Ladas Klassikwelt (62): „Beethoven spült uns die Ohren” – Bemerkungen zu Christian Thielemanns Buch „Meine Reise zu Beethoven“

Ladas Klassikwelt (62): „Beethoven spült uns die Ohren” – Bemerkungen zu Christian Thielemanns Buch „Meine Reise zu Beethoven“

„Beim Lesen von Thielemanns „Bergsteigen auf den Gipfel des optimalen Beethoven-Klangs“ begann ich davon zu träumen – wenigstens einmal im Leben – die Neunte unter seiner Stabführung singen zu dürfen. Es geht nicht um das Prestige, sondern darum, sich von jemandem führen lassen, der Beethoven so tief und gleichzeitig frei von allen Konventionen versteht.“

von Jolanta Łada-Zielke

Nie zuvor hat eine Publikation zu einem musikalischen Thema solch widersprüchliche Gefühle in mir hervorgerufen, von Begeisterung bis zu Aufregung.

Man hält Christian Thielemann für einen Stimmungs- und Instinktmusiker und er selbst bestätigt diese Meinung. Mit bewundernswerter Demut gibt er zu, dass er noch nicht alle Geheimnisse der Musik Beethovens kennt. Beim Studieren der Partituren entdeckt er immer etwas, das er zuvor übersehen hatte. In seinem zweiten Buch „Meine Reise zu Beethoven“ enthüllt er die Kulissen seiner Arbeit an den Werken des Wiener Klassikers. Er vergleicht sie mit dem Besteigen der Himalaya-Achttausender (Nanga Parbat und Mount Everest), was mit großer Anstrengung und Leiden verbunden ist, aber eine große Befriedigung bringt.

Thielemann war von Ludwig van Beethoven seit seiner Kindheit fasziniert, als er eine Schallplatte mit der Egmont-Ouvertüre hörte. Er schätzt den Komponisten am meisten dafür, dass er tief in der Tradition verwurzelt war, sein Werk jedoch weit in die Zukunft hinauswies. Die Missa solemnis, das Streichquartett cis-Moll und die Große Fuge Opus 132 seien die Vorboten der Zwölftontechnik.

Der Dirigent erzählt in Form eines Dialogs mit sich selbst und drückt sich manchmal bildlich aus: „Beethoven spült uns die Ohren, reinigt sie vom Schmalz der Tradition“. An einer anderen Stelle vergleicht er eine optimale Klanggrundlage mit einem gut ausgerollten Teig, den er pikant oder scharf würzt und belegt; der Konzertmeister gibt ihm noch etwas Zucker dazu. Christian Thielemann verrät uns seine Konzertrituale; er schnappt sich die Manschettenknöpfe, bevor er die Bühne betritt.

Seine berühmten Vorgänger behandelt er als Inspirationsquellen, versucht sie jedoch nicht nachzuahmen. Am häufigsten erwähnt er Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan. Am Beethoven-Repertoire arbeitet er am liebsten mit den Wiener Philharmonikern und – bis zu seiner Pensionierung – ihrem Konzertmeister Rainer Küchl zusammen. Zu seinen Favoriten zählen ebenfalls die Sächsische Staatskapelle Dresden und die Berliner Philharmoniker.

Die bunte Welt der Symphonien

In dem Buch gibt es natürlich Anspielungen auf seinen Bayreuther Meister. Der Autor betont, dass er Beethovens Stücke besser dirigiert, seitdem er sich mit Wagners Opern beschäftigt, weil bei den beiden Komponisten ähnliche Flexibilität gefordert wird. Er vergleicht den Zyklus der Neun Symphonien mit einem Wagnerschen Musikdrama in neun Akten und verteilt die ausführliche Beschreibung davon auf vier Konzertabende. Er fängt mit einem „mörderischen Programm“ an, das aus den ersten drei Symphonien besteht. Dann sind die Vierte und die Fünfte dran, gefolgt von einem Tag Pause. Der dritte Abend gehört der Sechsten und der Siebten. Die Achte und die Neunte krönen den ganzen Zyklus. Die Symphonien-Kapitel kommen nicht direkt nacheinander, der Dirigent fügt dazwischen schriftliche Darstellungen anderer Werke Beethovens ein.

Ich habe das Gefühl, seine Leistung genau zu verfolgen, seine Zweifel und Befürchtungen zu teilen, zum Beispiel, ob ein Ritardando an einer gewissen Stelle sinnvoll ist, mit welchem Orchester und bei welcher Akustik man einen bestimmten Satz schneller oder langsamer leiten sollte, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Thielemann schreibt jeder Symphonie eine bestimmte Farbe zu. Die Sechste Pastorale sei seiner Meinung nach grün – für mich hat sie die Farbtöne eines Regenbogens, der am Himmel nach einem Sturm erscheint.

Ich finde es wertvoll, dass der Dirigent uns auf die „unterschätzten“ Symphonien aufmerksam macht, die die Stellen zwischen den berühmtesten füllen: die Zweite, die Vierte und die Achte. Er hat mich ermutigt, sie alle wieder anzuhören. Das letzte Mal habe ich das noch in der Musikschule gemacht.

Buchrezension: Christian Thielemann. Meine Reise zu Beethoven

Chopin und Beethoven

Die Lektüre von „Meine Reise zu Beethoven“ hat mich völlig absorbiert, ich habe es eifrig gelesen, bis ich zum Kapitel über die Klavierkonzerte gekommen bin. Und hier habe ich eine kalte Dusche gekriegt: „Wie viel Beethoven hat eigentlich Chopin gekannt? Interessante Frage. Gekannt hat er wohl einiges, gespielt auch. Wirklich geschätzt aber hat er ihn angeblich nicht. Zu obskur, zu eigensinnig“. Christian Thielemann hat hier das Wort „angeblich“ benutzt für den Fall, dass er sich irrt. Immerhin arbeitet er mit Musikern aus Polen zusammen; schade, dass er anscheinend keinen von ihnen um Hilfe gebeten hat, um diese „interessante Frage“ richtig beantworten zu können.

Die Antwort lautet nämlich: Frédéric Chopin war ein großer Bewunderer des Meisters aus Bonn. Er lernte seine Musik noch als junger Mann in Warschau kennen. Da es in der damals von den Russen besetzten Hauptstadt Polens kein Symphonieorchester gab, studierte Chopin Beethovens Werke aus den Partituren, die er in einem Buchladen bestellte. Er erlebte die Orchesteraufführungen seiner Musik erst in Wien mit. In einem Brief an Tytus Wojciechowski vom 10. Oktober 1829 schrieb er über das Klaviertrio in B-Dur Opus 97.: „Ich habe so etwas Grandioses schon lange nicht mehr gehört.“

Chopin mochte auch die 9. Symphonie, und die Oper „Fidelio“ bezeichnete er als ein Meisterwerk. Während seiner Privatkonzerte spielte er Beethovens Klaviersonaten und arbeitete an ihnen mit seinen Schülern. Neben Mozart und Hummel nahm Beethoven einen wichtigen Platz unter den musikalischen Faszinationen des polnischen Komponisten ein, wenn er sich auch nicht von ihm inspirieren ließ. Polnische Musikwissenschaftler sehen keine Ähnlichkeiten in den Werken beider Musiker, sie würden jedoch sicherlich bestreiten, dass Chopin Beethoven nicht schätzte.

Wenn ich mich bereits mit Themen aus meiner Heimat befasse, erscheint im Buch auch der Name des polnischen Geigers jüdischer Herkunft Bronisław Huberman. Thielemann erwähnt seine Aufführung des Violinkonzerts unter der Leitung von George Szell im Jahre 1934, von der die Aufnahme noch existiert. Laut Thielemann hat Huberman das richtige Tempo in Allegro ma non troppo „annähernd erreicht“, spielte aber „zu unruhig, zu verhetzt“.

© Matthias Creutziger
Ran an die Neunte!

Christian Thielemann rät jungen Adepten der Kunst des Dirigierens, ins kalte Wasser zu springen; sie sollen ihre Arbeit an Beethoven mit der Neunten beginnen und dabei scheitern lassen, weil das eine wichtige Erfahrung für sie wäre. Er selbst dirigierte dieses Werk zum ersten Mal im Alter von knapp zwanzig Jahren in Venedig und hatte das unangenehme Gefühl, dass diese Aufgabe über ihn hinausging. Für seine bisherige „Beethoven-Sternstunde“ hält er das Konzert mit den Wiener Philharmonikern in Moskau im Jahre 2013, bei dem er die „Eroica“ leitete. Damals ging alles nach seiner Vorstellung, die Musiker waren begeistert und das Moskauer Publikum nahm diese Aufführung sehr herzlich an.

Beim Lesen von Thielemanns „Bergsteigen auf den Gipfel des optimalen Beethoven-Klangs“ begann ich davon zu träumen – wenigstens einmal im Leben – die Neunte unter seiner Stabführung singen zu dürfen. Es geht nicht um das Prestige, sondern darum, sich von jemandem führen lassen, der Beethoven so tief und gleichzeitig frei von allen Konventionen versteht. Ich sehe schon ironisches Grinsen auf skeptischen Gesichtern. Will ich mit dem Kopf durch die Wand? Wäre das so unwahrscheinlich? Schließlich sang bereits der Hamburger Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Beethovens „Chorfantasie“ unter der Leitung von Kent Nagano. Und träumen darf man immer.

Aber nachdem ich das Kapitel über die Neunte Symphonie gelesen habe, besonders Thielemanns Bemerkungen zu dem „Finale“, bin ich in Zweifel geraten. Wieso nennt er sie bissig? Warum denn HYSTERISCH??? Ich stimme dem Dirigenten nicht ganz zu. Als Chorsängerin, die bisher an vierzehn Konzerten mit diesem Stück teilgenommen hat, nehme ich die Neunte – und die mit ihr verbundenen Aufführungsschwierigkeiten – anders wahr.

Darüber werde ich aber in einem extra Beitrag erzählen.

Jolanta Łada-Zielke, 18. Januar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Jolanta Lada-Zielke, 49, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

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