Christian Thielemann: Meine Reise zu Beethoven

Buchrezension: Christian Thielemann. Meine Reise zu Beethoven

Buchrezension: Christian Thielemann. Meine Reise zu Beethoven

von Kirsten Liese

Mit Beethovens Oeuvre habe ich mich über Jahrzehnte beschäftigt. Insofern war ich sehr gespannt, ob und welche Erkenntnisse ich bei der Lektüre von Christian Thielemanns jüngstem Buch dazu gewinnen würde – auch im Hinblick auf die zyklischen Interpretationen des Dirigenten mit den Wiener Philharmonikern und der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Abstand von zehn Jahren, die ich beide live im Konzert erleben durfte. Denn eigentlich fängt es an diesem Punkt doch erst an, spannend zu werden, wenn die eigene Beschäftigung mit den Werken und Partituren sich schon gesetzt hat und man die Gelegenheit hat, den Blick zu vertiefen oder sogar bisherige Sichtweisen zu überdenken, womöglich gar zu revidieren.

Nun ist über Beethoven schon soviel geschrieben worden, könnte man meinen, dass es kaum noch etwas zu entdecken gäbe. Aber dem ist – um das gleich zu klären – ausdrücklich nicht so!!!

Schließlich ergreift hier auch nicht der x-te Musikwissenschaftler oder –historiker das Wort, sondern ein Künstler aus der Praxis, noch dazu einer der besten Dirigenten unserer Zeit! Einer, dem es gegeben ist, über Musik zu reden, was nicht selbstverständlich ist, denken wir nur an einen anderen sehr Großen wie Claudio Abbado, der sich damit ausgesprochen schwer tat.

Mit den klugen, persönlich gehaltenen Analysen aller neun Sinfonien gingen für mich neue Einsichten einher, allen voran die, dass der „Trauermarsch“ in der Eroica zu den größten Prüfsteinen des Dirigenten gehört ob der „Schwierigkeit, die Spannung über 17 Minuten zu halten“. Hätte ich nicht gedacht.

Zudem fange ich nun doch noch an, die Missa Solemnis zu würdigen, zu der ich – warum auch immer– seltsamerweise bislang so wenig Zugang hatte, dass ich sie schnöde beiseite tat. Insbesondere die Beschreibung des Benedictus, für Thielemann „eines der besten Stücke, das Beethoven je komponiert hat“, gab den Ausschlag, mir das Werk wieder anzuhören und was soll ich sagen: Ich bin auf Anhieb so verzaubert, dass ich gar nicht mehr verstehen kann, wie mich allein diese herrliche, wie vom Himmel herabschwebende Melodie der Solo-Violine zuvor wenig berührt hat.

Sehr erweitert hat sich mein Blick dank Thielemanns klugen Ausführungen auch im Hinblick auf den berühmten Finalsatz der Neunten. Meine Annahme, dieser Satz mit Schillers „Ode an die Freude“ würde – wenngleich auch utopisch – ein Zeichen für den Frieden und die Verbrüderung der Menschen setzen, habe ich jedenfalls nach dieser Lektüre gänzlich über Bord geworfen. So wie sich hier unter dem Einsatz der Solostimmen und des Chors alles überschlägt, fällt es mir wie Schuppen vor den Augen, dass darin tatsächlich etwas regelrecht „Hysterisches“ liegt. Wenn ich mir die Musik noch einmal durch den Kopf gehen lasse, komme ich nicht umhin, zuzustimmen: Alle singen durcheinander, viele Teile des Textes hört man im Tutti kaum. So klingt trotz der Entladung sagenhafter Energien tatsächlich eher eine Absage an eine von Freiheit, Frieden und Brüderlichkeit getragene Menschheit.

Überhaupt ist diese Reise durch Beethovens Universum geprägt von großer Liebe zum Detail. Eigentlich sollte man deshalb beim Lesen die Taschenpartituren der Symphonien zur Hand haben, um sich über die besonderen Stellen, ausgewählte Takte oder Übergänge orientieren zu können.

Nicht nur der im Notenlesen geübte Konzertgänger wird dadurch ungemein bereichert, sondern auch Dirigenten, die noch nicht auf einen vergleichbaren Erfahrungsschatz zurückblicken können. Dazu gehören im Übrigen auch grundlegende Einsichten, dass es zum Beispiel ein halbes Dirigentenleben braucht, ehe man die Angst vor der Neunten verliert. – Zumindest, wenn die Interpretation von einem hohen Anspruch getragen sein soll. Auch und nicht zuletzt im Hinblick auf das Adagio als zentralem Anker dieses Opus, mit seiner puren Idylle noch ein weiteres der schönsten Stücke, das je geschrieben wurde.

Zwischen seinen Werkbetrachtungen, die auch die Solokonzerte, den Fidelio und teils auch die Kammermusik einschließen, finden sich immer wieder spannende Exkurse zu generellen Themen. So freue ich mich zu lesen, dass Christian Thielemann Vorbehalte gegen die vom Komponisten angegebenen Metronomzahlen formuliert, da sie – wie weiland schon der geniale Sergiu Celibidache vor 30 Jahren darlegte – das Erleben der Musik in ihrem klanglichen Reichtum in Korrelation zum Raum, in dem sie erklingt, behindern können. Am Beispiel des Finalsatzes der Siebten erläutert Thielemann beispielhaft, dass man die Sechzehntel in den Streichern und Holzbläsern hören können muss, da er „nur noch Untergrundrauschen“ höre, wenn das Tempo zu schnell werde. Ähnlich verhält es sich mit dem ersten Satz der Eroica. Wobei Beethovens Taubheit, der ein ganz eigenes Kapitel gewidmet ist, erklären mag, warum der Komponist unvorteilhafte, teils viel zu schnelle Metronomangaben machte, die seiner Musik nicht gerecht werden.

Ein weiteres kluges Essay widmet sich dem „deutschen Klang“. Warum der ein „Reizthema“ ist, verstehe er bis heute nicht, sagt Thielemann, man spreche doch auch vom französischen oder amerikanischen Orchesterklang oder von der Wiener Oboe, „ohne dass es die Gemüter erregt“. Er hält das für völlig falsch und weiß natürlich, warum das so ist. Wenn er dazu ausführt, den deutschen Klang „identifiziere man mit Deutschtümelei und den Ansichten politisch Ewiggestriger“ ist das noch vorsichtig formuliert in Zeiten, in denen linke Politikerinnen und Politiker ihren Abscheu vor Deutschland explizit vor sich hertragen und jeder, der die deutsche Sprache und Kultur in irgendeiner Form verteidigt, schnell in Verdacht steht, ein Rechter zu sein.

Unter den Dirigenten, mit deren Interpretationen sich Christian Thielemann beschäftigt, nimmt Wilhelm Furtwängler den vordersten Rang ein. Da bin ich hundertprozentig bei ihm! Vor allem auch deshalb, weil sich Furtwängler spontan „hinreißen lassen“ konnte und nicht so kalkulierbar war wie die meisten heutigen Dirigenten.

Die wichtigste Publikation, die in den vergangenen Jahren über Furtwängler von meinem Kollegen Klaus Lang erschien, „Wilhelm Furtwängler und seine Entnazifizierung“ aber ist bei Thielemann und seiner Ko-Autorin Christine Lemke-Matwey offenbar noch nicht angekommen. Das kann ich ihnen auch nicht verübeln, erschien das Buch doch 2012 in einem kleinen, unbekannten Verlag und fand viel zu wenig Aufmerksamkeit. Dabei rückt es zurecht, wie gnadenlos bis dahin Geschichte verfälscht wurde, dies insbesondere auch über das viel gespielte Theaterstück „Taking Sides“. Von den großen Verlagen kassierte Lang damals Absagen, sie hatten wohl eine Scheu davor, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Das Entscheidende, worum es geht, ist wieder einmal die häufig gestellte Frage, warum Furtwängler Nazi-Deutschland nicht verlassen hatte. War das Opportunismus oder innerer Widerstand? In Thielemanns Buch steht dazu der Satz: „Man kann das verurteilen oder ihm (Furtwängler) als Schwäche auslegen“. Wer das Buch von Klaus Lang kennt, wird diesen Satz nicht unterschreiben, verlangt doch das ans Licht gebrachte Original-Entnazifizierungsprotokoll endgültig eine Revision: Frei von jedweden Zweifeln an seiner Unschuld, hatte die Kommission begriffen, dass Furtwängler Deutschland deshalb nicht verlassen hatte, weil er der Musik, dem Orchester, vielen Verfolgten und seinem Publikum helfen wollte und dies auch getan hatte. Er wurde in allen Punkten vollständig rehabilitiert und verließ unter großem Beifall erhobenen Hauptes den Verhandlungssaal. Ich nutze diese Gelegenheit, daran zu erinnern, denn leider wurde diese so wichtige Publikation über den größten deutschen Dirigenten des 20. Jahrhunderts zu wenig zur Kenntnis genommen. Und das richtige neue Theaterstück harrt noch einer Uraufführung.

Aber das versteht sich als eine Randnotiz, empfiehlt sich „Meine Reise zu Beethoven“ doch rundum als eine gleichermaßen erkenntnisreiche, kostbare und unterhaltsame Lektüre.

Kirsten Liese, 23. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Meine Reise zu Beethoven
C.H. Beck Verlag
271 Seiten (gebunden)
Preis: 22,00 Euro

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