Foto: The Tempest (c) Gergana Damianova
Wiener Festwochen – Burgtheater, Wien, 5. Juni 2026
William Shakespeare: The Tempest (Der Sturm)
Eine Produktion des Iwan Wazow Nationaltheaters (Sofia)
Regie, Bühnenbild, Lichtdesign: Robert Wilson
von Herbert Hiess
„Der Stoff aus dem die Träume sind“ – das ist eines der berühmtesten Zitate Shakespeares, das sich sogar in unserem Alltag niedergelassen hat. Und der letztes Jahr verstorbene geniale Regisseur führt uns passend zu dem Zitat in eine fast surreale Traumwelt.
Ungewöhnlich, dass man in unserem „klassik-begeistert“-Forum einmal ein Schauspiel bespricht. Nur war diese Produktion so beeindruckend, dass das auch hier nicht unerwähnt bleiben darf und soll.
„Der Sturm“ ist eigentlich das letzte dramatische Werk des britischen Dichters; dieser hat es interessanterweise so konzipiert, dass das Ende offen bleibt.

Das Werk zentriert sich um Prospero und seiner Tochter Miranda; diese wurden von Prosperos Bruder Antonio aus Mailand vertrieben und in einem Boot ausgesetzt, wo die beiden dann auf einer Insel strandeten.
Prospero half dem Luftgeist Ariel aus einer misslichen Lage und aus Dankbarkeit blieb Ariel zukünftig Prospero treu und ergeben und half ihm, wo es notwendig war. Als sich die üble Mailänder Gesellschaft um Antonio auf dem Rückweg von einer Hochzeit in Tunis befanden, befahl Prospero Ariel, einen enormen Sturm herbeizuführen, so dass die Bootpassagiere und Antonio selbst auf der Insel strandeten.
Und Prospero ließ die einzelnen Personen zu Paaren trennen; jedes Paar für sich muss mit seinem Schicksal klarkommen. Diese Abenteuerreise endete damit, dass Prospero jedem einzelnen vergab und seine Tochter sich schließlich in den Königssohn Ferdinand verliebte und ihn dann heiratete.

Robert Wilson ist bekannt dafür, dass er seine Regiearbeiten immer als Kombination von Sprache, Bewegung und Licht – ja, vor allem Licht – auslegte.
Und in dieser Produktion aus Sofia (auf bulgarisch gesprochen mit Übertiteln!) konnte man seine geniale Regiearbeit aus 2021 verfolgen.
Das Schauspiel begann mit der Präsentation der einzelnen Protagonisten, die sich mit einem mehr als skurrilem und mehr als bemerkenswertem Gehabe präsentierten; schon hier zeichnete sich die geniale Gangart dieses Abends ab.
Der Hauptteil begann dann mit einem lautstarken Sturm (so laut, dass man vor Betreten des Theaters Ohrenstöpsel bekam) und einer extrem grellen Lichtinvasion. Wilson machte dann eine beeindruckende Kombination von Lichteffekten und Bewegungen daraus. Oft hatte man den Eindruck, dass man Scherenschnitte vor sich hatte.
Gefühle (vor allem beim Liebespaar Ferdinand und Miranda) kamen da nicht zu kurz. Auch die musikalische Seite war hier präsent; Musikeinlagen und Geräusche kamen punktgenau. Eine bemerkenswerte Einlage war bei einer Liebesszene das Adagio (2. Satz) aus Franz Schuberts berühmtem Streichquintett in C-Dur (op. 163; D. 956).

Und, wie es Shakespeare gerne machte (auch im „Sommernachtstraum“) ging hier Prospero zur Bühnenrampe und sprach zum Publikum mit einer Bitte um Applaus.
Einer der genialsten Theaterabende seit langem; leider wird man das so schnell nicht wiedersehen. Und schade, dass Robert Wilson nicht noch viel mehr im Genre Oper machte!
Herbert Hiess, 6. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Ballett, Othello 2 nach William Shakespeare Theater Kiel, Opernhaus, 2. April 2023