Ambivalentes Stück, hervorragende Umsetzung – Gurlitts Wozzeck am Oldenburgischen Staatstheater

WOZZECK von Manfred Gurlitt  Oldenburgisches Staatstheater, Premiere 29. Mai 2026

Arthur Bruce (Wozzeck) mit Opernchor des Oldenburgischen Staatstheaters© Stephan Walzl

WOZZECK

von Manfred Gurlitt

Musikalische Tragödie in 18 Szenen und 1 Epilog
Nach dem Dramenfragment »Woyzeck« von Georg Büchner
Ergänzt um Perspektiven aus »Wozzeck« von Alban Berg

Wozzeck: Arthur Bruce
Marie: 
Stephanie Hershaw
Hauptmann: Chanhee Cho
Doktor: 
Johannes Leander Maas
Andres: 
Seumas Begg
Tambourmajor: 
KS Paul Brady
Margaret / alte Frau: 
Dorothee Bienert


Opernchor des Oldenburgischen Staatstheaters
Kinder- und Jugendchor des Oldenburgischen Staatstheaters
Oldenburgisches Staatsorchester

Musikalische Leitung: Vito Cristofaro
Regie: Generalintendant
Georg Heckel


Oldenburgisches Staatstheater, Premiere 29. Mai 2026

von Axel Wuttke

Gurlitts 1926, nur vier Monate nach Alban Bergs bahnbrechendem Wozzeck, in Bremen uraufgeführte dritte Oper, hinterlässt einen unentschlossen Eindruck was die Musik, die Szenenfolge und den Schluss betrifft. Anders als Berg, verbindet er die Szenen nicht durch Zwischenspiele, sondern betrachtet jede Szene für sich. Und darin liegt ein Grundproblem dieser Komposition, die Musik mäandert um sich selbst, ohne den Figuren und dem Stück Profil zu geben und einen gedanklichen Bogen über das Werk zu spannen. Dadurch bleiben die Personen merkwürdig fremd, ihr Schicksal berührt musikalisch nicht. Wäre da nicht die hervorragende Inszenierung von Generalintendant Georg Heckel. Er schafft genau das, was Gurlitt nicht gelingt.

Ein historischer Kriminalfall von zeitloser Aktualität…

1836 hatte Georg Büchner, angeregt durch einen historischen Fall, die Niederschrift zu einem Drama mit dem Titel Woyzeck begonnen. Ihn interessierte der gesellschaftspolitische Aspekt des Falls. Er zeigt Woyzeck als Opfer gesellschaftlicher Erniedrigungen. 1837 stirbt Büchner und hinterlässt mindestens 26, nicht nummerierte Szenen. 1879 behandelte Karl Emil Franzos das mittlerweile unleserliche Manuskript chemisch und macht es wieder lesbar. Er erstellt eine Textfassung und Szenenfolge, die seinem Geschmack entspracht. Auf ihn geht auch der Schreibfehler Wozzeck statt Woyzeck zurück. Manfred Gurlitt (1890 bis 1972) hat für seine Oper Wozzeck eine Fassung aus 18 Szenen und einem Epilog erstellt.

Gurlitt war als erfolgreicher Dirigent in Bremen engagiert, als Komponist erfuhr er zeitlebens nur geringe Anerkennung. Erschwerend kam die Machtergreifung durch die Nazis dazu, die ihn aufgrund seiner Opernsujets, die sozialkritische Themen behandeln, als linksgerichtet einordneten. In der Hoffnung, als Künstler gewürdigt zu werden, versuchte er ab 1933 mit allen Mitteln Mitglied in der NSDAP zu werden. 1937 kam das endgültige Ende seiner Versuche und er wurde, als „Vierteljude“, mit Berufs- und Aufführungsverbot belegt.

Gurlitt wanderte 1939 nach Japan aus und wurde als ständiger Dirigent an den Japanischen Rundfunk berufen. Er gründete eine eigenen Operngesellschaft, die Gurlitt Opera Company, die er bis 1970 leitete. Als Komponist bleib er weiterhin ohne Anerkennung, ein Versuch, sich in Deutschland zu etablieren, scheiterte. 1972starb er in der Nähe von Tokio.

Wenn eigene Musiksprache fehlt

Gurlitts 1926, nur vier Monate nach Alban Bergs bahnbrechendem Wozzeck, in Bremen uraufgeführte dritte Oper, hinterlässt einen unentschlossen Eindruck was die Musik, die Szenenfolge und den Schluss betrifft. Anders als Berg, verbindet er die Szenen nicht durch Zwischenspiele, sondern betrachtet jede Szene für sich. Und darin liegt ein Grundproblem dieser Komposition, die Musik mäandert um sich selbst, ohne den Figuren und dem Stück Profil zu geben und einen gedanklichen Bogen über das Werk zu spannen. Dadurch bleiben die Personen merkwürdig fremd, ihr Schicksal berührt musikalisch nicht.

Wäre da nicht die hervorragende Inszenierung von Generalintendant Georg Heckel. Er schafft genau das, was Gurlitt nicht gelingt. Er nimmt uns mit in die Geschichte hinein. Es ist ein geschickter Kunstriff, der das ermöglicht. Beim Betreten des Zuschauerraums sehen wir eine große, von der ersten Parkettreihe über den Orchestergraben bis zum Proszenium ansteigenden Gitterfläche. Aus den Rängen ist im Hintergrund das Orchester sichtbar. Über der Bühne hängt eine große metallene Walze, die sich zum Ende bedrohlich absenkt. So findet die Geschichte um Wozzeck umrahmt von den Zuschauern statt. Theater unmittelbar, auch wir sind Teil des Geschehens, können nicht wegsehen, müssen auch innerlich Stellung beziehen. Das beeindruckende Bühnenbild und die ausdrucksstarken Kostüme stammen von Timo Dentler und Okarina Peter.

Im Hintergrund: Oldenburgisches Staatsorchester Johannes Leander Maas (Doktor), Arthur Bruce (Wozzeck), Chanhee Cho (Hauptmann) © Stephan Walzl

Georg Heckel versteht es, den Figuren Charakter und Ausdruck zu verleihen, ohne auf übertriebenes Bewegungsvokabular, zurückzugreifen. So bleiben auch, bei aller Skurrilität der Doktor, mit viel Spielfreude und klar im Ausdruck Johannes Leander Maas, und der Hauptmann, ausdrucksstark und stimmgewaltig Chanhee Cho, bigotte, egoistische und gefährliche Figuren, nicht nur Karikaturen.

Der mit verzerrenden Halbmasken mal kommentierend und mal in die Handlung eingreifende Chor, homogen und klangschön einstudiert von Chorleiter Thomas Bönisch, wird klar als abweisende Gesellschaft gezeigt, erst im zu Herzen gehenden Finale werden die Masken abgenommen. Mehr soll nicht verraten werden.

Alban Berg bring es auf den Punkt

Bei Gurlitt endet die Oper nach dem Tod von Wozzeck mit einem Orchesterepilog. Dies ist dramaturgisch nicht ausreichend. Was passiert mit dem Kind von Marie und Wozzeck? Georg Heckel hat sich entschieden, die Produktion zu erweitern. Nach Wozzecks Tod erkling das Orchesterzwischenspiel in d-Moll und die 5. Szene des dritten Aktes aus Alban Bergs Oper mit dem Kind von Marie und Wozzeck. Und so bekommt die Aufführung zum Schluss musikalisches Format und den richtigen dramaturgischen Wendepunkt. Der sich nahtlos anschließende Orchesterepilog von Gurlitt zeigt, dass sich Gesellschaftsschichten nicht auflösen oder verschieben können, es wird immer ein „Oben „und ein „Unten“ geben.  Aber ist das eine immer gut und das andere Immer schlecht? Georg Heckel findet hier eine eigene Sichtweise.

Im Hintergrund: Opernchor des Oldenburgischen Staatstheaters, Arthur Bruce (Wozzeck) © Stephan Walzl
Überwältigende musikalische Leistungen

Doch was wäre so eine Inszenierung, wenn man nicht die passenden Künstler auf der Bühne hat. Allen voran Arthur Bruce als Wozzeck. Er versteht es, mit strahlender, exquisit timbrierter Stimme und intensivem Spiel alle Seelennöte, Zweifel, Verunsicherungen der Figur und ihren Weg in den Abgrund glaubwürdig mit berührend nachzuzeichnen.

Statisterie (Maries Kind), Stephanie Hershaw (Marie) © Stephan Walzl

Ihm zur Seite zeigt Stephanie Hershaw eine selbstbewusste, nicht resignieren wollende Marie, deren Verlangen nach gesellschaftlichem Aufstieg und Liebe sie mit ihrem hellen, ausdruckstark timbrierten Sopran bis zum tödlichen Ende nachvollziehbar vermittelt.

Alle anderen Rollen sind hervorragend besetzt. Auffallend ist die klare Diktion aller Beteiligten, die es unnötig macht, die Übertitel zu nutzen.

Und das Orchester. Vitro Christofaro nimmt sich mit viel Leibe der Musik Gurlitts an, das Oldenburgische Staatsorchester spielt mit großer Plastizität und klangschön. Beim Orchesterzwischenspiel von Alban Berg wird die ganze Klangschönheit und das Können dieses Orchesters hör- und erlebbar. Eine großartige Leistung.

Am Ende viele Bravorufe für alle Beteiligten. Ein Abend, den man sich aufgrund der Inszenierung und der musikalischen Leistungen nicht entgehen lassen sollte.

Axel Wuttke, 2. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Dmitri Schostakowitsch, Lady Macbeth von Mzensk  Oldenburgisches Staatstheater, Premiere 7. Februar 2026

Alban Berg, Wozzeck, Brigitte Fassbaender, Inszenierung Theater Lübeck, 17. Mai 2026

Alban Berg, Wozzeck (1925) Staatsoper Berlin, 21. Dezember 2025

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