Schweitzers Klassikwelt 167: Es gibt die Liebe auf den ersten Ton

Schweitzers Klassikwelt 167: Liebe auf den ersten Ton  klassik-begeistert.de, 7. Juli 2026

Marilyn Zschau als Adriana Lecouvreur Foto Pálffy, Fotoarchiv Österreichisches Theatermuseum

So gesteht die Merkerin Traude Steinhauser anlässlich einer „La Traviata“ bei der Besprechung Alfredos im Opernjournal „der neue Merker“. Wir fragen uns: Kennen wir das auch?

Ich bin in dem Ausnahmefall so konservativ und denke für meinen Teil als Erstes an Sängerinnen, denn eine erotische Seite lässt sich beim Gesang nicht ausschließen. Spontan fallen mir die Namen Gundula Janowitz, Elisabeth Schwarzkopf, Anny Felbermayer, Jeanette Pilou, Marilyn Zschau, Anneliese Hückl, Pretty Yende und Agneta Eichenholz ein. Verstreut haben wir in unsren über 160 Klassikwelten schon von den Damen erzählt.

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Wobei es sich bei der Janowitz streng genommen um den „zweiten Ton“ handelte. Als Erste Dame ist sie mir zwar noch mehr als die Pamina und die Königin der Nacht in Erinnerung geblieben, aber so richtig verliebt habe ich mich in ihre Stimme voll Sehnsucht nach ihrem Demetrius in Brittens „Ein Sommernachtstraum“. Und unverständlich blieb mir, dass Ottone nicht von Drusilla (= Gundula Janowitz) von seiner unglücklichen Liebe in „L’incoronazione di Poppea“ geheilt wird.

Bei Elisabeth Schwarzkopf war es nicht nur Liebe auf den ersten Ton, sondern bei ihrer Capriccio-Gräfin kam noch dazu eine Offenbarung, was eine Richard Strauss-Sängerin ist.

Anny Felbermayer als Zdenka contributed by Manfred Krugmann

Der 17. Juni 1960 war ein besonderer Glücksfall. Eine Arabella Lisa Della Casa und zum letzten Mal Anny Felbermayer als ihre Schwester Zdenka. Es war die erste Begegnung mit dieser lyrischen Sopranistin. Die an der Wiener Staatsoper überwiegend als Cover und Comprimaria eingesetzte sympathische Sängerin wurde für mich das unerreichte Vorbild eines zart verklingenden Echos im Nymphen-Terzett der „Ariadne auf Naxos“.

Aus bescheidenen Verhältnissen stammend ließ sie ein gnädiges Schicksal nach Absolvierung der Handelsschule Gesang studieren. Sie gastierte auch an der MET in New York als Marguerite (Charles Gounod), am Théâtre Royal de la Monnaie, am Gran Teatre del Liceu und am Teatro alla Scala Milano. Es ist uns leider nicht gelungen, mehr Daten von ihren internationalen Auftritten herauszufinden.

Die rassige US-Amerikanerin Marilyn Zschau (siehe Titelbild) und die klassisch-schöne Griechin Jeanette Pilou begeisterten ebenfalls vom ersten Ton. Zweimal die Woche besuchte ich oft Zschaus Adriana Lecouvreur in der Wiener Volksoper. Unter der Leitung von Albert Moser herrschte eine fruchtbringende Kooperation zwischen dem zweiten Wiener Opernhaus und dem Opernhaus Zürich. Marilyn Zschau schaffte es später bis zur Brünnhilde an der Seattle Opera. Der erste Eindruck von Jeanette Pilou war ihre Manon (Massenet). Ein zweiter Höhepunkt Debussys Mélisande.

In meiner Tiroler Zeit – natürlich ein häufiger Gast des Tiroler Landetheaters – war die erste Begegnung mit Annelies Hückl die Nuri in „Tiefland“ und sie wurde sofort meine Favoritin (folgend Micaëla, Pamina …). Später in ihren reiferen Jahren gab es ein Wiederhören als Esther in Cesar Bresgens „Der Engel von Prag“.

Die zweite gehörte Partie war erst ausschlaggebend bei Wolfgang Windgassen. Es war früher üblich, den Sänger des Siegmund und des Siegfried am Vorabend des Rings als Feuergott Loge einzusetzen und nicht einen Charaktertenor zu bevorzugen. Daher lernte ich die Vorzüge dieses Sängers mit den strahlenden Höhen bei „Morgenlich (kein Druckfehler! Anm.) leuchtend im rosigen Schein“ erst an seinem Walther von Stolzing in den „Meistersingern“ schätzen.

In meinem ersten „Rheingold“ faszinierte mich der eigenartige, noch nie gehörte „Sound“ des Mime. Gerhard Stolzes substanzreicher David folgte wenige Monate später. Vom frühbarocken Monteverdi (Nero in „L’incoronazione di Poppea“) bis Carl Orff (Titelrolle in „Oedipus der Tyrann“) und Gottfried von Einem (Josef K. in „Der Prozess“) reichte das mit Stolze erlebte Repertoire. Seine Stimme besaß wie auch sein Lebenslauf etwas Ungewöhnliches. Leider hatte seine Karriere als Opernsänger ein zu frühes Ablaufdatum und er wechselte ins Gastgewerbe.

Gerhard Stolze als Herodes (privat)
Ludwig Welter Foto Fayer Wien

In der Premiere von „Angelina“ („La Cenerentola“) las man einen einzigen unbekannten Namen. Ein Ludwig Welter sang den Philosophen Alidoro mit einem wunderschönen vollen und samtenen Bass. Sarastro, Osmin, Don Alfonso folgten, versäumt habe ich seinen Baron Ochs und seinen Großinquisitor. Einmal enttäuschte er mich. Dabei habe ich mich so sehr auf seinen Kecal gefreut. Der kam jedoch saft- und kraftlos. Sein früher Herztod mit 47 Jahren war für mich ein Schock.

Nicht anlässlich eines Jahrestags, sondern anlässlich der Neuinszenierung von Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ schrieb ich eine Hommage an Ludwig Welter, der in der Wiener Erstaufführung im Oktober 1962 unübertroffen die Rolle des Handwerkers Quince gab.

Wie man von einer Partnerin, einem Partner beim näheren Kennenlernen desillusioniert werden kann, so ist das auch nach dem ersten Abend möglich. Einmal lag es an der Partie. Von der Darstellung eines Gurnemanz höchst beeindruckt kann die Partie eines Veit Pogner außer einer extremen Höhe für einen Bass nicht das bieten.

Die Verzauberung muss nicht während eines Opernabends beginnen. Es war im Jahr 2009 im Stadttheater Baden bei Wien. Anlass das Galakonzert der Preisträger des Internationalen Hans-Gabor-Belvedere-Gesangswettbewerbs.

An der Spitze Pretty Yende (*1985). Dann mussten wir bis zum Frühjahr 2017 warten, um sie im Rahmen der Wiener Konzerthaus-Serie „Great Voices“ wieder zu hören. Wir dachten uns in die bald auftretende Künstlerin hinein, als wir das verwöhnte, strenge und kritische hereinströmende Publikum beobachteten. Wie geht es ihr wohl in dem Augenblick in ihrer Garderobe? Und dann trat eine MET-erfahrene, selbstbewusste Künstlerin auf, die es mit allen Tücken der Koloraturen souverän aufnahm.

Pretty Yende. © Gregor Hohenberg Sony Entertainment

Nur die Manon empfanden wir zu hart. Da dachten wir spontan an Jeanette Pilou.

Yendes Hausdebüt an der Wiener Staatsoper fand dann erst im September 2020 als Adina in Donizettis „L’elisir d’amore“ statt. Zweieinhalb Jahre später vermerkten wir über ihre Manon in Jules Massenets gleichnamiger Oper: „Einer der Höhepunkte der Aufführung ist ihr Abschied von den bescheidenen Verhältnissen, in denen sie mit ihrem geliebten Des Grieux gelebt hat. Symbol dafür ein Tischchen anstelle einer reichlich gedeckten Tafel, wo sie sich ein einziges Trinkglas für ihre Lippen teilten (,Adieu, notre petite table′). Ein unlängst gelesener Bericht über einen Liederabend im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses bereitet uns Sorgen. Waren die Lieder von Tschaikowsky und Debussy etwa zu diffizil?

Frauen haben im Allgemeinen die bessere Intuition. Sylvia wählte bei einem Besuch von Basel für einen Opernbesuch Andrea Lorenzo Scartazzinis „Der Sandmann“ aus. Thomas Jonigk hat den Olympia-Akt aus „Les Contes d’Hoffmann“ weiter entwickelt. Probleme der Virtualität, die hilfreichen und die gefährlichen Seiten von Lebenslügen, Klippen der Partnerwahl werden zur Sprache gebracht. Und dann geschah es! Ich verliebte mich in die Stimme der Clara/Clarissa nicht wie Hoffmann wahnhaft in eine Puppe, sondern rein künstlerisch. Gemeinsam mit Sylvia dachten wir gegenseitig unbeeinflusst: „Da ist eine Richard-Strauss-Sängerin im Werden.“

Keine lange Zeit verstrich und wir lasen auf den Kulturseiten über Agneta Eichenholz, über ihre Zdenka und ihre Daphne. Nach drei Jahren war es dann so weit. Wir konnten als Titel einer Rezension über Brittens „Peter Grimes“ am Theater an der Wien schreiben: „Daphne zu Gast in Wien“. Frau Eichenholz sang die Ellen Orford. Zwei Jahre danach kam dann ihre bereits am Royal Opera House London, am Teatro Reale Madrid und in Rom erfolgreiche „Lulu“ auf die Bühne der Wiener Staatsoper.

Agneta Eichenholz als „Lulu“ © Wiener Staatsoper, Michael Pöhn

Über ihre erste Salome haben wir in „Klassik begeistert“ im März 2020 berichtet.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 7. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Schweitzers Klassikwelt 166: Muss die Gilda so tragisch enden? klassik-begeistert.de, 23. Juni 2026

 

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