Fotos: Die Orgel Queen Anna-Lapwood © Hannes von der Fecht
Musikfest Bremen: Die Orgel-Queen
Lange Menschenschlangen drängen in den Bremer Dom. Die gut 1300 Plätze sind restlos ausverkauft. Und zwar – kaum zu glauben! – für ein Orgelkonzert, bei dem noch nicht mal ein einziges Werk großer Komponisten wie etwa Bach oder Liszt zu hören sein wird. Zustande gebracht hat diesen Hype eine einzige Person: die mittlerweile als Orgel-Queen titulierte 31-jährige Anna Lapwood. Drinnen ist die umtriebige, ansonsten als offizielle Organistin der Londoner Royal Albert Hall tätige Musikerin vor dem imposanten Prospekt der großen Sauer-Orgel zwar kaum auszumachen; sie weiß sich aber, nach bereits eingangs überaus begeistertem Beifall, sehr wohl in Szene zu setzen.
Hans Zimmer Filmmusik aus „The Da Vinci Code“ und „Pirates of the Caribbean” (arr. Lapwood)
Rachel Portman „Flight“
Olivia Belli “Limina Luminis”
Ludovico Einaudi “Experience”
Eugène Gigout “Toccata”
Howard Shore “The Lord of the Rings Organ Symphony” (arr. Lapwood)
Anna Lapwood Orgel
Dom St. Petri, Bremen, 3. September 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Zunächst mit einer freundlichen Begrüßung auf einigermaßen verständlichem Deutsch, dann wechselt sie, vor guter Laune geradezu sprühend, doch lieber ins Englische, um mit ihrer unterhaltsamen Conférence das Auditorium eloquent mit mancherlei Anekdoten und lockeren Hintergrundinformationen zu den anstehenden Werken zu beglücken.

Erste dumpfe, wie mystisch anmutende Orgelbässe, aus denen hier und da kurz helle Tonfetzen aufblitzen, erkennen Filmfreunde als „Chevaliers de Sangreal“ aus Hans Zimmers „Da Vinci Code“. Ganz allmählich steigert Lapwood das Klangvolumen ins Opulente und vermittelt einen ersten Eindruck dessen, welche Effekte mit der gerne als der Königin der Instrumente bezeichneten Orgel erzielbar sind. So etwa, bei Rachel Portmans „Flight“, die Atmosphäre eines sanften schwerelosen Gleitfluges in einschmeichelnden Harmonien von kontemplativer Beschaulichkeit. Noch um einiges klangvoller gerät „Limina Luminis“ (von Olivia Belli), ein kunstvoll zwischen Licht- und Schatteneffekten changierendes Orgelwerk, das von Lapwood hoch spannend interpretiert wird.
Gründelnde Bässe und klingender Zimbelstern
„Experience“, eine Komposition des mit seiner Minimal Music bekannt gewordenen Ludovico Einaudi, startet mit einem simplen Motiv, einer abfallenden Terz, das indes mit jeder der vielfachen Variationen zunehmend an Drive und Dynamik gewinnt. Eugène Gigouts „Toccata“ wird zu einer packenden Demonstration von Lapwoods presto-agiler Fingerfertigkeit, bei der sie sich nahezu sämtlicher Register des Instruments bedient – „louder and louder and louder“, bis der Kirchenboden von den wuchtig gründelnden Bässen vibriert.

Leider ist es, schon aufgrund der räumlichen Entfernung, nicht möglich, den für das Orgelspiel nötigen, so enormen Ganzkörpereinsatz der Organistin, ihre perfekte Koordination von Händen und Füßen auch optisch zu verfolgen. Aber auch „nur“ akustisch macht es derart viel her, dass jedes einzelne der vorgetragenen Werke ausgiebig beklatscht wird. Dies gilt besonders für Lapwoods Arrangement von Hans Zimmers Suite aus ihrem erklärten Lieblingsfilm „Pirates of the Caribbean“. Da schafft es die gleichermaßen charmante wie sympathische Künstlerin sogar, einen beachtlichen Anteil des Publikum nach kurzer gemeinsamer Übungsphase zum Rudelsingen zu animieren. Bei „Hoist the Colours“ klingelt sogar das Zimbelstern-Register, „One Day“ vermittelt Weite und Wehmut über sanftem Wellenschlag. „Jack Sparrow“ sei leider unter den akustischen Bedingungen unspielbar, sagt Lapwood. Aber dafür wird „Drink up, me hearties, yo ho!“ mit seinem donnernden Finale zum ultimativen Rausschmeißer vor der Pause.

Ist das, was man hier – wohl gemerkt: in einem Gotteshaus! – erlebt, nun eigentlich ein klassisches Konzert mit Pop-Anteilen? Oder doch eher ein klassisch verbrämtes Pop-Konzert? Eines, das dem sakralen Charakter der Örtlichkeit aber trotzdem angemessen bleibt? Egal! In jedem Fall ist es eine supertolle Performance, eine One-Woman-Show vom Feinsten und ein höchst unterhaltsamer Hörgenuss.
„Lord of the Rings“ in allen Orgel-Schattierungen
Und davon gibt es in der zweiten Konzerthälfte noch jede Menge mehr, die Filmmusik zu: „The Lord of the Rings Organ Symphony“ von Howard Shore (arr. Lapwood).
Redselig wie ein Wasserfall erläutert Lapwood den Plot des Films wie auch die Abfolge der zwölf faszinierenden Klangbilder. Filmfans können gewiss unschwer die zugehörigen Titel einordnen und wiedererkennen; cineastisch weniger bewanderte Zuhörer können sich aber auch einfach zu ganz eigenen, aus der Musik generierten Szenerien inspirieren lassen. Was unmittelbar möglich ist angesichts der ungemein abwechslungsreichen Darbietung: Per wohl dosiertem Einsatz der Register und unter extensiver Ausnutzung des riesigen dynamischen Bandbreite des Instruments inszeniert die 31-jährige Orgelvirtuosin einen wirkungsmächtigen Wechsel zwischen elfengleicher Eleganz und pompösem Pathos, zwischen fließenden, mit Naturlauten oder gar kurzen eigenen Gesangseinlagen unterlegten Harmonien und opulenten, teils ins Hymnische ausgeweiteten Passagen schier epischer Ausmaße. Die Dramaturgie des Films kommt damit perfekt zum Ausdruck.

Der teils bestens bekannte Soundtrack ist diesmal jedoch nicht nur begleitender Hintergrund eines Films, sondern wird zu einem sehr präsenten, aus der Unzahl berauschender Orgel-Klangfarben erstellten, atmosphärisch grandiosen Hörbild. Die Zuhörer lassen sich entführen, gehen gebannt mit in diese packende Klangwelt.
Die letzten wuchtig aufwallenden Akkorde, mit denen „The Return of the King“ schließlich als großes Finale zelebriert wird, sind noch nicht verklungen, da reißt es die Zuhörer schon von den Sitzen; der ganze Saal tobt, tosender Beifall brandet auf. Trotz schon etwas vorgerückter Zeit lässt man Lapwood nicht ohne Zugaben gehen. Zur Freude der Zuhörer bedankt sich die flippig fröhliche Orgel-Queen gleich dreifach: mit eigenen Arrangements von Hans Zimmers „Time“ (aus Inception) und „No Time for Caution“ (aus „Interstellar) sowie John Powells „Test Drive“ (aus „Drachenzähmen leicht gemacht“). Und hat an diesem Abend zweifellos die Anzahl ihrer Fans und Followers wieder um einiges erhöht.
Dr. Gerd Klingeberg, 4. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Alexander Pfeifer, Trompete, Frank Zimpel, Orgel Ev. Kirche Ducherow, 9. August 2026
Martin Haselböck, Orgel Wiener Konzerthaus, 10. November 2024
Meine Lieblingsmusik 67: Camille Saint-Saëns, Sinfonie Nr. 3 in c-moll „Orgelsinfonie“ (1886)