„Und dann spricht's aus der Wand heraus“ – Der Lübecker „Wozzeck“ wird noch intensiver!

Alban Berg Wozzeck Brigitte Fassbaender, Inszenierung  Theater Lübeck, 17. Mai 2026

Photos: Olaf Malzahn und Andreas Ströbl (Schlussapplaus)

Alban Berg Wozzeck

Brigitte Fassbaender, Inszenierung

Theater Lübeck, 17. Mai 2026 (Premiere am 25. April 2026)

Bo Skovhus, Bariton
Adrienn Miksch, Sopran
Peter Lodahl, Tenor
Changjun Lee, Bass
Noah Schaul, Tenor
Frederike Schulten, Mezzosopran
Roman Payer, Tenor
Steffen Kubach, Bariton
Robin Frindt, Bassbariton
Thomas Stückemann, Tenor

Chor des Theaters Lübeck

Kinder- und Jugendchor Vocalino des Theaters Lübeck und der Musik- und Kunstschule Lübeck

Stefan Vladar, Dirigent
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

von Dr. Andreas Ströbl

Bereits die umjubelte Premiere von Alban Bergs Oper „Wozzeck“ in der Regie von Brigtte Fassbaender in Lübeck ging musikalisch und darstellerisch unter die Haut (https://klassik-begeistert.de/alban-berg-wozzeck-brigitte-fassbaender-inszenierung-theater-luebeck-25-april-2026-premiere/). Aber die Produktion entwickelt eine noch intensivere Wirkung, wovon sich ein erneut begeistertes Publikum am 17. Mai 2026 im Lübecker Jugendstiltheater mit manchem Gänsehautschauer überzeugen konnte.

Eine kaum fassbare Komplexität…

Wie unglaublich komplex Alban Bergs „Wozzeck“, die erste abendfüllende Oper der Moderne, in ihrer musikalischen Struktur mit all den Zitaten, Motiven, Querverweisen und vor allem dem Gesamtaufbau gestaltet ist, machten GMD Stefan Vladar und Dramaturg Michael Sangkuhl am 5. Mai 2026 im Studio des Lübecker Theaters greifbar. Mit zahlreichen Beispielen vom Band oder auf dem Klavier und einer Präsentation erläuterten die beiden gleichermaßen verständlich und faszinierend kenntnisreich, wie Berg hier vorgegangen ist.

Jeder Akt gehorcht in seiner musikalischen Gestaltung strengen Formen. So besteht der erste aus fünf Charakterstücken, der zweite ist eine Symphonie mit fünf Sätzen, der dritte setzt sich aus sechs Inventionen zusammen – sämtlich mit bis ins feinste Detail durchdachter Binnenstruktur. Darüber, „wie das alles streng und logisch »gearbeitet« ist, welche Kunstfertigkeit selbst in den Einzelheiten steckt“, hat der Komponist selbst hinreichend Zeugnis abgelegt, und vor allem hat er betont, dass „es im Publikum keinen geben [darf], der etwas von diesen diversen Fugen und Inventionen, Suiten und Sonaten, Variationen und Passacaglien bemerkt – keinen, der von etwas anderem erfüllt ist, als von der weit über das Einzelschicksal Wozzecks hinausgehenden Idee dieser Oper“, so Berg.

Dennoch schwingen viele feine Aspekte entweder beim aufmerksamen Hören oder möglicherweise unbewusst mit. Vladar ist überzeugt, dass die ersten Takte der Oper den Beginn von Beethovens 6. Symphonie karikieren, und in der Tat hört sich der Auftritt von Wozzeck und dem Hauptmann wie eine schräge Parodie auf das „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“ an. Heiter ist hier schließlich gar nichts und ländliche Idyllen gibt es in Wozzecks ärmlicher Wohnung vielleicht als vergilbte Ansichtskarten.

Achtsames Hinhören macht eine extrem dichte Kongruenz von Libretto und Partitur deutlich, und man entdeckt ausgefeilte Details. Als Wozzeck auf die Frage des Hauptmanns, was denn heute für ein Wetter sei, antwortet „Wind!“, hört man diesen ganz deutlich wirbeln. Und ist auf die Entgegnung des Hauptmanns, dass ihm dieser Wind „den Effekt, wie eine Maus“ mache, nicht ein Mäusepiepen zu vernehmen?

Als weiteres Beispiel führte Vladar an, dass, den Mord an Marie begleitend, noch einmal alle Motive, die sich auf sie beziehen, angespielt werden, so, als liefe ihr Leben vor ihrem inneren Auge ab. Die ganze Fülle der Oper, so Vladar, habe sich ihm auch nach monatelanger intensiver Beschäftigung mit der Partitur noch längst nicht ganz erschlossen, da entdecke man immer wieder Neues.

Foto: © Olaf Malzahn / Theater Lübeck

…und ein veritables Psycho-Drama

Roland Kluttig, musikalischer Leiter der „Lulu“-Inszenierung, die am 17. Mai am Staatstheater Nürnberg Premiere hatte, nennt Alban Berg die „moderne Version eines Romantikers“. In der Tat darf die emotionale Tiefe gerade im „Wozzeck“ und der sinnliche Umgang mit einem hochdifferenzierten Orchesterklang mit einem romantischen, hier aber – und gerade in der Nachfolge Gustav Mahlers – vor allem spätromantischen Habitus assoziiert werden.

Die zentrale Behandlung eines psychologischen Themas in Verbindung mit Büchners Dramenfragment verbindet einen soziologischen, ja sozialkritischen Anspruch mit der düster-romantischen Seelenanalyse eines E. T. A. Hoffmann. „Steckt doch auch ein Stück von mir in seiner Figur, seit ich ebenso abhängig von verhaßten Menschen, gebunden, kränklich, unfrei, resigniert, ja gedemütigt, diese Kriegsjahre verbringe“, schrieb Alban Berg 1918 an seine Frau; es gab auch einen Dr. Wernisch, der ihn zur Figur des selbst schon wahnsinnigen, egomanen Arztes im „Wozzeck“ inspirierte.

So ist der inszenatorische Ansatz von Brigitte Fassbaender konsequent und klar, denn in der Lübecker Produktion sind diejenigen, die Wozzeck in eine psychische Extremlage bringen, als übersteigerte Karikaturen dargestellt; im ersten Akt stehen sie wie in einem Wachsfigurenkabinett nebeneinander. In sich bergen sie die Potenz zur Zerrüttung einer angegriffenen Psyche, und wenn sie nicht physisch anwesend sind, hört Wozzeck Stimmen: „Und dann spricht’s aus der Wand heraus“.

Ja, es ist ein Femizid, den Wozzeck an seiner Marie begeht, und dass er am Ende auch Margret ins Visier nimmt, zeigt, dass das Weibliche an sich für ihn unheimlich und bedrohlich, weil unkontrollierbar geworden ist, und durch den Betrug Maries mit dem Tambourmajor auch seine eigene Existenz im Zerbrechen der Beziehung gefährdet: „Alles wälzt sich in Unzucht übereinander: Mann und Weib, Mensch und Vieh! Weib! Weib! Das Weib ist heiß! ist heiß! heiß!“ Sigmund Freud nannte es die „Wiederkehr des Unterdrückten“, und so wendet sich Wozzecks verdrängte Wut am Ende gegen das, was seinem Innersten am nächsten steht. Bereits im Mord an Marie tötet er sich auch selbst, sein Suizid ist nur eine logische Weiterführung.

Bestürzende, intensive Emotionalität

Berg erreicht die emotionale Unmittelbarkeit durch eine fein austarierte Mischung aus dem Spiel mit Dissonanzen, einem virtuosen Umgang mit Themen, Motiven und Leitmotiven, der Wagner noch übertrifft, und einer Tonalität, die, ebenso wie Wozzecks Phantasmen, immer wieder herausdringt und die seelischen Extreme fassbar macht.

Foto: © Olaf Malzahn / Theater Lübeck

Noch stärker und intensiver als in der Premiere gelingt es den Mitwirkenden, allen voran Bo Skovhus als Wozzeck und Adrienn Miksch als Marie, am 17. Mai, das zerbrechende Miteinander in erschütterndem Spiel und gesanglich herausragenden Leistungen erlebbar zu machen. Skovhus gibt dem zunehmenden Wahnsinn beängstigende Gestalt, Adrienn Miksch changiert zwischen provokanter Laszivität und blanker Angst.

Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter Stefan Vladar entwirft ein musikalisches Seelengemälde von beklemmender Größe, aber auch voller zarter Innigkeit (großartig an der Harfe: Johanna Jung). Im Orchesterzwischenspiel kurz vor dem Ende der Oper, dem musikalisch ergreifendsten Teil des ganzen Werks, wendet sich Berg wie in einer Rede ohne Worte an das Publikum. Er sieht Büchners Ansatz „als ein aus dem handlungsmäßigen Geschehen heraustretendes Bekenntnis des Autors, ja als ein Appell an das gleichsam die Menschheit repräsentierende Publikum“. Hier geht es um viel mehr als eine, wenn auch in aller Individualität gezeichnete Geschichte des Scheiterns von Wozzeck und Marie. Vielleicht ist es, wie in Thomas Manns „Zauberberg“, das Schaudern vor dem „Weltfest des Todes“, wie der Lübecker Schriftsteller den Ersten Weltkrieg nannte. Und so steht, wie am Ende des Romans, auch hier ein Fragezeichen.

Kinder können grausam sein. Die Mitglieder des Kinder- und Jugendchores Vocalino singen und spielen völlig natürlich und authentisch. Mit norddeutscher Schnoddrigkeit und völlig ungehemmt entfährt es einem der Kinder gegenüber dem kleinen Sohn von Marie und Wozzeck: „Dein Mudder ist tot!“. Das klingt aber nicht witzig, weil es eben todernst ist. Man ahnt, dass dieses traumatisierte Waisenkind keine gute Zukunft hat. Womöglich endet es wie sein Vater; der Wahnsinn beginnt von vorn, das Unterdrückte kehrt wieder und schlägt zu.

Ensemble Photo Andreas Ströbl

Die Oper verhallt hoffnungslos in einer unruhigen Wiegebewegung, ein schimmernder G-Dur-Akkord wirkt wie das trügerische Leuchten eines Irrlichts. Keine Auflösung. Nur ein Fragezeichen.

Dann – Stille, wie nach Wozzecks Tod. Jemand schluchzt leise. Und schließlich, erst zaghaft, dann umso stürmischer, befreiender Beifall.

Wer diese großartige Produktion sehen möchte, hat dazu die Möglichkeit (nein, die Verpflichtung!) am 24. und 30. Mai sowie am 19. und 25. Juni 2026.

Dr. Andreas Ströbl, 18. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Alban Berg, Wozzeck, Brigitte Fassbaender Inszenierung Theater Lübeck, 25. April 2026 PREMIERE

Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck, 7. Symphoniekonzert  Musik- und Kongresshalle, Lübeck, 3. Mai 2026

Stefan Vladar, Klavier, Bo Skovhus, Bariton, Mahler Theater Lübeck, Großes Haus, 26. März 2026

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