchester punktgenau pariert wurden. Nach diesem akustischen Feuerwerk war die Zugabe auf der kleinen Trommel nur noch das Sahnehäubchen auf einem ohnehin schon üppigen Buffet der Schlagkunst.

Nach der Pause wechselte die Szenerie von der rituellen Ekstase zur sinfonischen Monumentalität. Gustav Mahlers fünfte Sinfonie stand auf dem Plan, jenes Werk, das vom Trauermarsch bis zum jubelnden Finale die gesamte Palette menschlicher Existenz abzubilden versucht. Guggeis ging die Sache mit einer Akribie an, die jede einzelne Faser des komplexen Stimmengeflechts freilegte. Wer Mahler nur als klang-gewaltigen Polterer versteht, wurde hier eines Besseren belehrt.
Der junge Dirigent fächerte die Partitur so geschickt auf, dass man fast das Gefühl hatte, die Noten direkt vor Augen zu haben. Der Beginn des ersten Satzes besaß eine Wucht, die den Staub aus den Samtsesseln fegte, während der zweite Satz mit einer Vehemenz daherkam, die keine Gefangenen machte. Das Scherzo wiederum wankte gefährlich und gekonnt zwischen ländlicher Idylle und einer hintergründigen Brüchigkeit. Hier zeigte sich die Klasse des Orchesters, das die zwielichtigen Farben Mahlers hervorragend traf. Dass bei Horn und Trompete gelegentlich ein Ton nicht ganz im Zentrum saß, geschenkt. Solche menschlichen Regungen gehören zum Live-Erlebnis und schmälerten den Eindruck einer insgesamt bestechenden Leistung keineswegs.
Besonders erfreulich war die Herangehensweise an das berühmte Adagietto. In manchen Interpretationen droht dieses Stück in einem klebrigen Sumpf aus Sentimentalität zu versinken, doch Guggeis umschiffte diese Klippen mit Bravour. Er wählte ein fließendes Tempo, das den Musikern Luft zum Atmen ließ und dennoch jene Momente schuf, in denen die Zeit stillzustehen schien. Das war kein Zuckerschock, sondern eine kluge Reflexion über die Liebe, die ohne falsches Pathos auskommt. Im finalen Rondo behielt Guggeis die Zügel fest in der Hand und steuerte das Kollektiv sicher durch die polyphonen Windungen.
Als es schließlich auf die Apotheose zuging, gab es kein Halten mehr. Die Blechbläser wurden von der Leine gelassen und die Posaunen schmetterten mit einer Derbheit in die finalen Takte, die dem Werk die nötige Bodenhaftung verlieh. Ein besonderes Lob gebührt der Schlagzeuggruppe, die Mahler zeitlebens als Rückgrat seiner Orchestrierung verstand.

Klangmeister Jürgen Friedel, der Doyen an den Becken, setzte Glanzpunkte, die im wahrsten Sinne des Wortes vergoldet waren. Schon die ersten beiden Schläge saßen mit einer solchen Autorität, dass klar war, hier ist ein wahrer Kenner am Werk. Seine Wahl für besonders große Becken in den entscheidenden Momenten legte einen intensiv leuchtenden Goldton über den Orchesterklang, der dem Finale eine zusätzliche Dimension von monumentaler Größe verlieh.
Es ist diese Mischung aus kühler Analyse am Pult und feuriger Umsetzung, die solche Abende in Frankfurt so lohnenswert macht. Das Publikum in der Alten Oper dankte es mit ausgiebigem Applaus. Man verließ den Saal mit dem Gefühl, dass diese Entdeckungsreise unter Guggeis noch lange nicht zu Ende sein sollte, und freut sich bereits jetzt auf die nächsten Stationen dieser klanglichen Mahler Expedition, dann mit dessen Zweiter.
Dieses Konzert war großes Kino für die Ohren, präsentiert von Musikern, die sichtlich Freude an der Herausforderung hatten. Ein Abend, der noch lange nachklingen wird, so wie der letzte Beckenschlag von Jürgen Friedel, der wie ein Schimmer über dem Parkett hängen blieb.
Dirk Schauß, 21. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Wagner (1813 – 1883), Tristan und Isolde, Thomas Guggeis Oper Frankfurt, 3. April 2026