Das aron quartett und Freunde verklären die Nacht im Schloss Oberkindberg

 aron quartett wien Brahms und Schönberg  Schloss Oberkindberg, Steiermark, 31. Mai 2026

Im Hof des Schlosses Oberkindberg. Foto: privat.

Nach dem glücklicherweise rasch vorübergezogenen Gewittersturm bezauberte und überwältigte das aron quartett, verstärkt durch zwei Gäste, das Publikum im Schloss Oberkindberg. Auf dem Programm standen Brahms’ erstes Streichsextett in B-Dur und Schönbergs „Verklärte Nacht“. Die Natur spielte wunderbar mit: als die letzten Töne verklungen waren, legte sich eine tiefe, selige Ruhe über die steirische Landschaft.

 Johannes Brahms
Streichsextett in B-Dur op. 18 (1860)

Arnold Schönberg
Streichsextett op. 4 “Verklärte Nacht” (1899)

 aron quartett wien

Ludwig Müller, Baran Kobori, Violine
Georg Hamann, Viola
Christophe Pantillon, Violincello

und

Péter Kóczán, Viola
Klaus Steinberger, Violoncello

Schloss Oberkindberg, Steiermark, 31. Mai 2026

von Dr. Rudi Frühwirth

Lange wagte Johannes Brahms sich nicht an die Form des Streichquartetts – zu übermächtig war wohl der Schatten Beethovens. Die seit Boccherini eher selten gewählte Sextettbesetzung mit zwei Violen und zwei Violoncelli bot ihm da einen willkommenen Ausweg. Schon sein erster Versuch in dieser Gattung wurde ein großer Erfolg und erwies sich als wegweisend für die weitere Entwicklung des Genres.

Durch die verstärkte Besetzung der tiefen Streicher entsteht ein völlig anderes, wesentlich reicheres Klangbild, das zwischen Streichquartett und Kammerorchester angesiedelt ist. Auch ein so erfahrenes Quartett wie das aron quartett sieht sich in dieser Besetzung besonderen Herausforderungen gegenüber: die beiden Gäste mussten in die langjährig eingespielte Klangkultur integriert werden, die Transparenz der Stimmen trotz größerer Besetzung gewahrt bleiben, die Balance zwischen hohen und tiefen Instrumenten fein austariert und der berückende, volle Klang von sechs Streichern zur vollen Geltung gebracht werden.

Von links nach rechts: Ludwig Müller, Barna Kobori, Georg Hamann, Péter Kóczán, Chrisophe Pantillon, Klaus Steinberger. Foto: privat.

Der Abend im Schloss Oberkindberg zeigte, dass das aron quartett und seine beiden Gäste diese Herausforderungen hervorragend meisterten. Gleich der erste Satz von Brahms’ Streichsextett B-Dur op. 18 führte das Publikum unmittelbar in die einzigartigen Klangsphären des Werks. Das herrliche Hauptthema wurde vom ersten Cello wunderbar gesanglich vorgetragen, es entfalteten sich lebendige Dialoge zwischen Bratschen und Celli, während die Violinen licht und schwebend darüber lagen. In manchen Passagen fungierten zweite Viola und zweites Cello als bloße Begleitstimmen, wurden aber durch feine dynamische Abstufungen lebendig gehalten. Gelegentlich gewannen die tiefen Streicher allerdings etwas zu viel Gewicht, und in einigen Passagen hätte sich das gesamte Ensemble etwas zurücknehmen können. Die Zuhörer in den hinteren Reihen des prächtigen Barocksaals mögen das aber anders empfunden haben.

Der zweite Satz zeugt von Brahms’ meisterhafter Kunst der Variation. Das tieftraurige Thema wird zunächst von der Viola vorgetragen, in der Reprise übernimmt das erste Cello diese Rolle. Die Variationen entlocken dem Thema immer neue Facetten und bieten allen sechs Musikern Gelegenheit zu virtuosem Glanz.

Der ausgesprochen knappe dritte Satz setzt mit markanten, fast brucknerisch-derben Scherzorhythmen ein. Das Trio verlangt ein deutlich schnelleres Tempo, und auch die Coda nach der Wiederholung des Scherzos fordert eine abrupte Temporückung. Die Wiedergabe riss durch die makellose Koordination und das präzise Zusammenspiel der sechs Musiker hin.

Auch im Rondo-Finale des vierten Satzes wird das Hauptthema zunächst vom ersten Cello vorgetragen. Fast möchte man sagen, dass im gesamten Werk das Cello die erste Geige spielt. Wieder beeindruckte die beispielhafte Klarheit der Stimmenführung. Die kontrastreichen Episoden zwischen den Refrain-Wiederholungen sowie das lebendige Frage-Antwort-Spiel zwischen dem hohen Trio (Violinen und erste Viola) und dem tiefen Trio (zweite Viola und Celli) waren intensiv gestaltet. Mit starkem, herzlichem Beifall ging das Publikum in die Pause.

Die einbrechende Dunkelheit verlieh der anschließenden “Verklärten Nacht” eine besondere, fast magische Aura. Nur vierzig Jahre nach dem ersten Sextett von Brahms entstanden, markiert das Werk das Ende einer Epoche und den Aufbruch in ein der folgenreichsten Entwicklungen der Musikgeschichte.

Das tonale Zentrum d-moll/D-Dur bleibt über weite Strecken spürbar, wird jedoch von einer exquisiten Chromatik untergraben, die dem Sextett eine außerordentliche emotionale Ausdruckskraft verleiht. Die unaufhörliche motivische Arbeit erscheint als konsequente Steigerung von Brahms’ Technik der entwickelnden Variation. Die Klangeffekte hingegen, die Schönberg den sechs Streichern abverlangt, hätte Brahms sich kaum vorstellen können.

Obwohl das Werk fast durchgehend sehr dicht gearbeitet ist, blieb der Klang stets transparent, dank des feinfühligen Zusammenspiels der Interpreten und der raffinierten Instrumentierung Schönbergs. Besonders eindrucksvoll wirkt die selektive Dämpfung: wo nur einzelne Stimmen con sordino spielen, entsteht ein leicht diffuser, schwebender Hintergrund, vor dem die ungedämpften Stimmen umso klarer und leuchtender hervortreten. Die sechs Streicher brachten dies zu faszinierender, beinahe sichtbarer Geltung.

Die großräumige architektonische Gestaltung durch das Ensemble war mit großer Übersicht angelegt und ließ die fünf Abschnitte des gleichnamigen Gedichts von Richard Dehmel klar hervortreten. Der entscheidende Wendepunkt ist der Beginn des vierten Abschnitts: der von d-moll geprägte erste Teil, die leidenschaftlichen Ausbrüche und heftigen Akkordreibungen des zweiten sowie das unsichere Schreiten des dritten Abschnitts werden schließlich erlöst in einem ergreifenden Wechsel nach strahlendem D-Dur. Dieser Moment symbolisiert die Versöhnung von Mann und Frau, die Verklärung der Nacht – hörbar gemacht durch glitzernde, flimmernde Figuren in den hohen Lagen, die den mondlichtdurchfluteten Wald auch visuell heraufbeschwören.

Blick von der Schlossterrasse auf die Umgebung. Foto: privat.

Nach dem leise verklingenden Schluss folgte eine lange, andächtige Pause, die schließlich in lautstarken, herzlichen Beifall mündete – wohlverdiente Anerkennung für eine großartige, durch und durch stimmige Interpretation des aron quartett und seiner Gäste. Vor den Fenstern des Saals breitete sich die Nacht still und langsam über die Wälder.

Dr. Rudi Frühwirth, 2. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

„Music meets Architecture“, aron quartett Bridgeclub, Wien, 10. April 2026

aron quartett Gesellschaftshaus im Otto-Wagner-Areal, Wien, 20. August 2025

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