Prächtige Altersmilde –
Wie schwer das ist, was leicht aussieht

Elisabeth Schwarzkopf  Die letzten Meisterklassen in Telfs – Rezension-2

Foto: https://www.kirstenliese.de
Elisabeth Schwarzkopf – Die letzten Meisterklassen in Telfs
Eine Dokumentation von Kirsten Liese

von Sebastian Koik

„Gut, dass Sie es im Gesicht gemacht haben, aber es muss auch in der Stimme sein. Es muss in der Stimme sein“, sagt die Lehrerin der Schülerin. „Machen Sie es nicht mit dem Körper. Mit der Stimme!“

– Viele anspruchsvolle Musikhörer werden sich wünschen, dass es mehr solcher Gesangs-Lehrer gäbe. Die Welt wäre ein schönerer Ort.

Foto: Max Albert Wyss – Stiftung Fotodokumentation Kanton Luzern

In den Jahren 2005 und 2006, wenige Monate vor ihrem Tod, gab Elisabeth Schwarzkopf ihre letzten Meisterklassen im österreichischen Telfs. Sie galt als eine der führenden
Sopranistinnen  des 20. Jahrhunderts, wird oft in einem Atemzug mit Maria Callas als eine der besten Sopranistinnen ihrer Zeit genannt. Im Jahre 1971 gab sie ihren Abschied an der Oper, im Jahre 1979 hatte sie ihren letzten Auftritt als Lied-Sängerin.

Danach begann Dame Olga Maria Elisabeth Frederike Legge-Schwarzkopf ihr Wissen in Meisterklassen weiterzugeben.

Man sieht und hört eine kraftvolle und sehr lebendige, über 90-Jährige, voller Leidenschaft und Liebe für die Musik, für den Gesang. Eine Frau, die niemandem mehr etwas beweisen muss, unterrichtet mit unfassbarer Energie und Akribie junge Sänger. Sie arbeitet an Details in Klang, Artikulation und Interpretation.

Ihre Augen sind unglaublich wach, funkeln vor Aufmerksamkeit, Präsenz und Esprit. Sie kümmert sich und gibt ihr Wissen über Musik und Gesang an junge Menschen weiter. Und Frau Schwarzkopf hat viel zu geben. Sie unterbricht häufig, ist streng in der Sache, dabei aber immer freundlich und liebenswürdig.

Scheinwerfer sind so positioniert, dass das weiße Haar der geadelten Dame wie ein Heiligenschein strahlt. Sie war jahrzehntelang ein Gesangs-Star, eine der führenden Sopranistinnen der Welt, doch eine Heilige war sie wohl eher nicht.

Auch in ihren Meisterklassen nicht. Es kommen ja keine Gesangs-Anfänger in eine solche Meisterklasse. Das sind junge Sängerinnen und Sänger, die schon viele Jahre Gesangsausbildung hinter sich haben und sich den Feinschliff für eine größere Karriere auf den Bühnen der Welt holen wollen.

Und einige dieser ambitionierten Meisterklassen-Schüler hat eine noch jüngere Frau Schwarzkopf angeblich mit wenigen Worten als Sänger vernichtet. Nicht wenige Schüler sollen den Unterricht unter bitteren Tränen verlassen haben. Sie soll einmal einem ihrer Eleven 10 Mark in die Hand gedrückt haben, um ein Glas Sekt zu trinken und doch bitte mit dem Singen aufzuhören.

Doch hier, in ihren letzten Meisterklassen, ist alles ganz anders. Es muss wohl Altersmilde sein! Die Frau ist zu dem Zeitpunkt über 90 Jahre alt, und wenn man Frau Schwarzkopf auf dieser DVD erlebt, dann hat man das Gefühl, auf gewisse Weise die beste Elisabeth Schwarzkopf zu erleben.

Eine bessere Gesangslehrerin, wie auf dieser schönen DVD festhgehalten, kann man sich nicht vorstellen. Diese Dokumentation kann jedem Gesangs-Studenten wärmstens ans Herz gelegt werden. Das, was Frau Schwarzkopf hier zu geben hat, ist ein Geschenk für jeden, der etwas über Gesang lernen möchte.

Nicht nur für Sänger, sondern auch für Opern- und Konzertsänger. Dieser digital festgehaltene Meisterkurs schärft die Aufmerksamkeit und das Ohr. Viele Menschen können sich nicht vorstellen, wieviel Arbeit dazugehört, ein guter Sänger zu werden. Das Miterleben der reifen und weisen Elisabeth Schwarzkopf als Lehrerin macht das deutlich. Man sieht, wie schwer das ist, was oft so leicht aussieht.

„Es muss ein Zauber vom Klang sein“, sagt Frau Schwarzkopf hier einem ihrer Gesangsschüler, „schön und nicht gewalttätig“. Sie versucht diese schönen Klänge aus ihren Meisterschülern herauszukitzeln.

Sebastian Koik, 13. August 2018
für klassik-begeistert.de

Ein Gedanke zu „Elisabeth Schwarzkopf Die letzten Meisterklassen in Telfs – Rezension-2“

  1. Aussergewöhnlich die fachlichen Feinheiten, die Frau Schwarzkopf hier weitergibt und auch die wunderbaren Solisten. Wer fachlich etwas von Gesang versteht, der erfährt hier sowohl stimmlich als auch pianistisch etwas wirklih Kostbares, das Gott sei Dank für die Zukunft erhalten bleibt.

    Susanne Holtze

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