Foto © Geoffroy Schied
TURANDOT, letzte und unvollendete Oper von Giacomo Puccini, wird an der Bayerischen Staatsoper in München seit 2011 in der spektakulären Inszenierung von Carlus Padrissa, Mitbegründer der katalanischen Theatergruppe “La Fura dels Baus” gezeigt. Es ist ein Festspiel für das Auge! Dies kann man an diesem Abend von der musikalischen Darbietung leider nicht sagen. Der Dirigent Andrea Battistoni setzt vor allem auf Lautstärke ganz nach dem Motto “Nessun dorma – Keiner schlafe”! Und die Sänger folgen ihm mit lautem Gebrüll!
Giacomo Puccini (1858-1924) TURANDOT
Dramma lirico in drei Akten (Libretto von Giuseppe Adami & Renato Simoni)
Musikalische Leitung: Andrea Battistoni
Inszenierung: Carlus Padrissa – La Fura dels Baus
Bühne: Roland Olibeter
Kostüme: Chu Uroz
Nationaltheater München, 6. Juli 2026
von Jean-Nico Schambourg
Die Inszenierung von Carlus Padrissa, Mitbegründer der katalanischen Theatergruppe La Fura dels Baus, ist gelinde gesagt spektakulär. Akrobaten, Schlittschuhläufer, Videoprojektionen, teilweise dreidimensionale Lichteffekte: es ist ein Festspiel für die Augen! Padrissa zeigt in prunkvollen Szenen, wie die Herrscherklasse sich hemmungslos amüsiert. So wird zum Beispiel mit den Köpfen der toten Prinzen Eishockey gespielt!
Mit den Bühnenbildern von Roland Olibeter und Kostümen von Chu Uroz gelingt dem Regisseur eine Verschmelzung des früheren und heutigen Chinas, traditionell und dennoch fernab jedes fernöstlichen Kitsches.

Bilder wie zum Beispiel das sich bewegende Meer aus Totenköpfen im 2. Akt, oder die blutroten Wellen anfangs des 3. Aktes brennen sich in das Gedächtnis des Zuschauers ein. Allerdings riskiert man sich durch diese visuelle Opulenz vom zentralen Geschehen auf der Bühne und von der Musik ablenken zu lassen. Nicht so an diesem Abend wo man sich viel mehr über das visuelle Spektakel als über die musikalische Leistung von Bühne und Orchestergraben freut.
Die Turandot von Sondra Radvanovsky hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. In ihrer Auftrittsarie zeigt die Sängerin zwar große Stimmkraft, tendiert aber dazu in der Höhe unfokussiert zu singen, sodass sich der Ton spreizt. Dies ist natürlich auf die enorme Lautstärke zurückzuführen, mit der sie die eiskalte Prinzessin darstellt. Anfang des dritten Aktes hört man von ihr dann gefühlvollere Töne. Da die Münchner Aufführung mit dem Tode von Liù endet und es nicht zum Liebesduett mit Calaf kommt, wie u.a. in Franco Alfanos Version vorgesehen, bleibt die Frage offen, ob sie des kontrollierten Singens an diesem Abend mächtig gewesen wäre.
Genügend Möglichkeiten bis zum Schluss gesanglich positiv aufzufallen hat Yonghoon Lee als Calaf. Doch sein Singen ist absolut kein Genuss. Die hohen Töne werden mit enormem Kraftaufwand herausgepresst und klingen nicht frei. Der Rest der Stimme ist total von seinen Höhen abgekanzelt und hat ihren Sitz tief im Hals, was zu geknödeltem Klang führt. Sein “Nessun dorma” wird erwartungsgemäß von Teilen des Publikums lautstark bejubelt. Allerdings zeigen einige Buhs, dass auch fachkundige Zuhörer im Saale sind.
Die Liù von Golda Schultz ist daneben reiner Wohlklang. Mit klarem Sopran zeichnet sie eine gefühlvolle, aber selbstbewusste Sklavin. Einige unorthodoxe Phrasierungen stören zwar ein wenig in ihrer ersten Arie “Signore ascolta”, mindern allerdings keines Falls ihre gute Leistung.
Mit klangvollem kultiviertem Bass singt Christian Van Horn den Timur. Vitor Bispo, Tansel Akzeybek und Samuel Stopford geben ein effektvolles Trio Ping, Pang und Pong.
Andrea Battistoni lässt sein Orchester voll auftrumpfen. Das klingt zwar spektakulär, ist aber schlussendlich des Guten zu viel. Ich wage zu bezweifeln, dass diese Lautstärke im Sinne von Giacomo Puccini ist. Die Sänger werden zu sehr zum Forcieren und Schreien angeregt. Beim Schlussvorhang fängt er sich deshalb auch einige Buhs ein. Auch gibt es im ersten Akt einige Unsicherheiten im Zusammenspiel zwischen Bühne und Orchestergraben, was der Dirigent zu verantworten hat.
Der Bayerische Staatsopernchor vollbringt seinerseits eine gute Leistung.
Jean-Nico Schambourg, 7. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Giuseppe Verdi (1813-1901), Macbeth Nationaltheater München, 5. Juli 2026