„Cantare amantis est“: Riccardo Mutis einzigartiges Chorfestival mit 3600 Teilnehmern

„Cantare amantis est“ Riccardo Muti, Leitung  Palazzo Mauro de André, Ravenna, 1./2. Juni 2026

Fotos: Cantareamantisest©Marco Borrelli

Als es an die Musik geht, verflüchtigt sich die Stadionatmosphäre, zumal Muti vier Stücke mit vielen leisen Stellen ausgesucht hat, die er in dieser Dynamik auch von den Chören, überwiegend Laien, einfordert. Und das funktioniert sagenhaft gut, ganz gleich ob in Mozarts Ave verum, im Prolog zu Arrigo Boitos Oper Mefistofele oder einem Part aus Verdis Requiem, in dem der Komponist mehrfach sogar ein drei- bis vierfaches Pianissimo einfordert.

Wolfgang Amadeus Mozart: Ave verum coprus
Vincenzo Bellini: „Casta Diva“ aus der Oper „Norma“
Arrigo Boito: Prologo in cielo aus der Oper „Mefistofele“
Giuseppe Verdi: Ausschnitt aus dem Requiem

Davide Cavalli, Klavier
Maria Grazia Schiavo, Sopran
Isabella Lozzi, Flöte

Riccardo Muti, Leitung

Palazzo Mauro de André, Ravenna, 1. und 2. Juni 2026

von Kirsten Liese

Die Euphorie setzt schon eine halbe Stunde vor Konzertbeginn ein: Mit La-Ola-Wellen stimmen sich die Teilnehmer auf das zweitägige Singfest in der ehemaligen Sporthalle Pala de André ein.

Nach einem Zitat des heiligen Augustinus, „Cantare amantis est“ (frei übersetzt: Wer singt, liebt) hat Riccardo Muti sein noch junges Fest für Chöre benannt, das nach einem überwältigenden Erfolg im vergangenen Jahr nunmehr die zweite Ausgabe innerhalb des Ravenna Festivals erlebte.

Singen in Gemeinschaft verbindet Menschen miteinander, fördert Frieden und Freundschaft, dafür tritt Riccardo Muti als Musiker, Friedensbotschafter und Humanist ein. Und das in einer Größenordnung, wie ich sie bislang in der Welt der Klassik noch nicht erlebt hatte, versammeln sich hier doch mit 3600 Menschen aus rund 460 Chören noch mehr als doppelt so viele wie in den hierzulande bekannten „Mitsingkonzerten“, in denen Laienchöre zusammen mit einem professionellen Chor Werke gemeinsam einstudieren.

Abgesehen davon ist dieses Festival aber exzeptionell in der Weise, wie Muti nicht nur als genialer Musiker, sondern als ein ebenso begnadeter Redner und Lehrer spannende musik- und rezeptionsgeschichtliche Details sowie lustige Anekdoten in die Proben einbringt und die Versammelten zum Lachen bringt.

Fotos: Cantareamantisest©Marco Borrelli

Schon für die erste Ausgabe, die dem Pilotprojekt einen riesigen Erfolg bescherte, gab es mehr als 10.000 Bewerbungen. Und ein wenig schmerzt es Muti, dass er aus Kapazitätsgründen nicht allen zusagen konnte. Eine Fortsetzung musste es deshalb unbedingt geben.

Den nötigen Sponsor hierfür hat er auch gefunden. Nur die Kosten für ihre Reise und Unterkunft tragen die Teilnehmer selbst, denen das Festival auch ein T-Shirt mit der Aufschrift des Augustinus-Zitats stiftet, das alle tragen. Auch das festigt das Gemeinschaftsgefühl.

Unter dem tosenden Beifall eines Popstars wie Michael Jackson wird Muti empfangen, als er die Bühne betritt. Und die Begeisterung, die ihm entgegenkommt, gibt er an die Jubelnden in der Mehrzweckhalle zurück, überwältigt von ihrer Vielzahl. Bei anderen Gelegenheiten hat Muti mehrfach kritisiert, dass das Singen in Italien verwaise, in Schulen gleichermaßen wie in Kirchen. Dass trotzdem so viele Singbegeisterte zusammenkommen, wertet er als gutes Zeichen: Der Gesang sei in Italien noch nicht verloren, ruft er in die Menge, sie seien die Zukunft.

Fotos: Cantareamantisest©Marco Borrelli

Als es dann an die Musik geht, verflüchtigt sich die Stadionatmosphäre, zumal Muti vier Stücke mit vielen leisen Stellen ausgesucht hat, die er in dieser Dynamik auch von den Chören, überwiegend Laien, einfordert. Und das funktioniert sagenhaft gut, ganz gleich ob in Mozarts Ave verum, im Prolog zu Arrigo Boitos Oper Mefistofele oder einem Part aus Verdis Requiem, in dem der Komponist mehrfach sogar ein drei- bis vierfaches Pianissimo einfordert.

Kann denn das gelingen bei einem Chor solch riesigen Ausmaßes? Gewöhnlich vermutlich nicht, aber Muti schafft es mit wenigen Worten, die Mitwirkenden dahin zu bringen, so subtil zu dynamisieren und – wie beim Ave verum – sogar in den ersten Takten sotto voce zu singen, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte.

Pure Magie liegt im Raum, so wie das Kollektiv unter des Maestros Händen die Stücke beseelt durchlebt, angefacht von deren spiritueller Energie, die bei den Zuhörenden für Gänsehaut sorgt.  Und wie es schon binnen kürzester Zeit immer mehr an Feinheiten und Details umsetzt, auf die sie Muti hinweist, der vielfach am Flügel vormacht, wie er sich ein Crescendo oder Decrescendo vorstellt oder ein Ritardando bei einem Übergang.

Wenn Muti dirigiert, wechselt Davide Cavalli an die Tasten, ein versierter Korrepetitor, der schon seit vielen Jahren für und mit ihm arbeitet. Mitunter geht das blitzesschnell, dann darf man staunen, wie schnell sich Cavalli sofort zurechtfindet, an welcher Stelle im Notentext der Maestro angekommen war.

In der berühmten Casta Diva-Arie singt der Chor freilich nicht allein, als Solistin brilliert die Sopranistin Maria Grazia Schiavo, nicht mit einem so dunklen Timbre gesegnet wie Monica Conesa, die Muti 2023 für die Titelrolle in seiner Opernakademie entdeckt hatte, – aber sie gefällt mit sicherer Höhe, Expressivität und schlanker Stimmführung.

Am zweiten Tag gesellt sich mit Isabella Lozzi noch eine feinfühlige Musikerin des Luigi Cherubini Orchesters für das Flötensolo dazu. Unter spannungsvoller Stille in der weiten Arena sind dann berührende Momente kammermusikalischer Intimität zu erleben. Und die vermittelt sich bis in die hinteren Reihen der Halle. Dies freilich auch dank der ungeheuren Disziplin, die alle mitbringen. Niemand stört, es ist kein Husten und kein Gebrabbel zu vernehmen, selbst die Kinder konzentrieren sich ganz auf das Geschehen auf der Bühne.

Dass das heute überhaupt noch möglich ist, staune ich. In Deutschland wäre es vermutlich nicht so ruhig im Saal…

Jedenfalls gelingt das exakte Zusammensingen und –spielen auch deshalb so gut, weil Muti von allen Mitwirkenden verlangt, dass sie stets bei ihren Einsätzen auf ihn schauen. Wie Wachs formt er das Klangmassiv in seinen Händen.

Auch in dem kurzen Ausschnitt aus dem Verdi-Requiem singt Maria Grazia Schiavo mit großer Zärtlichkeit und Spitzentönen von luzider Schönheit den Sopranpart. Die Empfindsamkeit ihres Vortrags färbt dabei unüberhörbar auf den Gesang des Kollektivs ab.

Fotos: Cantareamantisest©Marco Borrelli

Zwischen all diesen berühmten Melodien und Werken lässt Muti die Chorphalanx auch einige Male die Nationalhymne singen. Sie steht in Italien freilich in ganz anderer Tradition als in Deutschland, wo sie allenfalls bei Sportereignissen ertönt und die wenigsten über die erste Zeile hinaus, über den Komponisten Joseph Haydn und den Text orientiert sind.

In Italien ist die Hymne Teil der nationalen Identität, lernen die Kinder die Verse schon in der Schule. Und an einem nationalen Feiertag wie dem 2. Juni, dem Festa della Repubblica – gehört sie unweigerlich dazu. So brüchig wie zur Inaugurazione der Mailänder Scala, wo sie stets vor Beginn der Aufführung ertönt, sollte sie allerdings nicht gesungen werden, lehrt Muti, der nicht müde wird zu betonen, dass die italienische Sprache eine Legato-Sprache auf einer Linie sei.  Da gehört Note dicht an Note. Und so tönt es dann schon wenige Augenblicke später. Unglaublich, was die charismatischen Singenden dabei an Energie und Gemeinschaftssinn freisetzen, eine Kraft, der sich niemand entziehen kann.

Fotos: Cantareamantisest©Marco Borrelli

Einen Reiz ganz anderer Art entfaltet der Prolog aus Arrigo Boitos Oper Mefistofele ohne Soli mit seinem Gesang Ave Signor degli angeli dei santi, der im entrückten E-Dur innerhalb weniger Takte in überirdische Sphären entführt. Da treten die hellen Kindersoprane klanglich besonders hervor, die den Hörenden das Gefühl geben, unter Engeln zu weilen. Was für eine Harmonie, welche Schönheit, was für eine Mystik und Magie!

Und mit jedem weiteren Durchlauf vertiefen sich die Sängerinnen und Sänger unter Mutis Anweisungen immer noch tiefer in die Partitur mit all ihren genauen Vortragsbezeichnungen. Man mag sich gar nicht satt hören an diesen sanften, ätherischen Klängen, die Sorgen und Nöte für ein paar Stunden vergessen lassen.

Soviel wie im Pala de André gejubelt, gelacht und Freude empfunden wurde, diente „Cantare amantis est“ sichtlich jedenfalls nicht nur als Seelennahrung, sondern als eine gesundheitsfördernde Therapie. Eine Therapie, die eigentlich die Krankenkassen fördern sollten. Aber da die Regierenden wohl allerorten so taub sind wie Beethoven, wie Muti einmal in einer Konzertansprache richtig bemerkte, lässt sich darauf wohl kaum hoffen.

Ob ich annehmen würde, dass sich „Cantare amantis est“ auch anderswo realisieren ließe, fragt mich Muti in einer Pause. Das wäre freilich großartig und der Zustrom in anderen Ländern gewiss nicht geringer. Ohne ihn lässt sich das in Ermangelung anderer solch großer Lichtgestalten allerdings schwer umsetzen. Er müsste also selbst mit diesem Projekt auf Reisen gehen.

Fotos: Cantareamantisest©Marco Borrelli

Um die Welt im großen Stil zu verändern, bräuchte man wohl allerdings Tausende von Mutis.

Am Ende, nach Mutis letzten Worten, brandet noch einmal große Euphorie im Pala de André auf. Eine Welle der Dankbarkeit. Danach bilden sich wie zu jeder Pause große Menschentrauben an der Rampe. Viele wollen noch so gerne ein Autogramm.

Kirsten Liese, 6. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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