Verteufelt gute Sangeskunst und ein einzigartiges Opernfestival

Hector Berlioz, La damnation de Faust,  Glyndebourne Festival, 18. Mai 2019

Foto: © Richard Hubert Smith

Hector Berlioz, La damnation de Faust
Glyndebourne Festival, 18. Mai 2019

Inszenierung: Richard Jones
Bühne: Hyemi Shin
Musikalische Leitung: Robin Ticciati

Marguerite: Julie Boulianne
Faust: Allan Clayton
Méphistophéles: Christopher Purves
Brander: Ashley Riches

The Glyndebourne Chorus
Glyndebourne Youth Opera
Trinity Boys Choir

London Philharmonic Orchestra

von Charles E. Ritterband

Dutzende von kleinen, lustigen, bunt gehörnten Teufeln verfolgen das Schauspiel im Schauspiel von der hohen Tribüne einer rechteckigen Arena herab – unter dem Kommando des Oberteufels Méphistophéles. Die kleinen Teufel sind der Chor – und der Chor spielt ja in diesem spektakulären Werk gleichsam die Hauptrolle. Und sie singen teuflisch gut.

Berlioz‘ ursprünglich für den Konzertsaal konzipiertes Oratorium (légende dramatique, wie er selbst das Werk kategorisierte) ist keine Oper und eigentlich nicht für die Bühne gedacht. Dennoch haben sich schon unzählige Regisseure an einer szenischen Darstellung des Werkes versucht – mehr oder weniger erfolgreich.

Richard Jones inszenierte die „Damnation“ folgerichtig als Theater im Theater. Er hält das Werk für einen Zwitter – Berlioz habe, so Jones, in einigen Szenen eher an den Konzertsaal, in anderen eher an die Bühne gedacht. Dies versuchte Jones zu realisieren: Einige Szenen, namentlich der Teufelsritt in den Abgrund sind als reine Chorszenen konzipiert, die Tavernenszene und jene in Marguerites Heim sind theatralisch,  allerdings mit minimalen Kulissen (reduziert auf eine Tür mit deutscher Inschrift im Türrahmen).

Faust ist zumindest anfänglich mehr interessiert an Erkenntnis und spirituellen Dingen als an erotischen Abenteuern – konsequent konzipierte die Südkoreanerin Hyemi Shin ein sehr, vielleicht auch allzu nüchternes Bühnenbild. Der karge graue Rahmen der Arena blieb immer derselbe und wurde – wären da nicht die bunten Teufel gewesen – mit der Zeit etwas bedrückend, ja monoton.

Ganz und gar nicht karg war allerdings der beeindruckende personelle Aufwand: Ein Chor von 64 Sängern, dazu ein Kinderchor von 35 Sängern, 14 Darsteller – und vier Protagonisten.

Das eher intim konzipierte Theater von Glyndebourne ist für grandiose Werke wie dieses (oder beispielsweise den „Ring“) nicht wirklich geeignet – mehr für Mozart, Rossini oder Händel beispielsweise. So sagt denn auch Jones in einem Interview, die „Damnation“ könnte wohl „a bit noisy“ ausfallen in diesem Theater: „They’ll have to be careful“.

Und sie waren „careful“, die Musiker des weltberühmten London Philharmonic Orchestra unter der sprühend temperamentvollen und doch zugleich subtilen Stabführung des musikalischen Direktors von Glyndebourne, des Engländers  Robin Ticciati, der sich liebevoll um jedes Detail kümmerte: Stets bemüht, die Sänger nicht zu übertönen und dem wunderbaren Chor Geltung zu verschaffen.

Und unter diesen Solisten ragte eindeutig die Franco-Kanadierin Marguerite Julie Boulianne heraus. Ein eleganter Mezzo, grandios über weite Strecken, mit einem in den tiefen Lagen bestechend samtenen Timbre. Sie war der unbestrittene Star dieses Abends. Aber auch der englische Bariton Christopher Purves verlieh seinem intriganten, rothaarigen Méphistophéles viel Charisma und eine diabolisch gewaltige Bariton-Stimme.

Der Faust des Engländers Allan Clayton beeindruckte mit einem wunderbar lyrischen Tenor, der sich auch in den kühnen Höhen des Duetts mit Marguerite unbeirrbar bewährte. Obwohl in diesem Werk permanent „on stage“ zeigte Clayton keine Spur von Ermüdung oder nachlassender Konzentration.

Es war ein ganz besonderer Abend an diesem weltweit unvergleichlichen Ort: Denn an diesem Abend wurde das 25. Jubiläum der Eröffnung des edlen, ganz in Holz und Beton gehaltenen Theater-Rundbaus mit einem großen Feuerwerk im Park gefeiert. Ich selbst war bei der Eröffnung vor 25 Jahren als London-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung mit dabei – ein großer Schritt für dieses renommierteste Opernhaus Großbritanniens, für dessen Vorstellungen Karten nur  mit Glück und Geschick zu erwerben sind.

Die Geschichte dieses einmaligen Hauses ist ebenso romantisch wie einmalig: John Christie und seine Gattin Audrey Mildmay hatten bereits im Jahr 1934 das erste Festival hier, mitten im bukolischen Sussex begründet. Es bestand in Opernauszügen, dargebracht von talentierten Amateuren im prachtvollen Orgelsaal seines Landsitzes – den man heute noch vor der Vorstellung und in der Pause besuchen kann.

Da einige dieser Amateure aus verschiedenen Gründen ausfielen, engagierte Christie erstmals spontan zwei professionelle Sänger der Carl Rosa Opera Company. Es folgten Aufführungen von Mozarts „Entführung“, die auf teils skurrile Weise unprofessionell waren – doch damit war das inzwischen legendäre Glyndebourne geboren.

Christie verliebte sich im Alter von 48 Jahren Hals über Kopf in eine Sopranistin der erwähnten Operntruppe – Audrey Mildmay. Sie heirateten 1931 und begaben sich auf eine Opernreise quer durch Europa. Als sie zurück kamen, war Christie voll von begeisterten Plänen, seinen Orgelsaal auszubauen. Doch seine junge Ehefrau sagte: Wenn Du schon all dieses Geld ausgeben möchtest, mach’s wenigstens richtig.

Und so machte sich Christie an den Bau eines eigenen kleinen Opernhauses unmittelbar neben dem Herrenhaus – für 300 Besucher. Und am 28. Mai 1934 öffnete die Glyndebourne Festival Opera ihre Tore. Christie engagierte keine geringeren Größen als den berühmten Dirigenten Fritz Busch als ersten Musikdirektor und Sir Rudolf Bing, immerhin Generaldirektor der Metropolitan Opera, als Intendant. Da sieht man deutlich, welches Kaliber für Glyndebourne von allem Anfang an intendiert war.

 Ich habe das alte, inzwischen abgerissene Gebäude noch als Zuschauer diverser Opern erlebt. Es hatte seinen eigenen Charme und glich, wenn ich mich richtig erinnere, eher einer simplen Scheune als einem Theater. Aber rasch waren die Tickets hochbegehrt und Glyndebourne wurde zu einem Treffpunkt der englischen High Society – was sich heute noch an der Zahl der auf dem Parkplatz abgestellten Bentleys ablesen lässt.

Und Glyndebourne bot von Anfang an nicht nur außergewöhnliche Oper: Hier sind nicht die Netrebkos und Kaufmanns zu sehen und zu hören, sondern junge, hoch talentierte und motivierte Darsteller, oft direkt aus dem Konservatorium und erst mit kurzem Curriculum Vitae. Aber es sind vielfach die Weltstars von morgen – Glyndebourne hat ein berühmtes „Händchen“ dafür, die besten Operntalente aufzuspüren.

Und so sind hier sämtliche Produktionen: Phänomenale Sänger, berührend und humorvoll in ihren Rollen. Kenner kommen hierher und legen eine stattliche Summe für die Eintrittskarten auf den Tisch – nicht Snobs. Und es ist, Pfund für Pfund, gut investiertes Geld. Was man hier erlebt, ist einmalig, beglückend. Die Akustik des Hauses ist fantastisch – es ist, wie gesagt, eher intim und der Orchestergraben entschieden zu klein für Wagner und Strauss. Die beiden Harfen werden auf den Proszeniumlogen ausserhalb des Orchestergrabens platziert…

Und es ist ein Ort, der typisch englischer (im besten Sinne…) nicht sein könnte: Ein edles Landhaus und einer der schönsten Gärten Südenglands, mit der weltberühmten englischen Gartenkunst angelegt und sorgsam gehegt und gepflegt – und von einem mediterranen  Mikroklima begünstigt. Die Umgebung sind die sprichwörtlichen „rolling hills“ mit Wiesen und Hecken und idyllischen Dörfern mit Fachwerkhäusern.

Doch nicht nur die musikalischen Qualitäten ziehen Sommer für Sommer die englische Elite nach Sussex – es ist, Glyndebournes andere, großartige Atrraktion, das Picknick in den herrlichen „grounds“, dem weitläufigen Park. Natürlich kommt man, versteht sich, in Smoking und Abendkleid – und setzt sich zum mitgebrachten Picknick auf der Picknick-Decke oder am mit Spitzentischtuch gedeckten Tischchen, an dem der Butler den Champagner kredenzt, neben den kleinen Fluss oder die große Weide, auf der Hunderte von Schafen und Lämmern blöken.

Das ist weltweit einmalig: Smoking und Abendkleid, Lachs und Hummer und Champagner – und die Schafe schauen einem über die Schulter. 90 Minuten dauert jeweils diese traditionelle Pause – dann wird man diskret zurück in den Theatersaal komplimentiert , zum zweiten Teil einer wie immer fabelhaften Opernaufführung.

Dr. Charles E. Ritterband, 21. Mai 2019,  für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.