Das WörtherSee Classics Festivals bietet ein breitgefächertes Programm

Foto: Blick auf die Bühne des Großen Saals im Konzerthaus Klagenfurt. © Sylvia Frühwirth-Schnatter

Das WörtherSee Classics Festival feiert sein 25-jähriges Jubiläum mit wunderbarer Musik.

Die 25. Ausgabe des WörtherSee Classics Festivals bot ein breitgefächertes Programm mit den Lokalmatadoren Brahms und Wolf, ergänzt durch Stamitz, Schubert, Schumann und Grieg.

Konzerthaus Klagenfurt, 18. Juni bis 21. Juni 2026

von Dr. Rudi Frühwirth

Das Festival wurde am 18. Juni 2026 mit einem Konzert im Großen Saal des Konzerthauses Klagenfurt eröffnet. Der erste Programmpunkt war das Konzert für Klavier und Orchester in a-Moll, op. 16 von Edvard Grieg. Das Konzert war, wie Wilhelm Sinkovicz in seinem klugen Einführungsvortrag erläuterte, von Beginn an ein Erfolg beim Publikum, jedoch nicht unbedingt bei der Kritik. Hugo Wolf etwa äußerte sich recht abfällig, was Sinkovicz mit der Bemerkung kommentierte, dass – als Beruhigung für den Kritiker – auch Genies irren können.

Im Solopart glänzte Alexei Kornienko, der künstlerische Leiter des Festivals. Sein Spiel ist von tiefer Einfühlung in das Werk geprägt, ist manchmal nachdenklich, oft leicht und elegant, frei von hohlem Pathos, und verliert sich trotz aller technischen Brillanz nie in oberflächlicher Virtuosität. In der Kadenz des ersten Satzes zog er alle Register seiner pianistischen Kunst. Den zweiten Satz gestaltete Kornienko träumerisch und weltverloren, der tänzerische dritte Satz entführte das Publikum mit akzentuierten Rhythmen unmittelbar in die norwegische Volksmusik.

Alexei Kornienko am Bösendorfer Flügel. © Sylvia Frühwirth-Schnatter

Nach der strahlenden Schlussapotheose verlangte das Publikum stürmisch nach einer Zugabe. Kornienko wählte “Der einsame Wanderer”, ein melancholisches Klavierstück von Grieg in der Tradition von Mendelssohns “Lieder ohne Worte”. Zart und versonnen gespielt, zeugte es erneut von seiner unprätentiösen, durchdachten Interpretationskunst.

Für die Orchesterbegleitung sorgte Toshiyuki Shimada am Pult der Capella Mahleriana. Shimada passte sich dem Pianisten fast durchwegs mustergültig an; an manchen Stellen hätte etwas mehr Zurückhaltung dem Gesamteindruck gutgetan.

Die nach der Pause folgende Symphonie Nr. 3 in Es-Dur von Robert Schumann konnte nicht restlos überzeugen. Dem Orchesterklang fehlte es etlichen Stellen an Glanz, das Scherzo geriet mitunter zu schematisch im Rhythmus, und im vierten Satz zeigten die Blechbläser leichte Unsicherheiten. Der letzte Satz versöhnte wieder, Shimada spornte die Capella Mahleriana zu der lebhaften rheinischen Fröhlichkeit an, die die Ecksätze auszeichnet und die Symphonie so unvergesslich macht.

Das zweite Konzert am Folgetag gehörte der Intendantin Elena Denisova. Sie eröffnete den Abend mit einer eigenen Bearbeitung von Igor Strawinskys “Pulcinella Suite” für Violine und Orchester.

Im höchst anspruchsvoll gestalteten Solopart konnte sie die gesamte Bandbreite ihrer erstaunlichen Virtuosität entfalten. Die Orchestrierung ist höchst originell und lässt auch die Holzbläser und die Stimmführer der Streicher ausgiebig zu Wort kommen. Der Dirigent Alexander Sladkovsky animierte mit temperamentvoller Stabführung die Capella Mahleriana zu einer witzigen und spritzigen Wiedergabe der Suite – “Unterhaltungsmusik reinsten Wassers”, wie Sinkovicz in seiner Einleitung treffend bemerkte.

Die musikalische Vorlage zur Suite stammt aus der Übergangszeit, in der sich die Barockmusik allmählich zur Klassik wandelte. Im folgenden Doppelkonzert für Klarinette, Violine und Orchester in B-Dur von Carl Philipp Stamitz ist die barocke Form zwar noch erkennbar, stilistisch gehört das Konzert jedoch eindeutig zu der in Mannheim von vorwiegend böhmischen Musikern zu erster Vollendung gebrachten Klassik, aus der dann mit Haydn und Mozart die Wiener Klassik erblühte. Darko Brlek war der exzellente Solist auf der Klarinette, mit dem Denisova auf der Geige in harmonischen Wettstreit trat. Alexander Sladkovsky gab der Geigerin und dem Klarinettisten breiten Raum zur Entfaltung.

Intendantin Elena Denisova, Dirigent Alexander Sladkovsky, Cellist Eldar Saparayev. © Sylvia Frühwirth-Schnatter

Nach der Pause folgte ein wesentlich späteres, aber umso bedeutenderes Beispiel der barocken Form, nämlich das Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester in a-moll, op. 102 von Johannes Brahms. Denisovas Partner auf dem Cello war Eldar Saparayev. Er zeigte schon im Solo gleich nach den dramatischen Einleitungstakten seinen ausdrucksvollen starken Ton, und das Zusammenspiel mit Denisova verlief in perfekter Harmonie. Das Orchester wuchs dank dem suggestiven Dirigat von Alexander Sladkovsky förmlich über sich hinaus. Nach den donnernden Schlussakorden antwortete das Publikum mit überaus herzlichem Beifall, Dirigent und Solisten wurden wiederholt auf die Bühne gerufen.

Vor dem dritten Konzert stellte sich die Frage: kann man 46 Lieder an einem Abend hören? Die Antwort: ja, wenn es die entzückenden Miniaturen aus dem “Italienischen Liederbuch” von Hugo Wolf sind. Jedes der Lieder ist ein kleines Drama, in dem eine Stimmung oder ein Konflikt von der Musik dargestellt und psychologisch fein ausgedeutet wird.

Die Reihenfolge der Lieder basierte auf dem dramaturgischen Konzept, das von Diana Damrau, Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch für die Aufzeichnung in Essen erarbeitet wurde. Das Ergebnis ist ein theatralischer Dialog zwischen Mann und Frau, in dem die Lieder nicht nur gesungen, sondern auch gespielt werden.

Die Sopranistin Eva Zalenga und der Bariton Tobias Lusser lösten die doppelte Aufgabe stimmlich wie darstellerisch charmant und souverän. Besonderes Lob gebührt dem subtilen Klavierspiel von Maximilian Kromer, der in diesem Werk nicht bloßer Begleiter, sondern gleichberechtigter Partner war. Er verlieh jedem Lied die charakteristische Klanggestalt, sozusagen die Leinwand, vor der Zalenga und Lusser zur Freude des Publikums ihre kleinen Dramen entfalteten.

Maximilian Kromer, Eva Zalenga und Tobias Lusser. © Sylvia Frühwirth-Schnatter

Das Keller Quartett aus Budapest krönte das Festival mit einem zutiefst bewegenden Abschlusskonzert. Es begann mit dem düsteren und aufwühlenden Streichquartett Nr. 14 in d-moll, “Der Tod und das Mädchen” von Franz Schubert. Durch das gesamte Werk pulsiert unablässig der Gedanke an den Tod, nur gelegentlich aufgehellt durch zarte, tröstliche Wendungen.

András Keller
und seine Mitspieler Zsofia Környei, Máté Szűcs und László Fenyő gestalteten das Werk technisch makellos. Das Pochen des Sensenmannes im ersten Satz erklang mit herzzerreißender Unerbittlichkeit. Der zweite Satz mit den Variationen über das Lied „Der Tod und das Mädchen“ erschütterte durch die Mischung aus lyrischer Zartheit und tiefer Trauer. Das Scherzo kam scharf und bedrohlich, das Finale schließlich mit dämonischer, selbstzerstörerischer Energie. Die klangliche Homogenität des Quartetts ist wahrhaft erstaunlich – wenn man die Augen schließt, meint man, ein einziges vielstimmiges Instrument zu hören.

Nach der Pause stieß dann Alexei Kornienko dazu, für das Klavierquintett op. 44 in Es-Dur von Robert Schumann. Ein vollendeter Kontrast zu Schuberts Quartett, strahlt es die gleiche unbändige Lebensfreude aus wie die acht Jahre später entstandene Dritte Symphonie, mit der es auch die festliche Tonart gemeinsam hat. Der Klavierpart verändert das Klangbild des Quartetts ganz entscheidend, er bringt mehr Glanz und größere harmonische Fülle hinzu und erweitert den dynamischen Bereich beträchtlich. Kornienko fügte sich sensibel als fünfter Partner in das Zusammenspiel der vier Streicher ein.

Alexei Kornienko, Zsofia Környei, András Keller, László Fenyő, Máté Szűcs. © Sylvia Frühwirth-Schnatter

Das Ergebnis war eine brillante Wiedergabe von überschäumender Ausdruckskraft. Das Finale gipfelt in einem Fugato, in dem die Hauptthemen des vierten und des ersten Satzes kontrapunktisch verwoben werden und schließlich zu einer triumphalen Apotheose in Es-Dur führen. Jubelnder Beifall beschloss das Konzert und das Festival.

Dr. Rudi Frühwirth, 22. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

23. Ausgabe des WoertherSee Classics Festivals Großer Saal, Konzerthaus Klagenfurt, 6. Juni 2024

 

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