CD/Hörbiographie:
Puccini – Die Welt zum Weinen bringen. Eine Hörbiographie von Jörg Handstein
1876 – das ist nicht nur das Jahr, in dem die Bayreuther Festspiele gegründet wurden, sondern es markiert auch einen Wendepunkt in Giacomo Puccinis Leben. Vor genau 150 Jahren entschied sich der Jüngling gegen die Familientradition der Kirchenmusik und faßte den Entschluß, Opernkomponist zu werden. Diese Episode und das gesamte Leben und Schaffen des Tonsetzers ist in der Hörbiographie „Puccini – Die Welt zum Weinen bringen“ von Jörg Handstein zu erfahren.
Puccini
Eine Hörbiographie von Jörg Handstein
gelesen von Udo Wachtveitl
BR-KLASSIK 900939, 4 CDs. Erhältlich im Handel und im BR-Shop.
von Dr. Andreas Ströbl
„Ich will euch Emotionen geben, die ich selbst spüre. Ich will euch zum Weinen bringen und eure Leidenschaft entflammen, wie meine Leidenschaft entflammt. Ich will euch beherrschen wie die Tastatur einer Orgel! Wie prächtig!“ So von seinem eigenen Genius euphorisiert und entsprechend selbstbewußt setzte Puccini sich gleichsam selbst ein musik-programmatisches Manifest. Und in der Tat – die Opern des Komponisten ließen und lassen bei seinem Publikum häufig die Tränen fließen, dieses Versprechen hat er eingelöst.
Wie das Puccini gelingt, verrät die 15. Hörbiographie, erschienen bei BR-KLASSIK WISSEN: „Kleine melodische Phrasen gipfeln sich auf zu großem Gefühl und sinken zurück zu zärtlichem Ausdruck. Die Arie wird zum lyrischen Konzentrat, zu einem raffinierten bittersüßen Gemisch von Worten, Tönen und Farben.“ Es sind solche klugen, klaren Sätze, die so etwas scheinbar Ungreifbares wie die Wirkung von Emotionalität in der Musik dann doch faßbar und verständlich machen.
Nach dem durch die Vorgängerproduktionen bewährtem Prinzip entsteht auch die Vita Puccinis vor dem politischen und soziohistorischen Hintergrund seiner Zeit, die sich exakt von der Gründung des Königreichs Italien bis zur Etablierung des Faschismus erstreckte. In der operngeschichtlichen Entwicklung entspricht dies dem Wandel vom Belcanto zum Verismo.
Eigentlich war für den jungen Giacomo eine Laufbahn als Kirchenmusiker und Organist in Lucca vorgesehen, aber den Unterricht verfolgte er gerade mal halbherzig. Eine Aufführung von Giuseppe Verdis „Aida“ in Pisa 1876, anläßlich derer er die insgesamt 40 km Hin- und Rückweg zu Fuß pilgerte, veränderte sein Leben und Wollen, denn das Erlebnis hinterließ einen tiefgreifenden Eindruck bei dem 17-jährigen, der umgehend beschloß, sich künftig ganz dem Musiktheater zu widmen.
Auch in dieser Produktion gibt Udo Wachtveitl den charmanten und anteilnehmenden Erzähler, der in neun Kapiteln auf drei CDs die individuellen und familiären Aspekte mit all den tief betrauerten Toden, aber auch die sozialen und künstlerischen Hintergründe sensibel beleuchtet.
Der aus dem Fernzusehen (z. B. als Kommissar Laim) einem breiten Publikum bekannte Burgschauspieler Max Simonischek spricht Giacomo Puccini, und das tut er mit all der unverblümten Direktheit und oft drastischen, ja vulgären Derbheit, die dem Klischee-Macho in der Kommunikation mit seinen Mitmenschen zu eigen war. Tatsächlich war eheliche Treue ein Fremdwort für Puccini, der wirklich nichts anbrennen ließ. Man mag es kaum glauben, daß derjenige, der seine Frauenfiguren mit soviel Feinsinnigkeit würdigte, allzugern mit einem Organ dachte, das sich einen knappen Meter südlich seines Hirns befand. Und Achtung! – auch für den US-Macho Pinkerton hatte der Komponist mehr Sympathie, als man denken sollte. Das Drama um „Madama Butterfly“, auch das lernt man in der Hörbiographie, war sogar für Puccini eines mit Testosteron-Ansage.
So entsteht das ausgesprochen vielschichtige, oft wenig ansprechende, aber hoch differenzierte Bild eines Komponisten, der aus der großen italienischen Operntradition des 19. Jahrhunderts kam, aber auch modernste Entwicklungen mit großem Interesse wahrnahm. „Wer sagt uns, daß Schönberg nicht ein Ausgangspunkt für ein fernes zukünftiges Ziel ist?“, bekannte Puccini 1924 nach einem anregenden Treffen mit dem „Neutöner“. Die Überschreitung von Normen in jeder Hinsicht war für Puccini Programm, und man mag bei einigen seiner späten Kompositionen eine Verwandtschaft zu Prokofieff oder Strawinsky erahnen.
Vor allem technisch war für Puccini das Neueste gerade gut genug, wenn es um Statussymbole und typische Männerspielzeuge, wie schnelle Autos oder Motorboote, ging. Mit seinem Clément HP 9 erlitt er 1903 einen schweren Unfall, aber nach der Genesung mußte rasch ein noch schnelleres Modell angeschafft werden. Mochte er zwar die immer stärker werdende Industrialisierung beklagen – eine Regenanlage im Park seiner Villa in Viareggio war einfach zu schick, um sie nicht bauen zu lassen.
Nicht nur die großen, massenwirksamen Opern, wie „La Bohème“, „Tosca“, „Madama Butterfly“ oder „Turandot“ stellt Handstein unter der Berücksichtigung ihrer Entstehung und der hinter der gehörten Musik liegenden Struktur vor, sondern er würdigt auch unbekannte, gescheiterte Werke. Man begreift, wie aus Perfektionismus und manischer Arbeit am Detail etwas ganz natürlich und unmittelbar ins Gefühl Dringendes erstehen konnte.
Bei aller Würdigung eines Zeitkolorits – das Zitat von der „Fülle des Wohllauts“ grüßt beispielsweise zu Thomas Mann hinüber – ist die Sprache doch erfrischend aktualisiert, ohne anbiedernd an die jetzigen Hörer zu wirken; auch dies ist ein bewährtes Stilmittel in Handsteins Produktionen. Das gilt auch für die hervorragende Kongruenz von Text und Musikbeispielen, die so Puccinis kompositorisches Schaffen illustrieren, aber auch immer eine atmosphärisch dichte Stimmung herstellen.
Ein Hang zu Selbstmitleid, der sich nicht immer von handfesten Depressionen unterscheiden ließ, verstärkte sich im Alter; ein tiefempfundenes Unverstandensein wuchs sich mitunter in eine Todessehnsucht aus. Und so scheint es fast sinnfällig, daß Puccini trotz diagnostizierten Kehlkopfkrebses unablässig rauchen mußte. Süchtig war Puccini, nach Sex, Vergnügungen, Nikotin und Ruhm. So starb er am 29. November 1924 einige Tage nach einer komplizierten Operation. Hätte er weitergelebt, wäre er womöglich, wie es ihm detailliert gestalteten Beiheft steht, den „Teufelspakt“ mit dem Faschismus eingegangen. Da erscheint das Ende fast rechtzeitig gnädig herbeigeraucht worden zu sein.
Die Zitate werden von Thomas Albus, Stefan Hunstein, Robert Dölle, Shenja Lacher, Jerzy May, Hemma Michel und Katja Schild wiedergegeben; Redaktion und Regie oblag Bernhard Neuhoff.
„Best of Puccini“ nennt sich CD Nr. 4 mit Aufnahmen des Münchner Rundfunkorchesters; dort sind Arien, Chöre, Lieder und Orchesterwerke unter anderem aus „La Bohème“, „Le Villi“, „Madama Butterfly“, „Manon Lescaut“, „Tosca“ und „Turandot“ zu hören. Es singen Anna Bonitatibus, Javier Camarena, Charles Castronovo, Mirella Freni und Chen Reiss sowie der Chor des Bayerischen Rundfunks.
Für Neulinge, aber auch ausgesprochene Puccini-Kenner ist diese Hörbiographie ideal geeignet und wärmstens zu empfehlen.
Dr. Andreas Ströbl, 6. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Giacomo Puccini (1858-1924), Turandot Nationaltheater München, 6. Juli 2026
Giacomo Puccini, La bohème The Grange Festival, 28. Juni 2026
Giacomo Puccini, Turandot, Catherine Foster Deutsche Oper Berlin, 23. Juni 2026