„Der Mensch ist ein Abgrund“ – Brigitte Fassbaender setzt mit Bergs „Wozzeck“ einen Meilenstein

Alban Berg, Wozzeck, Brigitte Fassbaender Inszenierung  Theater Lübeck, 25. April 2026 PREMIERE

Bo Skovhus, Brigitte Fassbaender und Stefan Vladar – Photo Andreas Ströbl

Was passieren kann, wenn ein psychisch labiler Mensch unablässig massivem Druck ausgesetzt ist, zeigt Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“, gesteigert noch in der Adaption durch Alban Berg in seiner Oper „Wozzeck“. Selten aber dürfte die psychologische Tiefen-Ausleuchtung so eindrucksvoll umgesetzt worden sein, wie in der Produktion unter der Regie von Kammersängerin Brigitte Fassbaender am Theater Lübeck, die am 25. April 2026 eine zu Recht bejubelte Premiere feierte. „Ein Meilenstein“ wird GMD Stefan Vladar die Produktion auf der Premierenfeier nennen.

Alban Berg     Wozzeck

Brigitte Fassbaender,  Inszenierung

Bo Skovhus, Bariton
Adrienn Miksch, Sopran
Peter Lodahl, Tenor
Changjun Lee, Bass
Noah Schaul, Tenor
Frederike Schulten, Mezzosopran
Roman Payer, Tenor
Steffen Kubach, Bariton
Robin Frindt, Bassbariton
Thomas Stückemann, Tenor

Chor des Theaters Lübeck

Kinder- und Jugendchor Vocalino des Theaters Lübeck und der Musik- und Kunstschule Lübeck

Stefan Vladar,  Dirigent
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Theater Lübeck, 25. April 2026 PREMIERE

von Dr. Andreas Ströbl

Zwei Genies und der gleiche Stoff

Dass der Schriftsteller, Mediziner und Revolutionär Georg Büchner strenggenommen auch Proto-Soziologe und -Psychologe genannt werden sollte, ist nicht ganz neu, darf aber gerne nochmals betont werden. Sein Seelenbild eines Menschen, der von seiner Umwelt durchweg herumgeschubst, bevormundet und herabgewürdigt wird, bis ihm, wie man heute sagen würde, „die Sicherungen durchbrennen“, ist so eindrucksvoll und detailliert gezeichnet, dass die moderne Psychologie Büchner mitunter als Vorläufer Freuds wahrnimmt.
Lennart Levis Standardwerk „Stress – Körper, Seele und Krankheit“ von 1964, in dem er die psychosomatische Medizin in ihren Grundzügen und Therapieformen vorstellt, wirkt wie eine direkte Weiterführung des Büchner’schen Ansatzes. Alban Bergs „Wozzeck“ ist durch die szenische Darstellung und vor allem musikalische Umsetzung ebenso komplex wie die menschliche Psyche. Stefan Vladar nannte den „Wozzeck“ in der Einführungsveranstaltung mit öffentlicher Probe „das Komplexeste, was an Opernliteratur existiert“; Regisseurin Brigitte Fassbaender sprach von einer „der größten Opern des 20. Jahrhunderts, wenn nicht die größte überhaupt“. Und wenn eine solche Legende des Kulturbetriebs dieses, um es doppeldeutig zu sagen, Wahnsinnswerk inszeniert, dann kommt eben so eine Glanzleistung heraus, wie man sie nun in Lübeck erleben darf.

„Der Mensch ist ein Abgrund“, weiß der Titelheld, „es schwindelt Einem, wenn man hinunterschaut“. Nietzsches Mahnung, „und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“, kommt hier zu spät, denn Woyzeck-Wozzeck taumelt längst ungebremst in die dunkle Tiefe seiner verletzten Seele hinunter. Wer sich von dort –nichtgesundet und gebrochen – erhebt, kann zur Gefahr für sich und seine Nächsten werden. Wenn man aber, wie Wozzeck, keinen kundigen Psychotherapeuten zur Seite hat, sondern von einem egomanen Arzt „behandelt“ wird, der lediglich auf seinen eigenen Ruhm bedacht ist und seinen Patienten eine Woche lang nur Bohnen essen lässt, der ist verloren.

© Olaf Malzahn / Theater Lübeck

Und so tötet Wozzeck schließlich seine Geliebte aus Eifersucht, zerstört damit sein Leben; ihr Kind wird durch seine Hinrichtung zur Vollwaise.

Ein Umfeld ohne Hoffnung

Kein wirkliches Zuhause und erst recht keine Geborgenheit bietet die Bühne von Bettina Munzer mit ihren an Industriearchitektur erinnernden Bögen und großen Durchgängen. Im Hintergrund ist manchmal eine trostlose Industrielandschaft zu sehen, zum Ende hin erhebt sich totes Geäst mit Flammen, die an Darstellungen des Fegefeuers erinnern.

Die Kostüme (ebenfalls von Bettina Munzer) sind an die Entstehungszeit der Oper angelehnt, man assoziiert die Dekadenz der Fernseh-Serie „Babylon Berlin“, mitsamt der Gier nach Leben, gesellschaftlichem Erfolg und bitterer Armut in den Großstädten. Falk Hampels Lichtregie schafft Tiefe und eine meist bedrohliche Atmosphäre.

© Olaf Malzahn / Theater Lübeck

Die Produktionen von Brigitte Fassbaender bestechen unter anderem durch eine phantastische Personenregie und größtmögliche Kongruenz von Libretto und Partitur. Auch ihr Lübecker „Wozzeck“ erhält so eine in jeder Sekunde spannungsreiche Unmittelbarkeit und Eindringlichkeit, bis hin zur Beklemmung. Dieser „Wozzeck“ wird in einem durchgespielt, ohne Zwischenvorhänge, was der ganzen Geschichte noch mehr Dichte verleiht.

Dem Rezensenten ist der Fall eines Patienten bekannt, der von der Vorstellung besessen war, alle wesentlichen Menschen seines Umfelds könnten sich jederzeit zu einem Tribunal aufstellen und ein vernichtendes Urteil über ihn sprechen. Völlige Verunsicherung und ungebremste Aggression bei der leisesten Kritik waren die Folge. Auch im ersten Akt dieses „Wozzeck“ stehen sämtliche Personen, die das Leben des Haupt-Protagonisten bestimmen, einmal nebeneinander und scheinen nur auf ihren letztlich zerstörerischen Einsatz zu warten.

All diese Gestalten treten hier so auf, als entsprängen sie tatsächlich dem gequälten Hirn Wozzecks; es sind Zerrbilder und Karikaturen, die zuweilen an Zeichnungen aus dem „Simplicissimus“ oder satirische Gemälde von George Grosz denken lassen. Eine Massen-Tanzszene (Mitarbeit Bewegungsregie Juliane Rößler) mit irren, zügellosen, ja ausschweifenden Gesten und Bewegungen verstärkt solche Assoziationen.

Erneut eine phantastische Besetzung in allen Rollen

Der Bariton Bo Skovhus gibt der Titelrolle ergreifende Gestalt; dies ist ein Mann, der nie wirklich erwachsen geworden ist oder werden durfte. Folglich steht er immer wieder in einer Ecke wie ein vom Lehrer abgestrafter Schuljunge, auch kann er keine echte Beziehung zu seinem Kind aufbauen. Mit größtem körperlichem und stimmlichem Einsatz ist er ein Wozzeck von beeindruckender Präsenz und Seelentiefe.

© Olaf Malzahn / Theater Lübeck

Seine schlimmsten Quälgeister sind der Hauptmann und der Arzt. Den Militär gibt Peter Lodahl, der seinen Tenor bis ans Äußerste ausreizt. Zahlreiche Falsett-Töne lassen den ganzen Charakter schrill und unangenehm wirken. Changjun Lee ist ein selbstverliebter Mediziner mit schrägen Behandlungsvorstellungen und irrem Gehabe. Man möchte seinen weißen Kittel gerne mit der Zwangsjacke vertauschen, aber dieser Mann ist eben auch gefährlich, denn niemand gebietet ihm Einhalt. Lees phantastische Basstiefen wirken bedrohlich und unangreifbar selbstbewusst.

Wankelmütig und unzuverlässig ist Wozzecks Gefährtin Marie, verkörpert durch Adrienn Miksch, die in Lübeck zuletzt in Weinbergs „Passagierin“ glänzte. Eine ungezwungene Innigkeit im Umgang mit ihrem Söhnchen vermittelt sie mit ihrem starkem Sopran ebenso glaubhaft, wie ihre Gier nach körperlicher Lust, die sie zum Seitensprung mit dem Tambourmajor verführt. Roman Payer ist dieser vor Testosteron fast platzende Macho, dem gerne auch mal Marie gegenüber „die Hand ausrutscht“, wie es immer wieder euphemistisch heißt, wenn Männer Frauen schlagen – ein beeindruckend gut gespielter und stimmlich in pralle Form gegossener Widerling.

© Olaf Malzahn / Theater Lübeck

Auch Tenor Noah Schaul geht gesanglich an seine Grenzen, aber mit lässiger Sicherheit meistert er als Andres quälende, ja schneidende Höhen, von seiner sehr guten Bühnenpräsenz ganz abgesehen.

Frederike Schulten zeigt als Margret, wie selbstgefällig und kalt sie spielen und singen kann. Die sonst in den klassischen Sympathierollen überzeugende Mezzosopranistin zeigt hier ihre Vielseitigkeit.

Steffen Kubach und Robin Frindt sind die Handwerksburschen, die ihre Grobheit noch durch übermäßigen Genuss von Brandwein verstärken. Die beiden könnten lustig sein, vervollkommnen aber für Wozzeck eindrücklich das Panoptikum der alptraumhaften Figuren durch ihr rücksichtsloses Gebaren.

Thomas Stückemann als Narr kommt in dieser Inszenierung eine besondere Rolle zu, denn er ist hier viel präsenter als in früheren Produktionen. In seiner Außenseiterrolle ist er auf skurrile Weise der einzige, der dem geplagten Wozzeck sympathisch, im etymologischen Sinne als „mitleidend“, an die Seite gestellt ist. Zum Schluss dient er wie ein Spielkamerad dem Waisenkind als Reittier, so wie das zugewandte Väter mit den ganz Kleinen gerne tun. Mit der bezaubernd aufrichtigen Emma Genz, die den Buben spielt (bei der öffentlichen Probe durfte man erleben, wie detailverliebt Brigitte Fassbaender auch mit den in jeder Hinsicht kleinen Rollen arbeitet), trottet er langsam in den dunklen Hintergrund – in eine echte Zukunft? Ins Nichts?

Ein großartiger Chor und ein rauschhaft spielendes Orchester

Unter der Leitung von Jan-Michael Krüger singt der Chor des Theaters Lübeck bewährt präsent und stark sowie dynamisch fein austariert. Wie oben angeführt, müssen alle zudem ausgelassen tanzen, und zwar jedes Chormitglied auf eigene Weise.

Den Kinder- und Jugendchor Vocalino des Theaters Lübeck und der Musik- und Kunstschule Lübeck hat Gudrun Schröder einstudiert; alle meistern ihre Rollen unverkrampft und dennoch ernsthaft.

Zu Alban Bergs Wozzeck-Musik könnte man nun ganze Bücher schreiben; sie ist so komplex, voller Zitate und Anspielungen, vielfältiger Instrumentierung und damit Klangfarbigkeit, Doppelbödigkeit und vor allem von schrecklicher Schönheit. GMD Stefan Vladar entlockt dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck all die Vielschichtigkeit und vor allem soghafte Magie dieser Partitur. Es steckt, neben Beethoven und Strauss-Zitaten, viel Mahler darin, auch der „Pelleas und Melisande“-Schönberg, nur wie im Drogenrausch verzerrt, durch einen verstörenden Filter gehört, als dächte man an Wohlbekanntes im Absinth-Wahn. Theodor W. Adorno nannte seinen Lehrer Berg in vergleichbarem Zusammenhang den „Meister des kleinsten Übergangs“. Fast jazzig klingt die Trompete, das verstimmte Klavier und die kleine Kapelle mit Akkordeon ahnen in die 20er-Jahre hinein.

Das Orchesterzwischenspiel vor dem Finale jagt Gänsehautschauer über den ganzen Leib und macht die Seele frieren. Sensiblen Hörern schießen die Tränen in die Augen, wenn sie nicht einfach erstarren. Man muss sich hüten vor dieser Musik, sie wirkt wie eine Droge.

Als die letzten Töne verhallen, versuchen einige wenige zu klatschen, halten inne, wie irritiert oder peinlich berührt. Momente später bricht dann der Beifall los, verdient, langanhaltend. Ja, man sollte der Stille am Ende Raum geben, sie aushalten können. Dann aber darf gejubelt werden, befreit und begeistert.

Vor allem aber muss man diese Produktion nochmal sehen, möglichst öfter. Dazu besteht Gelegenheit am 2., 17., 24. und 30. Mai sowie am 19. und 25. Juni.

Auch weitere Anreisen lohnen unbedingt!

Dr. Andreas Ströbl, 26. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Alban Berg, Wozzeck (1925) Staatsoper Berlin, 21. Dezember 2025

Alban Berg, Wozzeck Staatsoper Unter den Linden Berlin, 14. Dezember 2025

Musikfest Hamburg /Alban Berg, Wozzeck Elbphilharmonie Hamburg, 23. Mai 2025

Alban Berg, Wozzeck Oper in drei Akten  Chemnitzer Opernhaus, 16. Juni 2023 PREMIERE

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