Ein Feuerwerk zündet mit „La Damnation de Faust“

Hector Berlioz La Damnation de Faust, Grazer Philharmoniker Johannes Braun  PREMIERE Oper Graz, 26. September 2026

Foto: Nikita Ivasechko (Méphistophélès) (c) Wolfgang Kmetitsch

Premiere ++++ Oper Graz ++++ 26. September 2026

Der Oper Graz gelingt eine ebenso vielschichtige wie unterhaltsame Interpretation von Hector Berlioz’ „La Damnation de Faust“. Pavel Petrov als Faust, Nikita Ivasechko als Méphistophélès und Anna Brull als Marguerite, allesamt der Oper Graz schon lange verbunden, sind sängerisch und schauspielerisch Idealbesetzungen. Das Team unter der Regie von Lorenzo Fioroni sprüht nur so vor Ideen: modernes Operntheater vom Feinsten.

Oper Graz, 26. September 2026

La Damnation de Faust, Légende dramatique in vier Teilen
Musik von Hector Berlioz
Text von Hector Berlioz und Almire Gandonnière

Pavel Petrov (Faust)
Nikita Ivasechko (Méphistophélès)
Anna Brull (Marguerite)
Grazer Philharmoniker
Dirigent: Johannes Braun
Inszenierung: Lorenzo Fioroni

von Petra und Dr. Guido Grass

Als Hector Berlioz 1846 „La Damnation de Faust“ uraufführte, war ganz Europa im Faustfieber. Er selbst bezeichnete das Werk als „Légende dramatique“ und nicht als Oper. Es wird seinerzeit auch nicht szenisch, sondern konzertant aufgeführt. Die Musik selbst ist genug Theater. Ohnehin hätte es die damaligen technischen Möglichkeiten gesprengt, das Werk mit seinen vielen Ebenen auf die Bühne zu bringen. Es bedient sich recht frei der Elemente des Dramas von Johann Wolfgang von Goethe.

Das bietet einer modernen Inszenierung viel Raum, eigene Gedanken und Impulse einzubringen. Der Oper Graz gelingt dies auf ebenso spektakulärer wie unterhaltsame Weise. Dass sich hierbei nicht immer auf Anhieb ein kohärentes Bild ergibt, ist keineswegs ein Manko. Wie im Gedankenflug und Traum springen wir von Szene zu Szene.

Während das Publikum Platz nimmt und noch das Interieur des Grazer Opernhauses bestaunt, werkelt der Wandergelehrte Faust schon mit allerhand Chemikalien auf der Bühne, ohne besonders beachtet zu werden. Das ändert sich schlagartig mit einer heftigen Explosion. Was für ein Schreck: erst ein greller Blitz, Rauch und der Saal vollständig dunkel. Faust liegt auf dem Boden. Tod, verletzt? Ist alles, was folgt, nur sein Traum? Um ihn herum tobt das pralle Leben, doch ihm scheint alles egal. Eine Wanderin verhindert gerade noch seinen Selbstmord.

Pavel Petrov ist heute als „Faust“ besetzt. Die Partie ist stimmlich und schauspielerisch fordernd, was Petrov ohne Abstriche meistert. Der belarussische Tenor verfügt über eine angenehm gefärbte Stimme, die er flexibel und ausdrucksstark führt. Emotional aufbegehrend setzt er sich mühelos über das Orchester und den großen Chor hinweg. Leise, zart abschattierend in der Höhe spricht er uns in den lyrischen Passagen an. Besonders eindrucksvoll gelingt ihm beispielsweise die zarte und tiefe Gestaltung des „Merci, doux crépuscule!“ zu Beginn des dritten Teils in den Räumen Marguerites.

Der Chor demonstriert

Der Chor der Oper Graz und Singschul‘ der Oper Graz spielen heute eine Hauptrolle. Zu Beginn der Oper zeigen sie als maskierte Demonstranten Plakate wie „Mert a jövőnk a tét” („Denn unsere Zukunft steht auf dem Spiel“). Sie kapern die Gänge und die obere Ränge. Als sie mit ihren Rufen sogar das Orchester übertönen, wirkt es für einen Moment als würde die Situation wirklich aus dem Ruder laufen und der Sicherheitsdienst müsste anrücken. Stattdessen erklingt der Marche Rákóczy (Marche hongroise) und die Oper kann doch fortgeführt werden. Gefordert sind die Chormitglieder ebenso als Tänzerinnen und Tänzer besonders im dritten Teil, wenn der „Schwanensee“ inszeniert wird.

Méphistophélès ist die treibende Kraft

Nikita Ivasechko zeigt als Méphistophélès sein gesamtes sängerisches und schauspielerisches Können. Méphistophélès ist die treibende Kraft im Drama und erst recht in dieser Inszenierung. Er ist der kalte, teuflische Kutscher, der Faust in den Höllenschlund treibt. Er ist die Dragqueen, die Marguerite listig bestärkt, Faust zu verführen. Unterwürfig lässt er sich von den überheblichen Studenten in Auerbachs Keller treten, um anschließend umso eindrücklicher im Lied vom Floh („Une puce gentille“) aufzutrumpfen. Sein sonorer Bariton scheint keine Müdigkeit zu kennen.

Anna Brull als Marguerite verführt als Revue-Sängerin

In der dritten Szene erweitert Regisseur Lorenzo Fioroni das Drama um eine weitere Ebene. In dieser Inszenierung ist Marguerite (Anna Brull) nicht das unschuldige Mädchen, das von Faust verführt wird. Sie ist ein falsche Schlange, die Méphistophélès geschickt als Werkzeug benutzt, um die Seele Fausts zu gewinnen. Marguerite, von der Faust unter den Schlafgesängen Méphistophélès geträumt hat, tritt als Revue-Sängerin auf und stimmt das Lied vom König von Thule an. Ihr leicht dunkel gefärbter Mezzosopran ist ideal für diese Rolle. Ihre strahlende Höhe trifft ins Herz.
Die Opernbühne wird zum Filmset

Requisiten und Kostüme werden hineingeschoben. Ein Regisseur mit Kameramann filmt die Oper in der Oper. Faust gegenüber erscheint Marguerite als unschuldige Frau in einem Kostüms des 19. Jahrhunderts. Während sie gefilmt wird, sehen wir sie in der Videoprojektion wie in einem alten Schwarz-Weiß-Stummfilm.
Nicht eingeplant in diesem Spiel hatte die Verführerin, dass sie sich selbst in ihr Opfer, Faust, verlieben würde.

Zu Beginn des vierten Teils zeigt Marguerite ihr wahres Gesicht. Abgeschminkt und ohne Perücke erkennt Faust sie nicht wieder, während sie verzweifelt auf seine Rückkehr wartet.

Die vielleicht eindrucksvollste schauspielerische Leistung des heutigen Abends gelingt Anna Brull in der „Himmelfahrt“ Marguerites: Ihre Karriere ist zu Ende, sie wird gefeuert. Zu den Lobpreisungen aller Heerscharen und zarten Harfenklängen verabschiedet sie sich lächelnd von ihren Ensemblekollegen. Sie spielt das Spiel mit. Doch zugleich zeigt sie, wie sie nur den schönen Schein wahrt und mit Mühe die Tränen der Verzweiflung unterdrückt.

Verwundert reiben wir uns die Augen als zum Schluss Faust und Méphistophélès in einen Ballon klettern. In dieser satirisch überzeichneten Szene steigt nicht Marguerite, sondern die zur Hölle Verdammten dem Himmel entgegen. Die Himmelfahrt nimmt in der Videoprojektion ein jähes Ende, als der Finger Gottes erscheint (die Sixtinische Kapelle lässt grüßen) und den Ballon platzen lässt.
Zur Hölle mit diesen Musikern!

Johannes Braun hält als Dirigent die Fäden perfekt beisammen. Das Orchester, die Grazer Philharmoniker, sitzt nicht im Graben, sondern auf dem hinteren Teil der Bühne. Obwohl dadurch Dirigent und Sängern nie direkter Sichtkontakt ermöglicht ist, bleiben bei dieser Premiere Chor, Sängerinnen und Sänger und das Orchester gut beisammen. Auch dynamisch passt die Abstimmung.

Zum Glück sind es nur die als Orchestermusiker verkleidete Statisten die zum Ende in den Graben, die Hölle!, hinabfahren.
Die echten Musiker dürfen sich wie alle Sängerinnen und Sänger über den frenetischen Schlussapplaus des Publikums freuen. Auch das Team rund um Regie, Bühne, Kostüme, Licht und Video wird gefeiert.

Einfache Gewissheiten gibt es nicht

Das zentrale Element des Abends: Einfache Gewissheiten gibt es nicht. Wer sich wie Faust hiernach sehnt, verfällt dem Méphistophélès. Wir sind am Ende des Abends der Oper Graz verfallen: Ein solches vielfältiges, tiefsinniges und unterhaltsames Spektakel kommt auf die Bühne, wenn ein hervorragendes Team perfekt zusammenarbeitet.

Petra und Dr. Guido Grass, 27. September 2026
für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung
Musikalische Leitung: Johannes Braun
Inszenierung: Lorenzo Fioroni
Choreographie: Louis Stiens
Bühne: Sebastian Hannak
Kostüme: Katharina Gault
Licht: Sebastian Alphons
Video: Christian Weißenberger
Dramaturgie: Katharina John
Chor & Zusatzchor: Johannes Köhler
Singschul‘: Andrea Fournier

Faust: Pavel Petrov
Méphistophélès: Nikita Ivasechko
Marguerite: Anna Brull
Brander: Fangyong Liang
Oriel: Richard Jähnig
Himmlisches Kind: Nadja Dybova
Sandrine (Tänzerin): Helen Clare Kinney

Chor der Oper Graz, Singschul‘ der Oper Graz, Statisterie der Oper Graz
Grazer Philharmoniker

Hector Berlioz, La damnation de Faust, Glyndebourne Festival, 18. Mai 2019

Hector Berlioz, LA DAMNATION DE FAUST, Wiener Konzerthaus, 16. Februar 2019

Franz Lehár, Schön ist die Welt Oper Graz, 4. Mai 2025

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert