CD/Blu-ray Besprechung:
Die Wiederentdeckung der französischen Komponistin Mel Bonis erreicht mit einer ganz ihrer Orchestermusik gewidmeten CD einen weiteren Meilenstein. Der Klangzauber dieser Werke wird wirkungsvoll eingefangen und fördert die Freude am Kennenlernen unbekannten Repertoires. Möge diese Pioniertat auch auf die Gestaltung künftiger Konzertprogramme ausstrahlen!
WDR Symphonieorchester, Frauen des WDR Rundfunkchors; Lydia Teuscher, Sopran; Julie Robard-Gendre, Mezzosopran; Leitung: Joseph Bastian
Erschienen bei cpo, März 2026
von Lorenz Kerscher
Mel Bonis war das männlich wirkende Pseudonym, unter dem Mélanie Bonis (1858 – 1937) ihre Werke publizierte, um die bestehenden Vorurteile gegenüber komponierenden Frauen zu unterlaufen. Und doch geriet ihr umfangreiches Schaffen nach ihrem Tod für mehr als ein halbes Jahrhundert in Vergessenheit.
Über ihr bewegendes Leben und die Wiederentdeckung ihres Werks, die erst um die Jahrtausendwende Fahrt aufnahm, habe ich kürzlich hier in Klassik begeistert geschrieben. Ausgespart habe ich noch eine Würdigung der einzigartigen Qualität ihrer Musik. Dazu bietet nun die soeben erschienene Einspielung ihrer wesentlichen Orchesterwerke den allerbesten Anlass.
Vor drei Jahren schloss Daniel Janz seinen für Klassik begeistert verfassten Artikel über „Drei Legendäre Frauen“ von Mel Bonis mit der fast flehentlichen Bitte, man möge diese Werke endlich in die Konzertprogramme aufnehmen. Nun stehen sie zumindest am Anfang einer hochwertigen CD. Femmes de Legende war zunächst eine im Verlauf etlicher Jahre entstandene Serie von Klavierstücken, aus denen Mel Bonis zwei auswählte und orchestrierte. Hinzu kommt noch als Originalkomposition für Orchester Le songe de Cléopâtre, mit der das Album beginnt.
Sofort ist man von dem impressionistischen Klangfarbenreichtum in einen unwiderstehlichen Bann gezogen und staunt, über welche Instrumentationskunst diese Tonschöpferin verfügt, deren Lebensumstände der Verwirklichung von Orchesterwerken doch sehr im Wege standen. Man fühlt sich an Debussy erinnert, stellt jedoch fest, dass Mel Bonis mehr als dieser Melodien in den Vordergrund treten lässt. Kleopatras Traum ist voller widerstreitender Gefühle, paradiesische Visionen wie auch bedrohliche Albträume gehen ineinander über.
Im ausführlichen Begleitheft ist die Vermutung angedeutet, diese Tondichtung könnte die von den Eltern verhinderte und doch heimlich über lange Zeit bestehende Liebesbeziehung zu dem Musiker und Autor Amédée Hettich widerspiegeln. Auch wenn das ein Geheimnis bleibt, kann man sich an der Gefühlstiefe dieses Werks erfreuen.
Es folgt Ophélie aus Shakespeares Hamlet, ebenfalls mit feinster Delikatesse instrumentiert. Zarte Klänge zu Beginn scheinen außerhalb der Realität zu stehen, bevor die unglücklich Liebende in ausdrucksvollen Melodiebögen den Bezug zur Welt verliert. Salomé ist anschließend die wildere Natur, die sich zu orientalischen Rhythmen in Rage tanzt, dazwischen auch verzögert, um sich dann noch mehr zu steigern. Das Verklingen am Ende ist trügerisch, denn das Stück endet mit einem kräftigen Orchesterschlag.
Auf jeden Fall entsteht bei den drei Sätzen aus Femmes de légende eine so große Faszination, dass man unbedingt mehr Orchestermusik von Mel Bonis hören möchte. Hierzu stehen noch einige orchestrierten Klavierstücke tänzerischen Charakters zur Auswahl. Zwei Sätze aus der Suite orientale op. 48 bilden ein reizvolles, sehr melodisches Intermezzo, das noch keine Ansätze von Impressionismus zeigt, aber im Mittelteil des Danse d’Almée die Pauke einen sehr markanten Rhythmus schlagen lässt. Es folgt der von fremder Hand instrumentierte Klavierwalzer Les Gitanos, mit dem Mel Bonis 1891 den ersten Preis eines Kompositionswettbewerbs gewonnen hatte. Dieses schwungvolle Stück könnte man ohne weiteres in eine Johann-Strauss-Gala hineinmogeln.
Weiter geht es im Dreivierteltakt mit den feinsinnigen Miniaturen der dreisätzigen Suite en forme de valses. Die ersten beiden in Moll gehaltenen Sätze verströmen einen zarten, melancholischen Ländlercharme, wie man ihn manchmal bei Dvořák erlebt. Der abschließende Scherzo-valse verbreitet eine leise, verspielte Freude. Es folgen Trois danses pour orchestre, die mit Bourée, Pavane und Sarabande überschrieben sind, aber keine barocken Stilelemente übernehmen. Ruhig und kontemplativ wirken die ersten beiden Tänze, der transparente Orchestersatz lässt die Melodien der Holzbläser schön zur Wirkung kommen. In der abschließenden Sarabande verdichtet sich der Klang, die Harmonik wird kühner und die emotionale Intensität nimmt zu, bis das Stück am Ende doch wieder leise verklingt.
Danse sacrée, womit der rein instrumentale Teil der CD zum Abschluss kommt, ist weniger Tanz als Meditation und Gebet und schreitet, grundiert von einer sich wiederholenden und gelegentlich variierten Folge dreier Akkorde, ruhig und harmonisch voran. Im Anschluss daran bildet das Lied Le chat sur le toit ein Klanggewebe von großer Raffinesse ganz im impressionistischen Stil.
Darüber schwebt Lydia Teuschers klarer Sopran und erzählt von der nächtlichen Liebesleidenschaft eines Katers, die mit dem Tagesanbruch dahinschwindet. Noël de la Vierge Marie, mit leiser Melancholie interpretiert von der Mezzosopranistin Julie Robard-Gendre, ist danach ein auf zarte Klänge gebettetes Wiegenlied, das Maria für das Jesuskind singt. Stilistisch sucht Mel Bonis hier eher die Nähe zu ihrem Förderer César Franck. Dies gilt auch für das abschließende Le Ruisseau, ein leichtes, duftiges Lied, das im Orchester das Rieseln des Bachs schildert und den zweistimmigen Frauenchor eine fröhliche Melodie anstimmen lässt.
Ihren einschränkenden Lebensumständen entsprechend hat Mel Bonis leider nie ein Werk von symphonischen Dimensionen in Angriff genommen. Deshalb ist diese CD eine reizvolle Zusammenstellung von Miniaturen, die ihren Einfallsreichtum belegen. Überwiegend beruhen diese auf Klavierkompositionen, die geschmackvoll und mit großer Kunstfertigkeit instrumentiert sind. Wie viel weiter noch hätte sich dieses Talent in einem unterstützenden Umfeld entwickeln können!
Doch auch das, was das WDR-Symphonieorchester unter Joseph Bastian hier mit hervorragender Klangkultur vorträgt, kann dem Musikfreund große Freude an schöner Musik in reizvoller Orchestrierung bereiten.
Diese Komponistin, die stilistisch eine Brücke von der Romantik zum Impressionismus bildet, schließt man sehr gerne in sein Herz!
Dr. Lorenz Kerscher, 21. april 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Weiterführende Info:
Bestellmöglichkeit der CD bei jpc
Website der Association Mel Bonis
Frauenklang 18: Mélanie Bonis, Komponistin klassik-begeistert.de, 10. April 2026