Bregenz La traviata © Christian Lins
Im Sommer 2026 kehrte der chinesische Tenor Long Long auf die Seebühne der Bregenzer Festspiele zurück – diesmal als Alfredo in Verdis La traviata.
Als erster chinesischer Sänger, der den internationalen Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ gewann, ist er auf bedeutenden Opernbühnen weltweit aufgetreten, darunter an der Metropolitan Opera in New York, am Royal Opera House in London und an der Bayerischen Staatsoper in München. Nach seinem Auftritt als Herzog von Mantua in Rigoletto im Jahr 2021 war seine Rückkehr nach Bregenz eine besondere Wiederbegegnung mit einem Ort, der ihm bereits vertraut war – diesmal inmitten der zerbrochenen Spiegelwelt der Seebühne.
An der Seebühne spricht Long Long mit Feng Getong, Doktorandin der Neueren deutschen Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Ausgehend von Spiegeln, Wasser und Stimme führt das Gespräch zu Verdis Alfredo und dem Herzog von Mantua und schließlich zu der Frage, wie die Oper sich in einer sich wandelnden Welt immer wieder neu entdeckt und welche Wege ihr in Zukunft noch offenstehen.
Eine zerbrochene Liebe am Bodensee
klassik-begeistert: Die vergangene Woche muss unglaublich gewesen sein. Am 24. Juli sind Sie an der Bayerischen Staatsoper in München kurzfristig für Faust eingesprungen, und schon am nächsten Tag standen Sie in Bregenz in La traviata auf der Seebühne. Wie haben Sie diese Tage erlebt?
Long Long: Am Nachmittag des 23. Juli erfuhr ich, dass mich die Bayerische Staatsoper kurzfristig gebeten hatte, in Faust einzuspringen. Es ist ein Werk, das ich sehr liebe. Obwohl ich die Partie seit zwei Jahren nicht mehr gesungen hatte, war vieles sofort wieder da, musikalisch und auch körperlich, als ich die Partitur aufschlug. Deshalb habe ich mich entschieden, diese Herausforderung anzunehmen.
Nach der Vorstellung am 24. Juli bin ich am nächsten Tag tagsüber nach Bregenz zurückgekehrt und stand am selben Abend bereits in La traviata auf der Bühne. Für meinen Körper und natürlich auch für die Stimme war das eine große Herausforderung. Zum Glück hatte ich zuvor sechs Wochen lang geprobt und war mit der Konzeption des Regisseurs und des Dirigenten bereits bestens vertraut. So hat am Ende alles gut funktioniert.
klassik-begeistert: Sie sind nun zum zweiten Mal auf der Bregenzer Seebühne zu erleben. Was ist dieses Mal anders?
Long Long: Einige Jahre später wieder hier zu sein, ist etwas Besonderes. Es ist inzwischen vertraut geworden, fast wie ein Nachhausekommen. Damiano Michieletto ist ein international renommierter Opernregisseur und hat eine sehr eigene, zugleich tiefgehende Sicht auf La traviata. Auf dieser einzigartigen Bühne entsteht daraus eine Interpretation von großer künstlerischer Kraft. Paolo Fantin gehört zu den bedeutenden Bühnenbildnern der zeitgenössischen europäischen Opernszene. Auch die beiden Dirigenten Kirill Karabits und Pietro Rizzo bringen große Erfahrung mit, und die Zusammenarbeit mit ihnen war für mich ausgesprochen bereichernd. Es ist mir eine große Ehre, Teil dieser kreativen und international beachteten La traviata-Produktion zu sein.
klassik-begeistert: Was war Ihr erster Eindruck vom Bühnenbild von
La traviata? Und gibt es Details, die Sie als Darsteller besonders faszinieren?

Long Long: Am meisten fasziniert hat mich diese riesige, zerbrochene Spiegelwand. Im Chinesischen gibt es ein Sprichwort: „Ein zerbrochener Spiegel lässt sich nur schwer wieder zusammensetzen.“ Das passt erstaunlich gut zur tragischen Atmosphäre von La traviata. Wenn man auf den einzelnen Fragmenten dieses Spiegels spielt, entsteht fast der Eindruck, als befänden sich alle Figuren in Violettas zerbrochener innerer Welt. Realität und Traum, Erinnerung und Fantasie gehen dabei ständig ineinander über. Dadurch bekommt die Inszenierung etwas Traumhaftes und zugleich zutiefst Nachdenkliches. Wasser spielt eine zentrale Rolle. Wir stehen teilweise in Wasser, das fast bis zu den Knien reicht, und müssen darin gleichzeitig spielen und singen.
klassik-begeistert: Sind die Kostüme denn wasserdicht?
Long Long: Nein. Und wir sind natürlich auch nicht die ganze Zeit im Wasser. Man könnte sagen, wir sind gewissermaßen Opernsänger zwischen Land und Wasser. Im Wasser wird jeder einzelne Schritt durch den Widerstand schwieriger, und dadurch entsteht ein Gefühl des Vorankommens, fast des Sich-Durchkämpfens. Diese körperliche Erfahrung spiegelt gewissermaßen auch den inneren Kampf der Figuren und die Konflikte wider, denen sie durch ihr Schicksal ausgesetzt sind.
klassik-begeistert: Das erinnert mich an die Bregenzer Rigoletto-Produktion. Bei La donna è mobile standen Sie oben auf dem riesigen Clownskopf. Wie hat sich das angefühlt?
Long Long: Die Bregenzer Seebühne setzt natürlich auf eine enorme visuelle Wirkung. Gleichzeitig wird sehr viel für die Sicherheit der Künstler getan. Ob Sicherungsseile oder die Betreuung durch das Bühnenteam, alles ist äußerst sorgfältig organisiert, sodass man sich als Sänger jederzeit sicher fühlt.
klassik-begeistert: Auf der Seebühne gibt es keine Pause, deshalb werden die Werke teilweise gekürzt. Wie stark wurde Ihre Partie gekürzt?
Long Long: Die deutlichste Kürzung betrifft Giorgio Germont: Seine Cabaletta wurde gestrichen. Bei Alfredo wurden lediglich zwei Zeilen des Rezitativs gekürzt. Ansonsten sind meine musikalischen Nummern im Wesentlichen vollständig erhalten geblieben.
klassik-begeistert: In Bregenz erleben die Zuschauer eine gewaltige Bühnenarchitektur, zugleich können viele Ihre Mimik aus der Distanz kaum erkennen. Verändert eine so visuell überwältigende Bühne Ihre schauspielerische Gestaltung?

Long Long: Natürlich. Eine so große Open-Air-Bühne stellt ganz andere Anforderungen an die Darstellung. Feinste Gesichtsausdrücke und kleine Bewegungen kommen beim Publikum hier nicht an. Die Emotionen müssen natürlich trotzdem von innen kommen. Aber man muss sie körperlich viel stärker nach außen tragen, mit einer größeren und deutlich ausladenderen Körpersprache. Nur so erreichen die Gefühle auch die Zuschauer in den hintersten Reihen und wird die Figur für alle unmittelbar verständlich.
klassik-begeistert: Und was die Stimme betrifft?
Long Long: Die Darstellung kann man an die jeweilige Bühne anpassen, die Gesangstechnik nicht. Auf einer großen Bühne singe ich deshalb weder einfach lauter noch mit mehr Druck. Und in einem kleinen Saal oder mit Mikrofon nehme ich meine Stimme genauso wenig zurück. Für mich geht es immer um dasselbe: den Kehlkopf offen zu halten, gut zu stützen und die Resonanz richtig einzusetzen. So entsteht ein voller, gesunder und verlässlicher Klang.
Alfredo – Wenn die Liebe zur Erlösung wird
klassik-begeistert: Alfredo verändert sich im Laufe der Oper stark, und Verdi lässt diese Entwicklung in der Musik hörbar werden. Wie gestalten Sie diesen Wandel als Tenor?

Long Long: Sie sprechen einen der wichtigsten Aspekte Alfredos an: Er entwickelt sich im Laufe der Oper stark. Alfredo ist ein junger Mann mit einer sehr idealistischen Vorstellung von der Liebe. Am Anfang ist er noch etwas kindlich und naiv. Für ihn bedeutet Liebe vor allem etwas Inneres und Geistiges, mehr als materielle Dinge oder gesellschaftliche Konventionen. Gleichzeitig ist er direkt, impulsiv und aufrichtig, aber auch sehr emotional und wenig beherrscht.
In der Casinoszene des zweiten Akts treten diese Impulsivität und Unreife noch stärker hervor. Als Eifersucht und Wut die Oberhand gewinnen, verliert er die Kontrolle und verletzt Violetta. Im letzten Akt kehrt er wieder zu dem sanften, reinen jungen Mann zurück, den wir am Anfang kennengelernt haben. Durch all das, was er erlebt, reift er schließlich und findet zu innerer Erlösung.
Auch stimmlich muss sich diese Entwicklung zeigen: von jugendlicher Frische, Leidenschaft und Idealismus über Schmerz und Reue bis hin zu Sanftheit und Erkenntnis. Das Publikum sollte diese Entwicklung nicht nur sehen, sondern auch hören können.
klassik-begeistert: Im ersten Akt gibt Violetta Alfredo eine Blume von ihrer Brust und sagt, er solle sie zurückbringen, wenn sie verwelkt ist. Eine sehr romantische Szene. Spürt Alfredo in diesem Moment nur Violettas Zuneigung, oder nimmt er auch etwas von ihrer inneren Unsicherheit und ihren Selbstzweifeln wahr?
Long Long: Ich glaube nicht, dass Alfredo in diesem Moment wirklich erfasst, was in Violetta vorgeht. Er spürt vor allem, dass er sich verliebt hat. Er ist jung, attraktiv und stammt aus einer adligen Familie, begegnet Violetta aber mit Bewunderung und Faszination. Für ihn ist eine Frau wie sie beinahe unerreichbar. Auch Verdis Musik bringt diese jugendliche Aufregung und unmittelbare Begeisterung zum Ausdruck.
Besonders interessant ist die Zurückhaltung des Textes: Violetta nennt keinen konkreten Zeitpunkt für ein Wiedersehen, sondern macht die Blume zu einer Art Versprechen. Alfredos „morgen“ verrät dagegen seine Ungeduld und Leidenschaft. Er ist ganz in seiner Vorstellung von dieser neuen Liebe gefangen, bis er kurz darauf erkennt, dass es für Violetta vielleicht nur ein flüchtiger Flirt war. Er bleibt enttäuscht und ratlos zurück.
Gerade die Kürze des Operntextes lässt viel Raum für die Vorstellungskraft. Mit wenigen Worten und einer präzisen musikalischen Sprache gelingt es Verdi, etwas erstaunlich Komplexes und zutiefst Menschliches sichtbar zu machen.
klassik-begeistert: Sie haben in den sozialen Medien die zweite Szene des zweiten Akts von La traviata als die dramatischste der ganzen Oper bezeichnet. Warum?
Long Long: Zunächst einmal klingt die Musik wie ein einziger Streit. Die Sänger müssen Wut und Verzweiflung allein mit der Stimme vermitteln. Das verlangt gesanglich eine enorme dramatische Spannung.
Auch inhaltlich ist die Szene so intensiv, weil die Figuren völlig aus ihrer gewohnten Verfassung geraten. Ihre Gefühle und ihr Denken kippen. Alfredo demütigt im Casino vor aller Augen die Frau, die er liebt. In diesem Moment muss er geradezu außer sich sein – wütend, verbissen und völlig die Kontrolle verlieren. Noch deutlicher wird das, als Germont senior auftaucht. Für ihn ist sein Sohn kaum wiederzuerkennen: Wo ist der Alfredo geblieben, den er kennt? Schließlich kennt er ihn als gutherzigen und sensiblen jungen Mann.
Deshalb geht es in dieser Szene nicht nur um den Konflikt zwischen Alfredo und Violetta. Es ist vor allem der Moment, in dem Alfredo völlig die Kontrolle über sich verliert. Musik, Handlung und Darstellung treiben die Szene gemeinsam auf ihren Höhepunkt.
klassik-begeistert: Im dritten Akt kehrt Alfredo zu Violetta zurück. Er kann ihr noch einmal seine Liebe zeigen, aber das, was geschehen ist, lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Was steht für Sie in diesem Moment stärker im Vordergrund: Alfredos Reue oder seine Erlösung? Oder gehört beides zusammen?

Long Long: Im letzten Akt gibt es für Alfredo viele sehr ruhige, zarte Momente – einige der bewegendsten Tenormelodien der ganzen Oper. Für einen Augenblick scheint die Welt stillzustehen. In Parigi, o cara, noi lasceremo träumt er gemeinsam mit Violetta noch einmal von einem Neuanfang. Er hat die Frau, die er liebt, verletzt, und trotzdem stellen sich beide vor, Paris zu verlassen und irgendwo neu anzufangen. Doch kurz darauf wird Alfredo klar, wie schwer Violetta krank ist. Aus der Ruhe wird Verzweiflung. Die Musik wird immer dringlicher, und man spürt, wie sehr er sich wünscht, dass sie weiterlebt. Am Ende will er gar nicht über den Tod sprechen. Er sagt ihr nur, dass alles wieder gut wird, dass sie gesund wird und sie gemeinsam weiterleben werden.
Wenn man verstehen will, was Alfredo im letzten Akt empfindet, sollte man vor allem die Musik hören. Verdi hat darin eigentlich schon alles gesagt. Man muss den Text nicht einmal vollständig verstehen. Die Musik allein erzählt, was in Alfredo vorgeht.
klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Den zweiten und letzten Teil unseres Interviews mit Long Long lesen Sie
Freitag, 7. August 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.
kb im Gespräch mit Maida Hundeling, Sopran klassik-begeistert.de, 2. Juni 2026
Interview: kb im Gespräch mit Prof. Manuela Uhl, Sopranistin klassik-begeistert.de, 29. Mai
Verdi, La Traviata, Bregenzer Festspiele Seebühne Bregenz, 22. Juli 2026 PREMIERE