Das Ensemble des Hamburg Ballett mit Lloyd Riggins (vorn sechster von links, rechts neben ihm der geschäftsführende Betriebsdirektor Nicolas Hartmann) (Foto: Kiran West)
Wichtig ist, den von John Neumeier aufgebauten Geist der Hamburger Compagnie und deren Leuchtturmcharakter in der Ballettwelt zu erhalten. Und das gelingt nur mit dem systematischen Aufbau der Compagnie von unten.
klassik-begeistert im Gespräch mit Lloyd Riggins, dem künstlerischen Ballettdirektor des Hamburg Balletts, Teil III
von Dr. Ralf Wegner
klassik-begeistert: Kommen wir zu einem weiteren Thema, dem Rang des Hamburger Balletts in der Ballettwelt. Der sog. Ballett-Oscar, der Prix Benois de la Danse, wurde Ihnen 2004 verliehen. Unter den Ballett-Compagnien erhielten Mitglieder des Hamburger Balletts nach den Ensembles in Paris, Moskau und St.Petersburg zusammen mit dem Londoner Royal Ballet am häufigsten diesen Preis verliehen. Schon allein das zeugt von dem hohen Rang, den das Hamburg Ballett unter John Neumeier erreicht hat. Leider haben im letzten Jahr unter Neumeiers Nachfolger zahlreiche Erste Solisten das Hamburger Ballett verlassen.
Warum hat man diese nicht wieder gewinnen können und warum wurden die Stellen nicht nachbesetzt, sei es aus dem Ensemble oder mit von auswärts zu gewinnenden ersten Kräften? Auch aus dem neuen Spielzeitbuch der Saison 2026/27 ergeben sich keine weiteren Informationen.
Lloyd Riggins: Wir haben sie gefragt, aber es war schon zu spät gewesen. Demis Volpi hatte die frei gewordenen Tänzerstellen schon mit neuen Ensemblemitgliedern besetzt. Der Aufbau in der Compagnie braucht Zeit. Auch der Tänzer Alexandr Trusch hat im Ensemble unten angefangen und sich im Laufe der Zeit zu dem Tänzer entwickelt, der er heute ist. Es ist sehr wichtig für uns, das Fundament zu stärken und darauf aufzubauen.
Es gibt zwar einige Tänzer und Tänzerinnen, die grundsätzlich bereit wären für eine höhere Leistungsstufe, aber auch diese müssen langsam aufgebaut werden. Deshalb reicht es auch nicht, von woanders Tänzer einzukaufen. Mit ihnen könnten wir technisch zwar brillieren. Aber das ist für uns nicht die Hauptsache. Die Schritte und Sprünge müssen immer Teil der Handlung bleiben, sie sind nie Selbstzweck.
Wichtig ist, den von John Neumeier aufgebauten Geist der Hamburger Compagnie und deren Leuchtturmcharakter in der Ballettwelt zu erhalten. Und das gelingt nur mit dem systematischen Aufbau der Compagnie von unten.
klassik begeistert: Was halten Sie von der Idee, dass das Hamburg Ballett nach Wechsel der Oper in die Hafencity an der Dammtorstraße verbleibt? Zum Beispiel um wie früher im Operettenhaus publikumswirksame Stücke wie die Tschaikowsky Ballette en Suite aufzuführen?
Lloyd Riggins: Wir müssen sehen, was passiert. Einen entsprechenden Plan gibt es bisher nicht. Wichtiger ist es im Moment, dass wir eine Stimme bei der Ausgestaltung der Neuen Oper haben. Wir müssen jetzt versuchen vor der Welle zu schwimmen und uns nicht von ihr überrollen zu lassen.

klassik begeistert: Gibt es etwas in Hamburg, außerhalb vom Ballett, was Ihnen besonders gut gefällt oder an dem Ihr Herz hängt?
Lloyd Riggins: Wir hatten in Kopenhagen ein gutes Leben, es war alles sicher, geradezu komfortabel. Hamburg war da anders, es ist aber, zumindest von den USA aus gesehen, ähnlich, nämlich nördlich gelegen. Ich liebe Hamburg als Stadt, das viele Wasser, den Hafen oder die Landungsbrücken. Meine Kinder, sie sind jetzt 17 und 20 Jahre alt, haben hier eine gute Erziehung und Ausbildung genossen. Dafür bin ich dankbar. Und es gibt viele Theater, die wir besuchen können. Meine Tochter kann gut singen, sie liebt die vielen Musicals, die es hier gibt.
klassik begeistert: Sie haben ja mit großem Erfolg auch choreographiert, und zwar 2014 den Mittelteil von Bournonvilles Napoli. Ich schrieb damals von einer psychologisch bezwingenden, den vor- und nachgehenden Akt geschickt verbindenden Choreographie. Hat Sie das Choreographieren später nicht mehr so interessiert?
Lloyd Riggins: Am Anfang meiner Karriere stellte ich auch mir die Frage, ob ich choreographieren sollte. Aber die Choreographie zu Napoli war für mich nicht einfach. Ich habe vieles probiert und wieder verworfen. Als Choreograph muss man die Sehnsucht in sich spüren, eine Geschichte zu erzählen. Diese hatte ich nicht. Meine Sehnsucht war es dagegen, als Instrument zu wirken und dem Tanz zu dienen.
klassik begeistert: Gestern gaben Sie die Aufführungen zur Saison 2026/27 bekannt. Die Zahl der Ballettaufführungen liegt bei etwa 80. Dabei handelt es sich zu ca. 60% zu unserer Freude wieder um Neumeierkreationen wie u.a. Sommernachtstraum, Kameliendame oder Matthäuspassion. Ein neues Handlungsballett premiert aber nicht, dafür zwei Mehrteiler. Man könnte meinen, nach dem schwachen Verkauf von Slow Burn in der jetzigen Saison, dass solche Mehrteiler nicht unbedingt Zuspruch finden. Wann gibt es wieder ein neues abendfüllendes Handlungsballett?
Lloyd Riggins: Zunächst handelt es sich bei der nächsten Saison um eine gekürzte Spielzeit. Danach folgt das 350-jährige Opernjubiläum, für das wir große Produktionen planen und auch große Namen präsentieren werden. Die neu vorgestellte und die nachfolgende Spielzeit gleichen sich dabei aus, sie halten die Balance. Und bei dem Ballettabend MITTSU handelt es sich nicht um einen Mehrteiler, sondern um ein langfristig angelegtes experimentelles Projekt, welches zunächst von drei Choreographinnen zum Thema Virginia Woolf gestaltet wird. Sie arbeiten dabei zusammen. Ob daraus letztlich ein Handlungsballett wird, muss sich ggf. zeigen. Das Design wird nachhaltig sein. Und alle drei Jahre werden andere Choreographen bzw. Choreographinnen an diesem Projekt weiterarbeiten.

klassik begeistert: Zwei Abschlussfragen liegen mir noch auf dem Herzen. Wie steht es aktuell um das geplante Ballettmuseum mit John Neumeiers Sammlung und warum wurde in Hamburg, anders als in anderen Städten, noch nie der Titel Kammertänzer bzw. Kammertänzerin verliehen?
Lloyd Riggins: Ich bin der Meinung, dass die Sammlung für Hamburg erhalten bleiben muss, das ist keine Frage. Ich habe aber über den aktuellen Stand keine Erkenntnisse. Auch zu der Titelverleihung kann ich wenig beitragen. Es wäre aber eine gute Idee.
Lieber Herr Riggins, ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses informative Gespräch und wünschen Ihnen und der Compagnie weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.
Dr. Ralf Wegner, 27. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at