An die zahlreichen grandiosen Inszenierungen im Römer-Steinbruch St.Margarethen im Burgenland auf dieser mit 1500 Quadratmetern größten Freiluft-Bühne Europas erinnert man sich selbst nach Jahren.
Seit 1996 werden vor dieser dramatischen Naturkulisse Opernfestspiele abgehalten, deren teils internationales Publikum den Weg an den östlichen Rand Österreichs nicht scheut.
Oper im Steinbruch 2026
Giacomo Puccini, Tosca
Musikalische Leitung: Valerio Galli
Inszenierung und Bühnenbild: Thaddeus Straßburger
Kostüme: Giuseppe Palella
Choreographie: Antonio Barone
Chorleitung Philh. Chor: Walter Zeh
Piedra Festivalorchester
Oper im Steinbruch, St.Margarethen, Burgenland, 20. August 2026
von Dr. Charles E. Ritterband
Und mit dieser Tosca, der zweiten seit 2015, hat sich die Oper im Steinbruch selbst übertroffen: das begeisterte Publikum war überwältigt wie wohl noch nie zuvor angesichts dieser üppigen barocken Prachtentfaltung in Bühnenbild und Kostümen der Hunderten von Statisten und Tänzern, die in feierlichen, nicht enden wollenden Prozessionen über die Rampe paradierten.
Ein Augen- und Ohrenschmaus war diese denkwürdige Inszenierung: Die Titelfigur, die Tosca der Irin Celine Byrne begeisterte mit ihrer klangvollen, leidenschaftlichen Stimme, deren Ausdrucksstärke im berühmten „vissi d’arte“ gipfelte. Überzeugend auch schauspielerisch: die obsessiv eifersüchtig und zugleich bedingungslos hingebungsvoll Liebende, die durch den Mord an Scarpia zur unerschrockenen Freiheitsheldin wird.
Ihr Geliebter, der Maler Cavaradossi (Adrian Pataki) unfreiwillig zum Helden. Sein Tenor ist weit entfernt vom Schmelz des Belcantos: hier wird er durch die Umstände zum stimmlich warmen und kraftvollen Heroismus gezwungen. Seine Höhen wirken mühelos und präzise.
Der Bösewicht Scarpia ( Marco Caria) überzeugte mit seinem gewaltigen furchteinflößenden und Bariton, schauspielerisch durch seinen skrupellosen Zynismus. Sein politischer Gegenspieler Angelotti (Zoltan Nagy) beherrscht einen sonoren, wohlklingenden Bass.
Dem eher kleinen Orchester entlockt Valerio Galli harmonischen und authentischen Puccini-Sound, hervorragend austariert zwischen Intimität und der ungehemmt aufbrechenden Gewalt der klerikalen Machtentfaltung.
Musikalisch nahezu perfekt ist doch zur Inszenierung einiges anzumerken.
Klar, dass es hier wie zuvor in Bregenz mit Traviata eine riesige Bühnenfläche von rund 70 Metern Länge überzeugend zu bespielen gilt. Daher: Spektakel und große Show müssen sein – das verlangen Schauplatz und Publikum gleichermaßen. Großartig die von den kriegerischen Ereignissen arg mitgenommene Kathedrale, das Durcheinander der Trümmer.
Doch: weniger wäre mehr gewesen. Die barocke Opulenz, welche ihren Höhepunkt in den sich öffnenden Altarflügeln findet, führt bald einmal zur Übersättigung. Dazu kommen einige überflüssige, ja irritierende Zutaten: vor Puccinis gewaltig startender Ouvertüre ein kirchenmusikalisches Vorspiel, welches Puccinis Effekt killt. Die wunderschöne Szene mit dem unschuldigen Hirtengesang (als Kontrast zur Brutalität und dem Zynismus der folgenden Erschießung Cavaradossis) geht völlig unter in einer überflüssigen, barocken Prozession. Und weshalb muss Tosca nach der Ermordung Scarpias gleich auch noch einen seiner Häscher (der zuvor noch sinnlos auf der Bühne herumirrte) erstechen?
Dann die unmotiviert zahlreichen Kanonenschüsse und die drei kitschigen Marien auf dem Dach – alles völlig überflüssig.
Bei aller Bewunderung für die Opulenz dieser Inszenierung;
Weniger wäre mehr – Konzentration aufs Wesentliche waren effektvoller als ein Zuviel und würde die sängerischen Höchstleistungen effektvoller zur Geltung bringen.
Dr. Charles E. Ritterband, 20. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Tosca: Celine Byrne
Cavaradossi: Adrian Pataki
Scarpia: Marco Caria
Angelotti: Zoltan Nagy
Sagrestano: Ivan Zinoviev
Ein Hirt: Lisa Barletta
Giacomo Puccini, Tosca, Anna Netrebko Wiener Staatsoper, 18. April 2026