Foto: Jürgen Kesting bei einem Podiumsgespräch der Salzburger Festspiele 2019, hinter ihm Jochen Kowalski SF / Marco Borrelli
Der Journalist, Musikkritiker und Fachbuchautor Jürgen Kesting ist vor wenigen Tagen in Hamburg verstorben. Geboren 1940, wurde er mit einer Generation großer Sänger sozialisiert – Maria Callas, Elisabeth Schwarzkopf, Renata Tebaldi, Fritz Wunderlich, Franco Corelli, Luciano Pavarotti. Man nannte die 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts daher auch das zweite Goldene Zeitalter der Oper. Kesting nannte man den Stimmpapst, weil er die Sänger verehrte, liebte und kritisierte.
Richard Wagner Tristan und Isolde
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Omer Meir Wellber Dirigent
Hamburgische Staatsoper, 7. Juni 2026
von Jörn Schmidt
Ich würde meinen, nicht alle Sänger mochten ihn. Im Nachruf von Dieter David Scholz (nmz) stand, die hätten Kesting dann als „Hals-Nasen-Ohren-Archäologen“ belächelt. Derlei Häme ist die größte Auszeichnung für einen Kritiker – ich schließe damit meinen Nachruf auf den großartigen Kollegen.
Gestern hat Omer Meir Wellber an der Hamburgischen Staatsoper Richard Wagners Oper Tristan und Isolde dirigiert. Nach seinem grandiosen Hamburger Lohengrin im März dieses Jahres war ich gespannt, welchen Wagner-Zugriff Wellber dieses Mal hatte. Denn Maestro Wellber ist für mich momentan der Dirigent mit der größten Anpassungsfähigkeit. Klar, er favorisiert die deutsche Klangkultur, justiert dieses Ideal jedoch immer wieder neu, abhängig vom Werk.
Das ist zunächst mehr als selbstverständlich, Gioachino Rossini muss eben anders klingen als Richard Strauss. Aber Richard Wagners Opern, die kleiden viele Dirigenten in das immer gleiche pompöse Klanggewand. Eine Art Signature Style sozusagen. Nicht so der Generalmusikdirektor der Freien und Hansestadt Hamburg, für ihn hat jede Wagner-Oper ihren eigenen Charakter. Und weiß, das deutlichst herauszuarbeiten.
Lohengrin zum Beispiel: Uraufgeführt 1950, geht die Oper fast noch als Jugendwerk durch. War jedenfalls noch kein Musikdrama, sondern romantische Oper vom Feinsten. Darf also noch mit jugendlichem Schwung dirigiert werden. Mit größter dynamischer Bandbreite – so wie gehört im März. Tristan und Isolde, 15 Jahre später uraufgeführt, ging Wellber anders an – nämlich wundervoll lyrisch. Die zarten Pianissimi gerieten zum orchestralen Höhepunkt. Jedes Mal gleich gut gespielt – im März der Lohengrin, jetzt der Tristan – hat das Philharmonische Staatsorchester Hamburg: Durchhörbar und zu klarer Struktur angeleitet.
Nur Catherine Foster, eigentlich die perfekte Isolde, hatte erneut Pech mit der Partnerwahl. Wie schon vor ziemlich genau einem Jahr, als sich Kent Nagano mit Tristan aus dem Hamburger Orchestergraben verabschiedet hat [Lesen sie dazu bei Interesse bitte Folge 63 meiner Kolumne]. Dieses Mal war es der Tenor Samuel Sakker als Tristan, der ihr das Leben schwer gemacht hat. Stimmlich weit entfernt von meinem Ideal eines klassischen Heldentenors. Sakker ist ein baritonal eingefärbter Tristan – 53% Tenor, 47% Bariton, würde ich meinen. Das passte nicht zu Maestro Wellbers Dirigat.
Was bloß hätte Jürgen Kesting dazu gesagt?
Jörn Schmidt, 8. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Auf den Punkt 63: Kent Naganos Abschied Hamburgische Staatsoper, 10. Juni 2025
Richard Wagner, Tristan und Isolde, Omer Meir Wellber Hamburgische Staatsoper, 7. Juni 2026
Lohengrin, romantische Oper von Richard Wagner Die Hamburgische Staatsoper, 28. März 2026