Pathys Stehplatz 62: Thielemann macht den Unterschied

Pathys Stehplatz 62: Thielemann macht den Unterschied  Musikverein Wien, 3. Mai 2026

Christian Thielemann © Dieter Nagl

Zwei Wochen nach dem Konzert – im Kontext der im Blog geführten Diskussion – ist dieser Text entstanden.

Christian Thielemann ist der Game Changer. Sein Beethoven steht nicht bei allen hoch im Kurs. Die Einspielung mit den Wiener Philharmonikern hat polarisiert. Während die einen zu viel Sumpf verorten, sehnen sich die anderen danach, was man als Synonym dafür nennen kann. Fleisch mit Sauce, nennt Thielemann es selbst. Mit der Staatskapelle Berlin hatte er in Wien lange danach gesucht.

von Jürgen Pathy

Im Musikverein Wien hatte Christian Thielemann eines bewiesen. Selten hört man so deutlich, dass die Qualität am Dirigenten liegt. Die Staatskapelle Berlin ist ein hervorragendes Orchester – allerdings noch nicht auf dem Niveau anderer Orchester.

Das hatte sich in den Holzbläsern herauskristallisiert. Ich hatte mich bei dem Gedanken erwischt: Es wirkt seltsam, dass Thielemann im Musikverein Wien auftritt – und das ohne die Wiener Philharmoniker. Das lag nicht nur daran, dass es optisch ungewöhnlich war. Auch der Klang lässt sich schwer vergleichen. Voll, warm, mit feinen Tönen, die sich aus den Wiener Instrumenten emporheben. Besonders bei der Klarinette, die im Andante von Beethovens Sechster exponiert ihre Stellen erhält – ebenso die Querflöte.

Bei der Staatskapelle Berlin klang es, als wären diese Stimmen losgelöst vom Rest der Symphonie. Wie in der Schule, wenn es heißt: Aufstehen und jetzt vortragen. Das wirkte isoliert vom restlichen Orchester.

Ebenso war die Harmonie des Orchesters im ersten Satz ausbaufähig. Das Wort „scheppern“ wäre zu viel. Ein Synonym, das man verwendet, wenn Instrumentengruppen nicht ineinandergreifen, sondern Chaos herrscht, um es übertrieben zu formulieren. Das herrscht unter Christian Thielemann nie.

Dennoch musste sich die Staatskapelle Berlin an die Akustik des Musikvereins herantasten. Der Goldene Saal mag für viele die beste Akustik weltweit haben. Einfach ist er nicht zu bespielen. Die Wiener Philharmoniker haben den intus. Der Musikverein ist ihre Heimspielstätte.

Die Staatskapelle aus Berlin musste suchen. Wären da nicht die letzten drei Sätze, wäre es ein durchschnittliches Konzert gewesen. Am Ende war die Klasse von Christian Thielemann zu spüren – alle zu vereinen, auch wenn sie zuvor suchen. Das hatte er schon oft bewiesen.

An der Wiener Staatsoper, als er bei der „Frau ohne Schatten“ (2019) bei jeder Vorstellung mit neuen Musikern im Graben das Stück durchdringen musste. 1. Aufzug auf der Suche, danach lief das Uhrwerk.

Ab dem Gewitter, Satz 4, war das auch bei Beethovens Sechster zu spüren. Das Flirren der Streicher, das rasante Gestöbere, das Drama, das sich anpeilt. Plötzlich hatte das Orchester den Ton, den man bei Thielemann sucht. Voller Energie, ineinandergreifend, warm, lieblich, als würde man ein Kleinkind im Mamas Schoß schaukeln. Geborgenheit könnte man es nennen. Musik kann in gewissen Momenten tiefe Geborgenheit vermitteln. Diese findet man nicht bei allen Dirigenten. Jeder hat einen anderen Zugang.

Ich höre noch die Worte, die mir jemand gesteckt hat: „Bei Petrenko habe ich halt nie Gänsehaut – bei Thielemann schon.“ Vorausgegangen war, dass Petrenko die Leitmotive in Wagners „Ring“ klar herausarbeitet. Das sei faszinierend. Aber den Tiefgang, den Thielemann sucht, habe er nicht. Ohne das als Qualitätsmerkmal hochzustilisieren. Jeder sucht etwas anderes.

Aber ohne diese Geborgenheit ergibt Musik für mich keinen Sinn. Nicht bei Beethoven, der mir aus dem Herzen spricht. Beethoven steht über allen. Thielemann ist einer, der diesen Sinn sucht. Bei ihm darf Musik Gewicht haben.

Fast könnte man meinen: Thielemann hat diese Sechste von Beethoven bewusst so aufgezogen. Als Drama, das erst zum Ende seinen Höhepunkt erreicht. Passen würde es, wenn man nach der Wiener Schule einer Interpretation handelt. Je niedriger die Taktzahl, desto schwerer soll es klingen. 3/4 und 4/4 notiert Beethoven den dritten und vierten Satz, nachdem zuvor der zweite Satz in 12/8 steht – also leichter zu klingen hat. Zumindest nach dieser Idee der Wiener Klangschule. Ein Bächlein könnte es also sein, die „Szene am Bach“, wie Beethoven dieses Andante bezeichnet. Dort hatte Thielemann bereits anklingen lassen, was in den letzten drei Sätzen folgt, die attacca in einem durchgespielt werden.

Dass es ab dem Gewitter dann plötzlich so einfährt, war dennoch eine Überraschung. Genau wie die Egmont-Ouvertüre hintendran. „Wir haben lange diskutiert“, meinte Christian Thielemann auf die Frage, wieso er die Sechste nicht so stehen ließ. „Ach, das ist ja viel zu versöhnlich – da dacht’ ich, da setzt du noch einen drauf.“ Wäre nicht notwendig gewesen. Dieser Schluss der Sechsten war vieles – gigantisch, mitreißend, eine Schau, wie man ein Orchester innerhalb von 40 Minuten von einem schwachen Start zu einem Sieg führt. Aber nicht versöhnlich.

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