München: Pape und Nylund schmücken einen sonst durchwachsenen Fidelio

Ludwig van Beethoven, Fidelio  Bayerische Staatsoper, 12. Juli 2026

Bayerische Staatsoper, 12. Juli 2026

Foto: Bayerische Staatsoper – Nationaltheater © Wilfried Hösl

Fidelio
Musik von Ludwig van Beethoven

Libretto von Joseph Sonnleithner mit Revisionen von Georg Friedrich Treitschke nach Jean Nicolas Bouilly

Trotz der inzwischen langanhaltenden Schwitztemperaturen war auch dieser Repertoire-Fidelio in der Regie des umstrittenen Regisseurs Calixtio Bieito nahezu ausverkauft. Zwar verteidigte ein prächtig aufgestelltes Team Wagner seine außerordentliche gesangliche Extraklasse, ein wirklich überzeugender Fidelio gelang der Bayerischen Staatsoper aber nicht.

von Johannes Karl Fischer

Eigentlich wimmelte es in der Vorstellung an gesanglichen Sternstunden. Allen voran sang René Pape, heute als Rocco, mal wieder in einer völlig einsamen Liga seine Konkurrenz in Grund und Boden. Seine Stimme segelte mühelos durch alle stimmlichen Tiefen der Partie, die Melodien waren fein geformt und der Text wie von einem Orator perfectus in Stimme gesetzt. Zur Abwechslung musste er in dieser Regie auch mal Schauspielern, nun ja, über Gerüste klettern und dabei diesen Bewegungen auch noch einen Sinn geben ist wohl nicht seine Stärke. Egal, seiner Stimme zu lauschen war selbst im perfekt ausbalancierten Quartett eine namenlose Freude!

Pape und Nylund singen in eigener Liga

Camilla Nylunds Leonore stand dieser Spitzenleistung um nichts nach. Klar und kraftvoll strahlte ihr Sopran in der Rolle der Titelheldin über Bühne und Orchester, mühelos holte auch sie eine ausgewogene und ausdrucksstarke Dramatik aus den Noten Beethovens. Musikalisch sehr durchdacht steigerte sie jede Arie und insgesamt die ganze Rolle, als wäre ihre Partie ein unendlicher, mitreißender musikalischer Melodienfluss. Jede Note wirkte kunstvoll und präzise platziert, das war eine sensationelle Lehrstunde des dramatischen Beethoven-Gesangs!

Mesak brilliert als Marzelline

Mirjam Mesak erhob die Marzelline zu einem weiteren stimmlichen Leuchtturm. Ihr blühender Sopran ließ die Melodien der verliebten Kerkermeistertochter in die musikalischen Herzen des Publikums eindringen und setzte die Phrasen berührend und glanzvoll in Stimme. Tomasz Konieczny sang und spielte sehr überzeugend den blutrüngisten Don Pizzaro, Ryan Speedo Green schmückte den in dieser Regie sehr zwiespältig auftretenden Don Fernando mit seiner leicht röhrenden, mächtig herrschenden Bariton-Stimme.

Dirigent Yoel Gamzou starte sehr feurig in die dritte Leonore Ouvertüre, die trotz einiger Wackler im Orchester insgesamt solide klang. Das Publikum urteilte mit einem komplett ausbleiben Ouvertüren-Applaus wohl anders. Ein paar weniger Tempowechsel im Laufe des Abends hätten sicherlich nicht geschadet, teilweise eierte er in sehr unterschiedlichen Tempi durch die Arien umher. Doch folgte das Orchester unter seinem Dirigat insgesamt solide dem Gesang und lieferte dem Gesang eine solide Begleitung. Das reicht.

Auch Polenzani trifft nicht den Ton

So weit, so gut? Meinetwegen. Matthew Polenzani sang zwar einen stimmlich soliden Florestan, wirkte in dieser Partie allerdings ein wenig zu kämpferisch. Die Noten stemmte er zwar eindrucksvoll in den Saal, das Leiden eines körperlich fragilen Staatsgefangenen kam allerdings nicht wirklich rüber. Noch dazu versteckte er den notorisch schwer zu treffenden ersten Ton von „Gott, welch Dunkel hier“ hinter einem etwas übertrieben Vibrato. Damit ist er nicht allein, auch David Butt Philipp versang an dieser Stelle im Dezember an der Wiener Staatsoper gleich mehrfach. Nur Klaus Florian Vogt landet immer punktgenau auf dem hohen G.

Bieitos Regie gehen die Ideen aus

Nun noch zur Regie: Calicto Bieito versuchte offenbar auch dieses Werk ordentlich umzukrempeln und aufzuräumen. Statt einem prachtvollen Kerkermeisterzimmer bekam man hier ein fast schon gespenstisches Labyrith vor Augen geführt und wurde tief in die dunkle Welt der Gefangenen versetzt. Eigentlich gut so, diese Handlung ist auch nicht schön und vor allem der Rocco ein sehr dubioser Charakter. So wirklich überzeugen konnte sein Konzept trotzdem nicht, vor allem zum Ende hin gingen ihm scheinbar die Ideen aus oder er wollte auch das Gefängnis nicht befreit sehen. Und bitte, warum erschießt der Don Fernando am Ende eigentlich den Florestan zum Schein? Zum ersten Mal überhaupt läßt uns dieser Regisseur den Abend mit mehr Fragen als Antworten verlassen.

Ein paar sensationelle Wagner-Stimmen – ich zählte da drei Spitzen -Wotane plus eine in Wien und Mailand zurecht umjubelte Brünnhilde – reichen eben noch für seinen Sieg im Fidelio-Derby gegen die Wiener Staatsoper.

Musikalische Leitung: Yoel Gamzou
Inszenierung: Calixto Bieito
Bühne: Rebecca Ringst
Kostüme: Ingo Krügler
Licht:Reinhard Traub
Choreographische Mitarbeit: Heidi Aemisegger
Dramaturgie: Andrea Schönhofer
Chor: Franz Obermair

Bayerisches Staatsorchester
Bayerischer Staatsopernchor

Don Fernando: Ryan Speedo Green
Don Pizarro: Tomasz Konieczny
Florestan: Matthew Polenzani
Leonore: Camilla Nylund
Rocco: René Pape
Marzelline: Mirjam Mesak
Jaquino: Samuel Stopford

  1. Gefangener: Tansel Akzeybek
  2. Gefangener: Paweł Horodyski

Johannes Karl Fischer, 13. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ludwig van Beethoven, Fidelio Wiener Staatsoper, 30. Dezember 2025

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