Fotos: Shokhakimov Copyright by Mischa Blank
Nur 24 Stunden nachdem das traditionsreiche Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia mit einem leidenschaftslosen, blutarmen Vortrag die Frankfurter Erwartungen merklich abgekühlt hatte, drehte das Blatt in der Alten Oper mit erfreulicher Geschwindigkeit.
Am Sonntagabend präsentierte das Orchestre Philharmonique de Strasbourg unter Aziz Shokhakimov einen Konzertabend, bei dem man sein kritisches Besteck getrost gegen ein Glas Elsässer Riesling eintauschen durfte.
Maurice Ravel: Le Tombeau de Couperin
Edward Elgar: Violoncellokonzert e-Moll op. 85
Piotr Iljitsch Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36
Orchestre Philharmonique de Strasbourg
Anastasia Kobekina, Violoncello
Aziz Shokhakimov, musikalische Leitung
Alte Oper Frankfurt, 19. April 2026
von Dirk Schauß
Auf dem Papier versprach die Besetzung bereits die ideale Versöhnung: die neoklassische Kühle Maurice Ravels mit der schwülen Tragik Piotr Iljitsch Tschaikowskys, erdend flankiert von Edward Elgars spätromantischem Schwanengesang. Und sie hielt dieses Versprechen – mit Glanz.
Shokhakimov erwies sich als wahrer Dompteur des Schönklangs, ein Dirigent, dessen Präzision manchem Chirurgen zur Ehre gereichen würde. Der Auftakt mit Ravels Suite „Le Tombeau de Couperin“ geriet zu einer Lektion in Transparenz. Ohne jeden ornamentalen Tand legte er die filigrane Architektur des Werks frei, als reinige er ein historisches Uhrwerk, bis jedes Zahnrad im Licht glänzt. Das Straßburger Orchester agierte hellwach, mit einer edlen, luziden Klangkultur, die den Spagat zwischen barocker Hommage und französischer Moderne mühelos meisterte – ein lichtdurchfluteter Beginn, der die Ohren für das Kommende reinigte.
Dann betrat Anastasia Kobekina das Podium. Barfüßig, wie eine Elfen-Erscheinung aus einer anderen Welt, verwandelte sich die russische Cellistin augenblicklich in das emotionale Epizentrum des Saales. Ihr Cello von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1717 entfaltete einen raumgreifenden, beschwörenden Ton, der vom ersten Bogenstrich an verzauberte.
Elgars Cellokonzert e-Moll op. 85 ist kein Stück für schwache Nerven oder oberflächliche Virtuosen. Es ist ein intimes Dokument des Rückzugs und der schmerzhaften Innenschau, entstanden im Schatten der tödlichen Krankheit seiner Frau Alice. Kobekina interpretierte diese Ode an Liebe und Abschied mit einer entwaffnenden Wahrhaftigkeit, die jede Distanz zwischen Bühne und Parkett auflöste. Sie ließ das Cello erzählen, flehen und triumphieren – in einem musikalischen Dialog, den Shokhakimov und das Orchester mit größter Hingabe und einem auffallend zupackenden, lebensbejahenden Zugang unterstützten. Die oft beklagte larmoyante Schwere des Werks wich einem kraftvollen, widerständigen Ton.

Nach diesem emotionalen Kraftakt bewies Kobekina ihre Vielseitigkeit: Als Zugabe spielte sie gemeinsam mit Shokhakimov – der kurzerhand zum Tamburin-Spieler mutierte – „La Gaillarde“ ihres Vaters Wladimir Kobekin. Ein mittelalterlicher Tanz für Cello und Schlagzeug: so originell wie erfrischend, und das Publikum ging mit einem Lächeln in die Pause.
Der zweite Teil gehörte Tschaikowskys vierter Sinfonie – und hier schieden sich die Geister der Puristen. Shokhakimov, der das monumentale Werk auswendig dirigierte, setzte konsequent auf ästhetische Vollendung. Seine Lesart stellte die reine Klangschönheit ins Zentrum: Ecken und Kanten, die bei Tschaikowsky oft wie klaffende Wunden wirken, wurden mit seidenem Tuch abgetupft. Selbst die Sforzati klangen weich und abgerundet. Das hatte Klasse, nahm der Sinfonie an manchen Stellen jedoch jene existenzielle Wucht und schicksalhafte Dringlichkeit, die man von diesem Werk erwartet.
Die klangliche Dominanz lag bei den warmen, solistisch aufblühenden Holzbläsern und einer Streichergruppe von sattem, glänzendem Schmelz, die dazu noch bestechend präzise artikulierten. Ein kleiner Wermutstropfen blieb im Blech: Die Hörner wirkten eher schlank, Trompeten und Posaunen ließen Substanz vermissen. Auch die Pauke, die eigentlich als unerbittlicher Taktgeber des Fatums fungieren sollte, blieb durch zu weiche Schlägel allzu diffus und matt im Hintergrund.
Interessant war Shokhakimovs Tempogestaltung. In den Mittelsätzen drosselte er das Tempo spürbar, um den Holzbläsern Raum für solistische Entfaltung zu geben – höchst musikalisch, doch auf Kosten des dramatischen Flusses. Selbst der finale tosende Volkstanz, den Tschaikowsky als lärmenden Jahrmarkt angelegt hat, klang in der Alten Oper eher wie eine wohlsortierte Gartenparty der gehobenen Gesellschaft. Das Orchester schnurrte wie ein perfekt eingestellter Zwölfzylindermotor – edel, geschlossen und technisch makellos, aber ohne den vom Komponisten vorgesehenen klanglichen Ausnahmezustand.
Dem Frankfurter Publikum war dieser Mangel an Ekstase herzlich gleichgültig. Es feierte die Straßburger Musiker und ihren Dirigenten für eine handwerkliche Glanzleistung und eine Klangkultur, wie man sie in dieser Geschlossenheit nicht so oft hört. Als Zugabe gab es die farbenprächtige Farandole aus Bizets „L’Arlésienne“ obendrauf.
Ein Abend, der eindrucksvoll bewies: Die Alte Oper ist für Anastasia Kobekina längst zur künstlerischen Heimat geworden, und das Orchestre Philharmonique de Strasbourg gehört zu den stabilen, klangschönen Ensembles der europäischen Orchesterlandschaft. Man darf gespannt sein, wie sich dieser polierte, hochglänzende Klang auf den weiteren Stationen der Tournee in München und Stuttgart entfalten wird.
Wer die Gelegenheit hat, sollte hingehen – allein schon wegen der barfüßigen Stradivari-Magie.
Dirk Schauß, 20. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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