Zwischen Göttlichkeit und Menschlichkeit

kb im Gespräch mit Maida Hundeling, Sopranistin  klassik-begeistert.de, 2. Juni 2026

Fotos: NCPA / XIAOJING WANG / FEI FANG

Getong Feng im Gespräch mit Maida Hundeling über Brünnhilde und die NCPA-Produktion von WagnersSiegfried in Beijing

Im Jahr 2026 übernahm die deutsche Sopranistin Maida Hundeling in der NCPA-Produktion von Wagners Siegfried in Beijing die zentrale Rolle der Brünnhilde. Als eine der prägenden dramatischen Sopranistinnen auf den internationalen Wagner-Bühnen verleiht sie Brünnhilde eine gleichermaßen kraftvolle wie vielschichtige Gegenwärtigkeit.

Im Gespräch mit Getong Feng, Doktorandin der Neueren deutschen Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München spricht Maida Hundeling über Brünnhildes Weg zwischen Göttlichkeit und Menschlichkeit, über Erinnerung, Angst und Liebe in Wagners Siegfried sowie über ihre Erfahrungen mit Wagner und Turandot in Peking.

klassik-begeistert: Könnten Sie uns erzählen, wie Sie Ihre Karriere begonnen haben?

Maida Hundeling: Ich habe als Kind im Kirchenchor angefangen zu singen, später dann im Jugendchor. Das hat mir immer große Freude gemacht. Schon damals hieß es oft, meine Stimme sei ungewöhnlich kräftig. Irgendwann kam dann der Vorschlag, Gesangsunterricht an der Musikschule in meiner Heimatstadt zu nehmen. Mein erster Lehrer war großartig. Er hat offenbar sehr früh erkannt, welches Potenzial in der Stimme steckt. Während der Ausbildung habe ich schon begonnen, Wagner-Arien auszuprobieren, unter anderem die Senta.

Eigentlich wollte ich anfangs gar nicht zur Oper. Ich kam aus der Kirchenmusik, aus dem Oratorienbereich, und dachte lange: Oper ist mir zu affektiert. Dann hatte ich aber die Möglichkeit, im Chor des Theaters Osnabrück mitzusingen, ganz in der Nähe meiner norddeutschen Heimat. Meine erste Oper dort war Peter Grimes. Und ich war sofort fasziniert von diesem Werk, aber auch von der Oper überhaupt. Peter Grimes hat etwas unglaublich Naturalistisches: diese Meermusik, die Wellen, die Spannungen zwischen den Figuren. Man erlebt dort wirklich, wie eine Geschichte erzählt wird.

Seitdem hat mich die Oper nicht mehr losgelassen. Ich möchte, dass die Menschen an der Geschichte teilhaben, dass sie mit mir leiden, sich mit mir freuen, dass sie wirklich berührt werden. Das ist bis heute mein höchstes Ziel, sowohl stimmlich als auch darstellerisch.

klassik-begeistert: Sie haben in Peking sowohl Turandot als auch Brünnhilde gesungen. Was ist für Sie aus stimmlicher Sicht der größte Unterschied zwischen diesen beiden Rollen?

Maida Hundeling: Natürlich ist zunächst die Sprache unterschiedlich. Das eine ist italienisches, das andere deutsches Repertoire. Entsprechend geht man auch anders mit der Diktion um. Trotzdem müssen beide Partien legato geführt werden. Interessant ist, dass beide Rollen sehr intensiv beginnen. Turandot startet sofort mit großer Expressivität: Die Partie setzt hoch an, mit weiten Sprüngen und einer enormen dramatischen Spannung. Bei Brünnhilde beginnt zwar ebenfalls alles sehr expressiv, schließlich erleben wir ihr Erwachen, aber musikalisch ist es weicher und lyrischer geschrieben. Bei Brünnhilde denke ich immer an einen runden, warmen Klang, der den ganzen Raum erfüllt und das Publikum wie in eine Klangwolke einhüllt. Turandot dagegen bleibt oft extremer in ihren emotionalen Ausschlägen. Zwar erzählt auch sie ihre Geschichte, doch dann kommen diese Rätselszenen, die musikalisch sehr exaltiert geschrieben sind: große Intervallsprünge, extreme Höhen und Tiefen. Für mich spiegelt das ihren inneren Schutzmechanismus wider.

klassik-begeistert: Trotz aller Unterschiede sehen Sie aber auch Parallelen zwischen Turandot und Brünnhilde?

Maida Hundeling: Ja. Schon beim ersten Blick zwischen Calaf und Turandot verändert sich die Atmosphäre. Calaf sagt zunächst noch, wie schrecklich sie sei, und plötzlich wird daraus Bewunderung. In diesem Moment gerät auch Turandot selbst ins Wanken. Sie wird verunsichert und weiß nicht mehr, wie sie mit dieser neuen emotionalen Situation umgehen soll.

Interessanterweise sehe ich darin sogar eine Verbindung zu Brünnhilde. Auch Siegfried erkennt beim ersten Blick auf sie plötzlich: „Das ist kein Mann.“ Beide Figuren erleben diesen Moment der emotionalen Erschütterung zwischen Angst, Liebe und Verletzbarkeit. Gerade Brünnhilde empfinde ich als eine Figur, die plötzlich ihren Schutz verliert. Wotan nimmt ihr die Macht, die sie als Walküre hatte. Sie wird schutzlos und muss lernen, mit Liebe und menschlicher Nähe umzugehen, obwohl sie zuvor noch überzeugt davon gesprochen hat. In diesem Punkt gibt es tatsächlich erstaunliche Parallelen zwischen beiden Rollen.

klassik-begeistert: Kommen wir nun zur Siegfried-Produktion des NCPA in Peking. Wie würden Sie die Intention der Regie interpretieren?

Maida Hundeling: Ich würde diese Inszenierung als eine Verbindung aus Tradition, Klassik und Moderne beschreiben. Die Geschichte wird klar erzählt, alle Details aus dem Libretto sind präsent. Gleichzeitig eröffnet die Inszenierung durch Licht und Projektionen eine neue visuelle Welt.

Im Grunde entspricht das genau Wagners Idee des Gesamtkunstwerks. Für mich muss eine Bühne dabei nicht zwingend naturalistisch sein, auch stilisierte Räume können funktionieren. Aber hier verbindet sich beides auf eine sehr überzeugende Weise: eine beinahe naturgetreue Bühne mit stilisierten Elementen. Dadurch entsteht fast etwas Filmisches.

NCPA / XIAOJING WANG / FEI FANG

klassik-begeistert: Welche Rolle spielt dabei das Bühnenbild?

Maida Hundeling: Besonders spannend finde ich hier das Motiv des großen Rings, der permanent über der Bühne präsent ist. Seine Bedeutung verändert sich je nach Szene: Mal erinnert er an den Feuerring um Brünnhilde, mal wirkt er wie ein Symbol für Natur oder Macht. Gleichzeitig verweist er natürlich auf den Ring des Nibelungen selbst, als etwas, das über der gesamten Geschichte schwebt. Das finde ich unglaublich stark und symbolträchtig. Auch die Spiegel an den Seiten der Bühne gefallen mir sehr. Sie erweitern den Raum optisch und verstärken dieses Gefühl, in eine eigene Welt hineingezogen zu werden.

klassik-begeistert: Im dritten Akt von Siegfried treten Sie nach einer langen Abwesenheit plötzlich ein. Welche besonderen Herausforderungen stellt diese dramatische Situation für die stimmliche Kontrolle dar?

Maida Hundeling: Das Anspruchsvollste an dieser Szene beginnt eigentlich lange vor dem ersten gesungenen Ton. Bereits während Siegfried noch mit Wotan singt, muss ich schon auf den Felsen klettern und dort meine Position einnehmen. Dann liege ich bereits vollständig in der Szene, mit Helm und Kostüm, während ich langsam auf die Bühne gefahren werde. Die größte Herausforderung besteht für mich darin, den Körper und vor allem die Stimme in dieser langen Ruhephase trotzdem vollkommen präsent zu halten. Man darf nicht verspannen, die Stimme darf nicht „einschlafen“, und natürlich möchte man vermeiden, dass der erste Ton unsicher klingt.

Deshalb entwickle ich währenddessen kleine Routinen. Da vorne auf der Bühne musikalisch sehr viel passiert, kann ich hinten auf dem Felsen ganz leise einzelne Töne ansingen, ohne dass es jemand hört. Außerdem habe ich immer kleine Bonbons dabei, damit die Stimme feucht bleibt. Durch das Licht, die Projektionen und den Nebel wird die Luft auf der Bühne schnell trocken, und gerade bei Wagner muss man sehr darauf achten, die Stimme geschmeidig zu halten.

klassik-begeistert: In Siegfried erwacht Brünnhilde nach ihrem langen Schlaf zum ersten Mal als Mensch. Ist dieser Moment eher das Ende der Göttin oder der Beginn des Menschseins?

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Maida Hundeling: Am Anfang besitzt Brünnhilde noch fast etwas Göttliches in ihrer Klangfarbe. Doch im Verlauf der Szene wird die Linie immer menschlicher und lyrischer. Für mich spiegelt sich darin ihr eigenes Bewusstwerden wider,das Erkennen dessen, was sie einmal war und nun nicht mehr ist. Sie singt selbst über diese Erinnerung, über den Verlust ihrer früheren Existenz. Genau daraus entsteht auch ihre Angst. Das macht sie so menschlich und verletzlich.

klassik-begeistert: Welche Rolle spielt dabei die Angst?

Maida Hundeling: Man spürt ihre Unsicherheit gegenüber dem, was nun gemeinsam mit Siegfried auf sie zukommt. Sie wünscht sich diese Verbindung zwar, aber zunächst begegnet sie ihr mit einer gewissen Zurückhaltung, fast mit einem inneren Abwägen.

Interessanterweise erleben beide Figuren in diesem Moment etwas sehr Ähnliches. Zuerst lernen wir Siegfried als jemanden kennen, der das Fürchten nie gelernt hat. Und dann sieht er plötzlich Brünnhilde. Zum ersten Mal erfährt auch er Angst und Erschütterung.

klassik-begeistert: Wie spiegelt Wagner diesen Wandel musikalisch?

Maida Hundeling: All das hört man unmittelbar in der Musik. Zunächst diese strahlenden, leuchtenden Klänge ihres Erwachens. Sie begrüßt das Licht, die Welt und den Helden, der sie erweckt hat. Dann folgt die Erinnerung an Wotan und an ihre Vergangenheit, dass sie Liebe und Mitgefühl eigentlich nie erfahren sollte. Für mich gehören Empathie und Liebe in dieser Szene eng zusammen. Darauf folgt ein sehr lyrischer Abschnitt, dieser fast intime Moment von „Ewig war ich, ewig bin ich“. Doch am Ende schlägt die Musik erneut in etwas beinahe Übermenschliches um. Das große Duett mit Siegfried besitzt einen enormen Enthusiasmus, eine Kraft, die über das rein Menschliche hinausgeht. Am Schluss steht dieses hohe C. Ein Moment, der fast überirdisch wirkt. Letztlich kennt man solche Momente auch aus dem menschlichen Leben: Situationen, in denen Gefühle plötzlich größer werden als alles andere. Man kann sie kaum kontrollieren, und dennoch liegt gerade darin etwas Wunderbares.

NCPA / XIAOJING WANG / FEI FANG

klassik-begeistert: Die Begegnung zwischen Brünnhilde und Siegfried wird oft als eine ideale, beinahe utopische Liebe verstanden, vielleicht als der hellste Moment im gesamten Ring. Empfinden Sie diese Liebe in diesem Augenblick als etwas vollkommen Reines? Oder spüren Sie darin bereits eine gewisse Fragilität?

Maida Hundeling: Für mich ist dieses Schlussduett tatsächlich der hellste Moment im gesamten Ring. Es ist ein Augenblick voller Glück, Erfüllung und reiner Freude. Innerhalb der Szene selbst empfinde ich das überhaupt nicht als utopisch oder unrealistisch, denn Brünnhilde und Siegfried glauben in diesem Moment vollkommen an ihre Liebe. Natürlich wissen wir als Publikum bereits, dass die Geschichte in der Götterdämmerung tragisch weitergeht. Wie in vielen Beziehungen entstehen später Konflikte, Missverständnisse und Einflüsse von außen. Vor allem Siegfried kennt die Gefahren von Betrug, Manipulation oder Neid noch nicht wirklich; er bleibt sehr vertrauensvoll und fast kindlich offen. Für mich bleibt das bis zum letzten Ton reine, unverfälschte Freude.

klassik-begeistert: Dennoch kennt das Publikum bereits die spätere Tragödie. Hören Sie musikalisch irgendwo eine Vorahnung davon?

Maida Hundeling: Harmonisch gibt es keinen plötzlichen Schatten, keinen Mollmoment oder musikalischen Bruch, der Zweifel andeuten würde — etwas, das Wagner an anderen Stellen durchaus macht. Gerade deshalb finde ich den Vergleich mit Elisabeths Hallenarie aus Tannhäuser interessant. Auch dort beginnt alles euphorisch und voller Licht, doch am Ende spürt man musikalisch plötzlich einen kleinen Umschwung, ein verborgenes „Aber“. Im Schlussduett von Siegfried existiert dieser Moment für mich nicht. Wagner wollte hier, glaube ich, wirklich, dass wir mit diesem Gefühl vollkommener Liebe und Begeisterung in die Götterdämmerung hineingehen.

Und genau das setzt sich dort zunächst auch fort. Gleich zu Beginn der Götterdämmerung erklingt erneut ein großes Duett zwischen Brünnhilde und Siegfried, das dieselbe Strahlkraft und dieselbe emotionale Größe besitzt. Obwohl die Nornen bereits das Schicksal ankündigen, beginnt die Geschichte der beiden zunächst vollkommen ungebrochen.

klassik-begeistert: Gibt es für Sie Unterschiede, Wagner in China zu singen im Vergleich zu Europa, also berücksichtigen Sie dabei kulturelle Unterschiede, vielleicht auch in der Nuance von Ausdruck oder Darstellung?

Maida Hundeling: Es gab allerdings in dieser Inszenierung durchaus Diskussionen darüber, wie man mit bestimmten Symbolen umgeht, zum Beispiel mit dem Drachenmotiv. Bei Wagner erscheint Fafner als Drache oder Lindwurm, während der Drache in der chinesischen Kultur ein sehr bedeutendes und beinahe heiliges Symbol ist. Ich finde deshalb, dass man solche kulturellen Aspekte unbedingt berücksichtigen sollte, damit man die Menschen oder die Kultur vor Ort nicht verletzt.

Für meine eigentliche Rolleninterpretation ändert das aber nichts. Viel wichtiger ist für mich der Respekt gegenüber dem Land und der Kultur, in die man als europäische Künstlerin kommt. Man bringt eine andere Tradition mit und sollte sich dessen bewusst sein. Gleichzeitig empfinde ich große Dankbarkeit, Wagner oder überhaupt westliche Oper hier aufführen zu dürfen.

klassik-begeistert: Und wie war es für Sie, in Peking Turandot zu singen?

Maida Hundeling: Turandot war für mich in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Erfahrung. Dort hatte ich noch einmal einen anderen Respekt davor, in eine Geschichte einzutauchen, die zwar von Puccini komponiert wurde, aber in einem chinesischen kulturellen Kontext spielt. Besonders spannend fand ich, dass wir ein anderes Ende hatten, musikalisch leicht verändert und mit einem Klang, der für mich stärker an chinesische Musik erinnerte. Es wirkte dadurch in gewisser Weise authentischer. Sehr beeindruckt hat mich auch eine Szene, in der eine Art Engelsfigur Liu auf einer Himmelsleiter nach oben begleitet. Obwohl wir im Westen ebenfalls die Vorstellung von Engeln haben, die Seelen begleiten, hatte diese Darstellung eine ganz eigene Bildsprache. Gerade diese Mischung aus Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen fand ich unglaublich interessant.

klassik-begeistert: Sie haben einen Teil Ihrer Kindheit in Tunesien verbracht. Waren Sie dadurch der Natur besonders nahe? Und hatte das Einfluss auf Ihren künstlerischen Weg?

Maida Hundeling: Ja, auf jeden Fall. Meine Eltern waren damals in Tunesien in der landwirtschaftlichen Entwicklungshilfe tätig. Als ich schulpflichtig wurde, sind wir zwar nach Deutschland zurückgekehrt, aber diese Verbindung zur Natur ist geblieben. Ich war ständig draußen, bin durch die Natur gelaufen, auf Bäume geklettert. Ich glaube, dass mir diese Naturverbundenheit Kraft gibt, nicht nur emotional für solche Rollen, sondern ganz praktisch auch körperlich und konditionell. Ich lebe bis heute eher ländlich. Das erdet mich im wahrsten Sinne des Wortes und gibt mir gleichzeitig neue Energie.

Dieses freie, ungezwungene Verhältnis zur Natur hilft mir heute besonders bei Figuren wie Brünnhilde. Sie besitzt etwas sehr Unabhängiges und Ursprüngliches. Sie folgt ihrer eigenen Wahrnehmung und entscheidet sich letztlich gegen den Gehorsam gegenüber Wotan, weil sie spürt, dass die Liebe zwischen Siegmund und Sieglinde wichtiger ist als die bestehende Ordnung. Das kann ich sehr gut nachvollziehen.

NCPA / XIAOJING WANG / FEI FANG

klassik-begeistert: Brünnhilde beginnt nach ihrem Erwachen ja nicht einfach ein neues Leben. Sie trägt ihre Vergangenheit weiter mit sich. Ist das etwas, das Sie an dieser Figur besonders fasziniert?

Maida Hundeling: Interessant finde ich außerdem, dass Brünnhilde nach ihrem Erwachen Wotan nicht mehr als Gott begegnen kann. Sie darf ihn nicht mehr in seiner göttlichen Gestalt sehen, weil sie selbst keine Göttin mehr ist. Aber die Erinnerung an ihn bleibt natürlich bestehen. Und darin empfinde ich Wagner als sehr menschlich. In vielen Geschichten beginnt nach einer Verwandlung einfach ein völlig neues Leben, als würde die Vergangenheit verschwinden. Bei Wagner aber bleibt die Erinnerung bestehen. Brünnhilde vergisst nicht, was geschehen ist. Sie versucht vielmehr, ihre Vergangenheit zu verstehen und anzunehmen. Sie weiß, dass sie für ihren Ungehorsam bestraft wurde, steht aber trotzdem weiterhin zu ihrer Entscheidung.

Deshalb spielt das Erzählen in Wagners Opern eine so große Rolle. Figuren verarbeiten ihre Erfahrungen, indem sie davon sprechen. Das erinnert mich manchmal fast an eine freudsche Idee: Durch das Erzählen beginnt Heilung. Kommunikation und Erinnerung gehören zutiefst zum Menschsein.

klassik-begeistert: Ist das vielleicht auch ein Grund, warum Brünnhilde für Sie eine so moderne Figur ist?

Maida Hundeling: Im Schlussduett mit Siegfried erwähnt sie Wotan noch einmal ausdrücklich ,obwohl sie zuvor nie offen über das sprechen durfte, was sie eigentlich empfand: Liebe, Mitgefühl, Empathie. Für einen kurzen Moment muss das noch einmal ausgesprochen werden. Danach kann sie ihren Weg mit Siegfried weitergehen.

Natürlich kehrt dieses Thema später in der Götterdämmerung wieder zurück, etwa in der Szene mit Waltraute oder im Schlussgesang. Dort verbindet sich noch einmal alles: ihre Vergangenheit als Walküre, ihre menschliche Entwicklung und diese fast übermenschliche Größe, die sie trotz allem bewahrt hat. Vielleicht bleibt genau das immer ein Teil von ihr, die Erinnerung daran, dass sie einmal göttlich war. Vielleicht ist genau das etwas sehr Menschliches: Dass Erinnerungen nie vollständig verschwinden, sondern immer ein Teil von uns bleiben, selbst dann, wenn wir uns längst verändert haben.

klassik-begeistert: Frau Hundeling, vielen Dank für das Gespräch und für Ihre eindrucksvollen Gedanken zu Brünnhilde.

Interview: kb im Gespräch mit Prof. Manuela Uhl, Sopranistin klassik-begeistert.de, 29. Mai

Interview mit der Sopranistin Manuela Uhl – Teil 1 klassik-begeistert.de, 22. Mai 2025

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