Eine expressive Tosca in Kopenhagens spektakulärem Opernhaus

Giacomo Puccini, Tosca,  Königliche Oper Kopenhagen, 4. Mai 2019

Foto: © Thomas Nørdam Andersen

Giacomo Puccini, Tosca
Königliche Oper Kopenhagen, 4. Mai 2019

Musikalische Leitung: Jun Märkl
Inszenierung: Peter Langdal

Floria Tosca: Maria Pia Piscitelli
Mario Cavaradossi: Niels Jorgen Riis
Scarpia: Jens Sondergaard
Angelotti: Kyungil Ko

von Charles E. Ritterband

Vor immerhin 109 Jahren wurde hier, am Königlichen Theater, erstmals Puccinis Tosca aufgeführt. Heute beginnt das überwältigende Erlebnis bereits bei der kurzen Überfahrt mit dem Flusstaxi aus dem Zentrum von Kopenhagen zur Insel Holmen, auf der dieses atemberaubend schöne Opernhaus gebaut wurde – genau gegenüber dem königlichen Schloss Amalienburg. Wenn man in der Pause auf den mehrstöckig angelegten Wandelhallen steht und durch die gewaltige Glasfront in Richtung Schloss blickt, über dem gerade die Sonne untergeht, so ist dies ein Spektakel für sich.

Abgesehen von den Dramen, die sich zwischen dem Stifter, Arnold Peter Möller, dem Reeder der Maersk Schiffahrtgesellschaft (das notabene größte Unternehmen Skandinaviens) und reichstem Mann Dänemarks, sowie dem dänischen Star-Architekten Henning Larsen ereignet haben: Dieses Opernhaus ist einfach fantastisch, neben der weltberühmten Oper von Sydney die spektakulärste Opernarchitektur der Welt.

Und die Akustik in dem runden, vollständig mit Holz getäfelten Zuschauerraum mit seinen 1492 individuell lokalisierten Sitzplätzen ist phänomenal – für mich die beste Akustik jeglichen Opernhauses der Welt.

Das 2005 eröffnete, preisgekrönte Bauwerk kostete rund eine halbe Million Euro – und die edlen Materialien, die aufsehenerregende Architektur und die aufwendigen Bühnenapparaturen machen diesen exorbitanten Preis durchaus plausibel.

Diese Apparaturen kamen in der von Peter Langdal inszenierten Tosca extrem wirkungsvoll zur Geltung. Die versenkbaren, verschiebbaren Rück- und Seitenwände machten Puccinis Oper zum eindrücklichen Spiel, dessen optisches Erscheinungsbild die Schrecknisse, Ungeheuerlichkeiten und die alles überragende Liebe und Opferbereitschaften dieser Handlung expressiv zum Ausdruck brachte.

Das Eindrückliche für mich an dieser Handlung ist die pessimistische (und auf die aktuellen politischen Entwicklungen durchaus anwendbare) Aussage, dass das Böse selbst den Tod des Bösewichts überlebt: Die von Scarpia in Auftrag gegebene Schein-Hinrichtung war ja eine wirkliche Hinrichtung, und der Befehl überdauerte bekanntlich seinen Tod.

Der Bösewicht ist in fast allen Inszenierungen eindrücklich – und hier war der kahlköpfige Polizeichef Scarpia (Jens Sondergaard) eine Gestalt zum Fürchten in ihrer machtbesessenen Widerwärtigkeit. Ein imposanter, kraftvoller Bariton, der es verstand, Brutalität, Hinterlist und lauernde Bedrohlichkeit mit stimmlichem Wohlklang zu vereinen.

Der Angelotti von Kyungil Ko beeindruckte als sonorer, heroisch durchgezeichneter Bass – als offenbar wichtiger politischer Gefangener ist er zumindest in der politischen Dimension der Handlung ja eigentlich die wichtigste Person dieser Oper

Doch der unbestrittene Star des Abends war die italienische Sopranistin Maria Pia Piscitelli in der Titelrolle. Ihre warmen, tiefen Töne, die pastos-harmonische Mittellage und gleichzeitig die unbändige Strahlkraft ihrer Stimme machten sie zur idealen Verkörperung der Sängerin Floria Tosca.

Ihr „Vissi d’Arte“ wurde erwartungsgemäss zum musikalischen Höhepunkt des Abends. Entsprechend fulminant das Liebesduett mit ihrem Mario. Doch dieser Cavaradossi (Niels Jorgen Riis) stand bei aller tenoralen Schönheit dieser Stimme im Schatten seiner Partnerin. Dieser Stimme fehlte es letztlich an Kraft und Dynamik.

Die Inszenierung fiel durch einige unglückliche weil völlig überflüssige Einfälle etwas negativ auf: So wurde eine Puppe des Angelotti (der sich nach seiner Entdeckung im Versteck jener Zisterne bekanntlich umgebracht hatte, um seiner Verhaftung zu entgehen) an einem Galgenstrick in die Höhe gezogen – eher lächerlich als schrecklich.

Und der herrliche pastorale Gesang des Hirtenknaben zu Beginn des dritten Aktes vor Sonnenaufgang wurde unnötig verpfuscht dadurch, dass auf der Bühne nicht nur ein, sondern gleich ein ganzes Rudel von Hirtenknaben zu sehen war.

Dr. Charles E. Ritterband, 21. Mai 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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