Diese Leipziger Aufnahme tilgt einen weißen Fleck in der Operettenwelt

Die Straßensängerin, Operette von Leo Fall, Leitung Tobias Engeli  klassik-begeistert.de, 21. April 2026

CD/Blu-ray Besprechung:

Die Straßensängerin
Operette von Leo Fall
Libretto von August Neidhardt & Lo Portem (Fritz Friedmann-Frederich)

Aufgenommen mit Chor und Orchester der Musikalischen Komödie Leipzig unter der Leitung von Tobias Engeli

Erschienen beim Label CPO am 26. März 2026

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von Ralf Krüger

35 Jahre vor „My Fair Lady“ startete der Versuch, den „Pygmalion“-Stoff von George Bernard Shaw als Operette zu inszenieren. Die Librettisten wirbelten das Original fast bis zur Unkenntlichkeit durcheinander und aus Eliza wurde Sonja.

Aufgewachsen bei ihrem Pflegevater, kämpft sie sich als Blumenfrau mit sängerischen Ambitionen durchs Leben. Nicht ihr Wortschatz macht sie auffällig; es ist der Gesang, der sie zum „Objekt“ einer Wette werden lässt.
Leo Falls „Straßensängerin“ erlebte am 24. September 1921 am Berliner Metropol-Theater seine Premiere. Die Operette war dann auch in Wien zu erleben und mindestens ein Hit von ihr gelangte auf die Schallplatte. Dann versank das Werk im Dornröschenschlaf…

… und wurde erst im Januar 2023 wieder wachgeküsst.

Deutschlandfunk Kultur übertrug aus der Musikalischen Komödie Leipzig das Abschlusskonzert eines Operettenworkshops für junge Dirigenten. Konzertant sollten sie Leo Falls „Straßensängerin“ zur Aufführung bringen. Nochmal 19 Monate später wurde das wiederentdeckte Werk unter der Leitung von Tobias Engeli für die CD aufgenommen.

Es ist eine Operette zwischen den Stühlen. Nach einem voluminösen Auftakt im Ballsaal, im Stile der Goldenen Wiener Operette, trifft sie ihre freche Berliner Schwester. Sie wird gezwickt vom Zeitgeist der frühen Weimarer Republik und konfrontiert mit den Verlockungen des Lebens. Im 3. Akt tanzt sie dann den Shimmy – mit viel Jazz in Partitur und Gesangstext.

Die Fäden der geänderten Handlung hält das Fräulein Mabel zusammen. Sie ist die Tochter des Millionärs Brown, die Mr. Georges heiraten soll. Georges ist, wenn man so will, der Henry Higgins in diesem Stück. Kein Professor des gepflegten Wortes, sondern ein Erfinder und Snob und für Brown aus finanziellen Gründen interessant. Doch Mabel will ihn nicht, würde lieber ihren Tanzpartner ehelichen und schlägt Georges eine Wette vor. Nur wenn er es schafft, ein einfaches Mädel so zu erziehen, so zu formen, dass man es als Dame, als Lady akzeptiert, wäre sie bereit, seine Gattin zu werden.

Im Gegensatz zu „My Fair Lady“, wo wir den Weg der jungen Frau nach ganz oben miterleben können, erzählt „Die Straßensängerin“ im Finale des ersten Aktes nur das ganze Tamtam drumherum.

Schon nach der Pause ist die Wette zu Ende und Sonja eine andere.

Als ich nach 80 Minuten den Kopfhörer absetze, kam der Gedanke, dass ich soeben einer kleinen Operetten-Sensation beigewohnt hatte: So ein großartiger Klang, so eine berauschende Musik, so wunderschöne Stimmen, dachte ich.

Mirjam Neururer als Sonja und Nora Lentner als Mabel seien hier stellvertretend für das Ensemble genannt.

Die Musikalische Komödie ist eine Spielstätte der Oper Leipzig. Doch für diese Aufnahme sind sie mit Chor und Orchester in die Paul-Gerhardt-Kirche gezogen. Die Akustik des Gotteshauses gab der CD-Produktion nochmal den besonderen Pfiff.

Es ist müßig darüber zu spekulieren, wieso die Operetten-Version des „Pygmalion“-Stoffes nach einem erfolgreichen Start in Berlin, „wo sie immerhin 138 en-suite-Aufführungen erlebte“, so sehr in Vergessenheit geriet. Stefan Frey hat im Booklet die damalige Zeit um die Premiere herum, auch anhand von Zeitungsmeldungen und -rezensionen, wunderbar rekonstruiert. Auch durch seinen Text wurde ein weißer Fleck in der Chronik der Berliner Operetten-Premieren getilgt. Man wusste, dass dieses Werk 1921 in Berlin auf die Bühne kam, aber Infos über Datum, Theater und Hauptakteure waren nirgends verfügbar.

Egal wie man zum Libretto stehen mag, Leo Falls Musik hat jedenfalls genug Potential, erfolgreich in die Gegenwart gehievt zu werden. Die Leipziger haben es getan und CPO kann der Reihe mit seinen Werken ein weiteres Puzzle hinzufügen.

Ralf Krüger, 21. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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