Schweitzers Klassikwelt 164: Kurze Bemerkungen über Opernaufführungen blieben uns im Gedächtnis haften

Schweitzers Klassikwelt 164: Kurze Bemerkungen über Opernaufführungen  klassik-begeistert.de, 26. Mai 2026

 

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Es ist schon lange her, es war Anfang der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts: Die Wagner-Heroine Birgit Nilsson einmal nicht als Brünnhilde oder Isolde, sondern als eisgegürtete Prinzessin Turandot auf der Bühne der Wiener Staatsoper. Salopp ausgedrückt: Sie war eine Wucht. (Wucht bedeutet schriftdeutsch Kraft, Energie.) An meiner Seite auf der Galerie eine junge Amerikanerin. Sie lässt beim tosenden Schlussapplaus die Bemerkung auf Deutsch fallen: „Ein medizinisches Wunder.“ Wie war das wohl gemeint? Es klang nicht nach Enthusiasmus, mehr wie eine nüchterne Diagnose über die Stimmbänder.

Jee-Hye Han © Jegy.hu

Vierzig Jahre später an der Wiener Volksoper. Es gab die mit knisternder Spannung erwartete, ausverkaufte Wiederaufnahme der Turandot und gleichzeitig die 27. Vorstellung der Inszenierung. Mit der Koreanerin Jee-Hye Han erlebten Sylvia und ich eine Turandot von kleiner, nicht erhabener Gestalt. Ihr Vortrag und Gesang erweckte Sym-Pathie und wir bangten mit, dass Calaf für sie die Rätsel löst, um sie in ein neues Leben zu befreien. Da fielen mir im Vergleich wieder die Worte der Amerikanerin ein.

Es war für eine Tirolerin ihr erster Opernabend. Sie spielten Puccinis „Il tabarro“ und nach der Pause Leoncavallos „Pagliacci“. Als Ferdinand Radovan seinen Prolog begann, hörte ich sie leise bemerken: „Der singt aber gut.“ Der damals noch jugoslawische Bariton debütierte 1964 in Belgrad als Germont-père und begann ab 1967 von Graz ausgehend eine internationale Karriere.

Zwei junge Damen, ihrem Gespräch nach Handelsvertreterinnen, sitzen auf der Galerie hinter uns und analysieren die unterschiedliche Mentalität im Westen und im Osten Österreichs. Während in den westlichen Bundesländern sie oft hören: „Jö, was Neues!“, müssen sie in Wien sich anhören: „Oje, schon wieder was Neues.“ Sind die Wiener Opernfans gegenüber jungen Debütantinnen und Debütanten nicht auch reservierter, während die US-Amerikaner mit ihrem Pioniergeist bei jedem neuen Namen einen Rising Star erhoffen?

Verunsichert wurde ich nach einem für mich beglückenden Liederabend mit Christa Ludwig. Beim Ausgang musste ich bei einem Gespräch zweier sichtlich erfahrener, älterer Damen hören: „Der Wohlklang bei Schubert, aber dann nach der Pause …“

Ohrenzeuge eines ähnlichen Gesprächs wurde ich im September 1972 nach Offenbachs Operette „La Périchole“.

Alexandru Badea als Orpheus und Ilia Staple als Eurydike
Bühne Baden © Lukas Beck

Zwei Damen war die Leitung des Orchesters zu wenig feinsinnig. Seit der Zeit beachten Sylvia und ich genauer und feinfühlender die Musik dieses französischen Meisters.

Lothar Schweitzer, 26. Mai 2026, 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Schweitzers Klassikwelt 162: Arien, die zu Herzen gehen klassik-begeistert.de, 27. April 2026

Schweitzers Klassikwelt 160: „Die Stimme ist eine Gottesgabe“… klassik-begeistert.de, 31. März 2026

Schweitzers Klassikwelt 155: Chorsängerinnen und -sänger klassik-begeistert.de, 20. Januar 2026

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert