Daniels Anti-Klassiker 36: Julius Fučik – „Einzug der Gladiatoren“ (1899)

Daniels Anti-Klassiker 36: Julius Fučik  klassik-begeistert.de, 21. September 2026

 

Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.

Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Die Musikgeschichte ist nicht nur eine Aneinanderreihung verschiedener Genies und ihrer Produkte. Allzu oft sind es Versuche und Fehlschläge, die vielen der heute hochgeachteten Meisterwerke vorausgehen. Wie diese Kolumne schon zeigte, waren auch Komponisten, die heute (nicht immer zurecht) in den Rang unangefochtener Meister erhoben werden, nicht vor solchen Fehltritten gefeilt. Ein besonders tragischer Fall von Fehlleistung ist es aber, wenn der Nachwelt nichts Anderes als eben jenes eine Stück bekannt bleibt, das wegen seiner Machart völlig anders wirkt, als ursprünglich intendiert. Ein solches Werk haben wir hier mit dem Triumphmarsch von Julius Fučik, auch bekannt als „Einzug der Gladiatoren“.

Das Jahr 1899 fiel in eine Zeit voller Neuerungen für Komponisten und Musiker. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts hatte sich die Ventiltechnik durchgesetzt, die die spielbaren Partien für alle Blechbläser schlagartig in schier endloser Weise erweiterte. Plötzlich war es nicht nur möglich, ohne Sonderbauformen in allen Tonarten zu spielen. Auch Halbtöne, schnelle Läufe, Glissandi und inzwischen sogar Mikrotönewurden stufenlos spielbar. Bahnbrechende Werke mit vollem Blechbläserklang und immer ausgefalleneren Spieltechniken und Läufe waren die Folge.

Und so reihten sich die Komponisten einer nach dem anderen in die Reihen derer, die etwas vom Kuchen abhaben wollten. Beethoven galt mit seiner neunten Sinfonie als einer der ersten, die die Ventiltechnik anwendeten. Ihm folgten zahlreiche weitere Tonsetzer wie Mendelssohn-Bartholdy, Brahms, Bruckner, Wagner, Mahler, Strauss… die üblichen Verdächtigen eben. Und so dachte sich sicher auch der tschechische Komponist Julius Fučik, dass er ebenfalls synonym mit diesen Namen genannt werden könnte und begann im Jahre 1899 während seines Militärkapellmeisterdienstes mit der Komposition eines Triumphmarsches.

Und was ist das auch für ein Marsch, den er hinterließ! Dieses gerade einmal 3 Minuten lange Stück ist eine wahre Paradekomposition für Blechbläser. Voller Fanfarenrufe, tuschartiger Einsätze, rasanter und stampfend feuriger Rhythmen vereint es alle Elemente, die einen wahren Siegeszug auszeichnen. Dazu verstand Fučik es, die neuen Spieltechniken bis zur Schmerzgrenze auszureizen, weshalb er dem Werk ursprünglich sogar den Namen „Grande Marche Chromatique“ verlieh. Das Ergebnis ist ein Ohrwurm voller Bombast. Kein Wunder, dass es bis heute zu den am meisten gespielten Stücken der Orchestermusik gehört.

Da enden aber auch schon die Lobpreisungen auf dieses durch und durch medienwirksame Stück. Denn was Fučik bei seinem exzessiven Einsatz von chromatischen Gängen, sich selbst überstürzenden Läufen und grellen Fanfarenrufen nicht bedachte, ist, dass zum Erzielen eines gewissen Ausdrucks auch die Wahl der Mittel angemessen sein muss. Tatsächlich hatte Fučik – glaubt man den Quellen – mit dem Einmarsch majestätischer Gladiatoren in eine Arena einen gezielten Ausdruck im Kopf. Glanzvoll sollte dieser sein, prunkvoll und voller Kraft und Würde.

Was Fučik aber musikalisch ablieferte, ist eine maßlose Übertreibung all dessen. Denn in seiner Zielvorstellung, alle damals neuartigen Spieltechniken für Blechbläser einzusetzen, verlor er jegliches Maß für ästhetisches Gespür. Noch lauter musste der Aufmarsch sein, noch greller die Klangeindrücke, noch schneller die Läufe, noch robuster stampfend der Rhythmus. Und was passiert, wenn man bestimmte Züge, Eigenschaften oder Ausdrücke überzeichnet? Sie fangen an, komisch zu wirken, kehren sich ins Absurde um oder werden sogar lächerlich.

Und genau dieses Schicksal ereilte auch Fučik Triumphmarsch. Wird dieser heute gespielt, dürften jedenfalls die wenigsten Zuhörer einen Aufmarsch martialischer Gladiatoren auf dem Weg in die Arena im Ohr haben. Ganz besonders, wenn er auch noch von amerikanischen Orchestern aufgeführt wird, die diesen Marsch traditionell noch schneller spielen. Die Folge ist eine wahre Parodie seiner selbst – Fučik Triumphmarsch klingt heute wie damals alles andere als triumphal. Was man ihm am besten zuschreiben kann, ist ein Ausdruck von grenzenloser Selbstüberschätzung.

Dass von den über 400 Märschen, die Fučik komponierte, ausgerechnet dieser sein bekanntester wurde, macht ihn auch zu einem tragischen Vermächtnis. Denn durch die ihm innewohnende Selbstüberschätzung erfährt dieses Werk eine komplette Umdeutung dessen, was der Komponist ursprünglich im Sinn hatte. Er ist nicht etwa als Eingangsmusik für feierliche Anlässe, pompöse Paraden oder Staatsakte bekannt. Sondern stattdessen schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Zirkusmusik – also quasi von Anfang seines Bestehens an als hektischer Aufmarschmusik für Clowns.

Im Sinne dieser hektischen Lächerlichkeit hat das Stück mittlerweile unzählbare Referenzen angesammelt, dabei unter anderem als Titelmelodie in „Rosen für den Staatsanwalt“, mit Einsätzen bei „La Dolce Vita“, „Madagascar 3“, „Megalopolis“ und den Simpsons, in Videospielen u.a. der „World Wide Wrestling Federation“ oder durch Cover von DJ BoBo (Circus-Tour 2014), Leon Russell („Tight Rope“ 1972) und vielen mehr. Selbst Horror-Trash-Filme, wie „Killer Klowns from Outer Space
bedienen sich gerne daran, sobald sie einen Bezug zu Clowns oder zum Zirkus haben.

Dies alles sind nicht nur Ausnahmefälle für die Verwendung dieses Marsches als Trope einer karikativ überzeichneten Selbstparodie. Sondern diese Beispiele sind Ausdruck der Regel, dass ihm die Komik bereits in die Noten komponiert ist. Es lässt sich fragen, ob dies ein Ausdruck ist, den er von Anfang an innehatte oder ob ihn erst über die Zeit gewonnen hat. Doch bleibt die Feststellung, dass er bis heute so gut wie gar nicht als ernsthaftes Stück Musik funktioniert. Oder wagen Sie doch einmal das Selbstexperiment: Hören (und sehen) Sie ihn hier im folgenden Video einmal in seinem von Fučik beabsichtigten Kontext und teilen Sie mit, wie das auf sie wirkt:

Man muss Fučik anerkennen, dass er hiermit ein über seine Zeit hinaus wirksames Werk Orchestermusik geschaffen hat. In Sachen Ausdruck von majestätischer Kraft und Stärke ist er mit seiner Musik aber gänzlich am Ziel vorbeigeschossen. Sein Marsch ist im Gegensatz dazu zum Ausdruck von Maßlosigkeit, Absurdität, Lächerlichkeit und nicht ernst zu nehmender Frohnatur geworden, bei der es schwer vorstellbar ist, dass überhaupt jemals ein erhaben gemeinter Hintergrund vorherrschte. Dementsprechend muss man sogar fragen, ob es sich hierbei nicht um eine komplette Fehlleistung handelt. An die Musiken der zuvor genannten Komponisten reicht seine Komposition in Ausdruck, Feingefühl, Gehalt und zielsicherem Einsatz der Mittel jedenfalls nicht einmal ansatzweise heran. Und in puncto Ruhm steht Fučik neben ihnen wohl als der ewige Clown der Klassik.

Daniel Janz für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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