Das Hamburger Kammerballett: Nataliia Hurska, Valerii Liubenko, Viktoriia Miroshyna, Veronika Hordina, Alisa Nikitina, Vladyslav Bondar (Foto: Christina Gotz)
Interview mit Edvin Revazov, dem künstlerischen Leiter und der
Geschäftsführerin Isabelle Rohlfs vom Hamburger Kammerballett,
am 19. Mai 2026, Teil II
Bei der Uraufführung am 6. Juni 2026 handelt sich um ein abstraktes Ballett, welches von der Handlung her den wechselnden Jahreszeiten folgt. Im Mittelpunkt jeder Jahreszeit steht ein anderes Tanzpaar, welches sich während der vorüberziehenden Jahreszeiten noch einmal ihr vergangenes Leben vergegenwärtigt. Es handelt sich um Erinnerungsbilder des Lebens.
von Dr. Ralf Wegner
klassik-begeistert: Frau Rohlfs, Die Möglichkeiten für ein Handlungsballett wie Lulu mit nur wenigen Tänzerinnen und Tänzern sind natürlich begrenzt. Wie sieht es denn mit einer Vergrößerung des Ensembles aus?
Isabelle Rohlfs: Unsere Vision ist es, das Ensemble auf 10 bis 12 Tänzerinnen und Tänzer zu erweitern. Das stellt uns natürlich vor große finanzielle Herausforderungen. Denn wichtig ist, dass wir neuen Tänzern auch die materielle Sicherheit bieten können, wie sie bei den jetzigen Ensemblemitgliedern besteht. Wir verstehen uns zwar grundsätzlich als ukrainisches Ensemble, können uns aber auch vorstellen, uns für andere professionelle Tänzerinnen und Tänzer mit klassischer Ausbildung zu öffnen, wenn diese aus Gründen der Verfolgung nicht mehr in ihrer Heimat arbeiten können.

klassik-begeistert: Wie man einer Pressemitteilung entnehmen konnte, wird dem Hamburger Kammerballett ja bald ein innenstadtnaher, größerer Probenraum, evtl. auch eine kleinere Bühne zur Verfügung stehen. Können Sie uns etwas über diese Pläne berichten?
Isabelle Rohlfs: Ende 2024 gab es für das in der Hafencity nördlich der Bahngleise liegende Oberhafenquartier ein sog. Interessenbekundungsverfahren. Darauf haben wir uns mit einem Konzept, genannt ResiDance, für eine der dortigen Hallen beworben. Unsere Idee ist, dort einen Probe- und Vorstellungsort für das Hamburger Kammerballett zu schaffen. Der Raum sollte auch als Begegnungs- und Aufführungsstätte für weitere frei schaffende Künstler und Künstlerinnen in Hamburg sein. Im April 2025 erhielten wird den Zuschlag.
Es handelt sich um einen 530 qm großen Raum. Seit der Zusage sind wir mit einem Hamburger Architektenbüro dabei, die Umsetzung der bestehenden Planungen zu forcieren. Wir rechnen günstigerweise damit, den Raum Anfang/Mitte 2027 beziehen zu können. Allerdings benötigen wir noch finanzielle Hilfe und suchen deshalb noch Partner und Unterstützer. Wir haben auch eine Crowdfunding-Aktion gestartet, um eine möglichst breite finanzielle Basis für das Projekt zu gewinnen.
klassik-begeistert: Herr Revazov, zu einem ganz anderen Thema, am 06. Juni werden Sie mit dem Hamburger Kammerballett in der Elbphilharmonie eine Uraufführung zeigen. Das Stück nennt sich 5 Seasons. Woher kommt dieser Name und worum geht es inhaltlich?
Edvin Revazov: Bei der fünften Jahreszeit hatte ich den nordamerikanischen Indian Summer als Teil des Herbstes im Sinn. Es handelt sich um ein abstraktes Ballett, welches von der Handlung her den wechselnden Jahreszeiten folgt. Im Mittelpunkt jeder Jahreszeit steht ein anderes Tanzpaar, welches sich während der vorüberziehenden Jahreszeiten noch einmal ihr vergangenes Leben vergegenwärtigt. Es handelt sich um Erinnerungsbilder des Lebens. Inspiriert wurde ich von einem japanischen Film des Regisseurs Takeshi Kitano. Insgesamt sind an dem Projekt 22 Tänzerinnen und Tänzer beteiligt.
klassik-begeistert: Die Komposition zu dem neuen Stück, es handelte sich genauso wie bei ihrer Choreographie um eine Uraufführung, stammt von Leon Gurvich. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Edvin Revazov: Ich hatte erstmals 2022 Kontakt zu dem Komponisten Leon Gurvich. Seine Kompositionen gefielen mir. Er schuf die Komposition für ein von mir 2024 für das Kieler Ballett choreographiertes Stück namens Kintsugi. Die Kompositionen von Gurvich sind nicht atonal, bei ihm zeigen sich Einflüsse verschiedener Stilrichtungen, so aus dem Jazz, aber auch aus der Barockmusik. Anklänge finden sich auch von Tschaykosky oder Schostakowitsch.

und Isabelle Rohlfs (Foto: RW)
klassik-begeistert: Frau Rohlfs, der Abend in der Elbphilharmonie ist fast ausverkauft. Auch für eine Zusatzvorstellung gibt es nur noch wenige Karten. Damit werden fast 4.000 Zuschauer den Aufführungen des Hamburger Kammerballetts beiwohnen. Das ist ein großartiger Erfolg, ist er das auch in finanzieller Hinsicht?
Isabelle Rohlfs: In finanzieller Hinsicht tragen die Vorstellungen zu unserem Überleben bei. Das Hamburger Kammerballett erhält für seinen Auftritt von dem Veranstalter eine Vergütung. Wir zeigten dort bereits im Mai des letzten Jahres eine erste, erfolgreiche Produktion. Auch das hat wohl zum guten Verkauf der kommenden beiden Vorstellungen beigetragen. Zu unserer Freude zieht die Mischung aus Ballett und Musik auch viele jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer in die Elbphilharmonie.
klassik-begeistert: Herr Revazov, im Internetauftritt bezeichnen sie sich als Tanzcompagnie für professionelle Tänzerinnen und Tänzer mit einer klassischen Ausrichtung. Können Sie das bitte näher erläutern?
Edvin Revazov: Wir haben das Ballett gegründet, um für klassisch ausgebildete Tänzer und Tänzerinnen Arbeitsmöglichkeiten zu generieren. Klassische Tänzer und Tänzerinnen können sich nur im Ensemble entwickeln. Sie benötigen eine achtjährige Ausbildung, um auf der Bühne auftreten zu können. Es wäre sehr schade, auf dieses hohe, durch langjähriges Üben und ständiges Training erarbeitetes Leistungsniveau zu verzichten. Das klassische Ballett beruht auf strikten Regeln. Diese können aus künstlerischen Gründen auch durchbrochen werden, Voraussetzung ist aber, dass man die Regeln vorher beherrscht hat.
klassik-begeistert: Frau Rohlfs, Sie als Kulturmanagerin überblicken die Hamburger Tanzszene. Es gibt das Hamburg Ballett, das Bundesjugendballett, das Hamburger Kammerballett, freie Gruppen, die auf Kampnagel auftreten und vor allem auch die vielen im Hamburger Musicalbetrieb beschäftigten Tänzerinnen und Tänzer. Wie schätzen Sie sie diese Tanzszene ein, auch im Vergleich mit anderen Städten?
Isabelle Rohlfs: Ich finde die Hamburger Tanzszene sehr vielfältig. Hier entstehen sehr viele Produktionen. Auch ist die Tanzförderung in Hamburg im Gegensatz zu anderen Städten wie Berlin weiterhin stabiler. Dort geht es der freien Szene eher schlecht. Ich finde es wichtig, dass es neben dem klassisch orientierten Hamburg Ballett ergänzend alternative Formen gibt, auch um neue Denkräume zu eröffnen. Bei der Musicalausbildung liegt der Schwerpunkt mehr bei der Musik und der Darstellung, weniger beim Tanz im Sinne einer klassischen Ausbildung. Insoweit sind die Kontakte zwischen diesen beiden, für die Kulturstadt Hamburg aber wichtigen Gruppen nicht sehr groß.
klassik-begeistert: Herr Revazov: Gibt es mit den Tänzerinnen und Tänzern der anderen Gruppen auch private, also über den Tanz hinausgehende Verbindungen? Trifft man sich irgendwo, gewollt oder ungewollt, häufiger?
Edvin Revazov: Wir haben in der Regel keine Zeit, um über den Ballettsaal hinausgehende Kontakte zu knüpfen oder uns irgendwo in Lokalen zu treffen. Die klassischen Tänzer bleiben meistens unter sich. Das ist in den anderen Städten mit klassischen Compagnien meines Wissens genauso.
klassik-begeistert: Was halten Sie von den Plänen für ein neues Opernhaus in der Hafencity und sind die Verhältnisse an der Dammtorstraße für Ballett ggf. auch für längere Zeit noch ausreichend? Ich denke da an Kopenhagen, wo ein Mäzen ebenfalls ein neues Opernhaus finanzierte, das dortige Ballett aber immer noch im alten königlichen Theater tanzt?
Edvin Revazov: Meiner Meinung nach wäre die Bühne an der Dammtorstraße ausreichend für das Ballett, schwieriger ist es mit den technischen Einschränkungen hinter der Bühne. Meine Hoffnung ist, dass das Hamburg Ballett später in beiden Häusern, d.h. in der Hafencity und an der Dammtorstraße auftreten wird.
Liebe Frau Rohlfs, lieber Herr Revazov, klassik-begeistert bedankt sich bei Ihnen ganz herzlich für dieses informative Interview und wünscht dem Hamburger Kammerballett finanziellen Erfolg und breite Unterstützung in der Stadtgesellschaft.
Dr. Ralf Wegner, 3. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at