Sunville, Premiere am 25. September 2026 in der Tischlerei © Thomas Aurin
Sunville in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin verarbeitet alte Geschichten und Musiken
Ob Musik sich manchmal alt fühlt? So alt wie manche Zuhörerin, wenn sie Zitate von Liszt, Mozart, Ravel inmitten zeitgenössischer spitzer Töne, inmitten von Tanzrhythmen und wilden Klavierpassagen wiederzuerkennen meint? So alt, dass sie zu müde ist, um das Angebot an Motiven, Texten, Sichten um sich herum zusammenzufügen? Und doch sehen muss, dass da nicht nur ein Pastiche, sondern etwas Neues entsteht, vielleicht etwas eklektisch, aber doch auch poesievoll. Vielleicht ging es den alten Stücken in Sunville in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin so, einem Musiktheater, dessen Uraufführung erst einige wenige Tage zurückliegt.
Sunville
Musiktheater von Sofia Jernberg (Komposition), Fiston Mwanza Mujila (Libretto), Stephanie Thiersch (Choreografie, Regie)
Tischlerei der Deutschen Oper Berlin, 4. Aufführung, 30. September 2026
Sofia Jernberg Die furchtlose Ex-Königin
Noa Frenkel Die Frau mit den langen Zöpfen
Serge Kakudji Der Boxer im Ruhestand
Fiston Mwanza Mujila Der Erzähler
Emeka Ene Der Wächter zwischen den Welten, Mousieur Broccoli
Ole Morten Vågan Der Ex-Mann, Kontrabass
Espen Reinertsen Der Jäger, Saxophon
Kit Downes Piano
Yokari Aotani-Riehl Madame Broccoli, Violine
Esther Feustel Violine
Ye-Te Yang c Viola
Mara Pstronkonska-Mödig Violoncello
Lauren Steel Kostüme
Sonja Füsti Bühne
von Sandra Grohmann
Schöne Musik. Schöne Kostüme. Schöne Texte. Schöne Stimmen. Schöne Darsteller. Und doch fehlt der sprichwörtliche rote Faden auf dieser utopischen Insel, die wir in einem Bälle-Bad von seifenblasenartigen schwarzen Riesenperlen vor uns aufragen sehen, dahinter ein gigantischer Kreis, der je nach Beleuchtung Sonne, untergehende Sonne oder Mond herbeiassoziieren kann.
Die anfänglichen Texte drehen sich um die Ertrunkenen im Mittelmeer, deren Flucht und alle Hoffnungen. Um die angeschwemmten Leichname und ihre ehemalige Habe, die als Strandgut auf die Insel kommt und doch so poliert und neu aussieht wie das Musiktheater, in dem sie die Requisite stellt. Dazu die Darsteller in entzückend phantasievollen Kostümen. Wie passt das mit den Toten zusammen?
Das bunte Völkchen, das hier zusammengewürfelt wurde, rekrutiert sich aus den Gestrandeten und den Figuren der Geschichte, die einer von ihnen erzählt. Auch das eine grausame Geschichte, eine von Königinnenmord, zu der der Erzähler künstlich lacht. Über welche Erfahrung muss man verfügen, um das zu verstehen? Wenn Lachen, wie der Erzähler meint, Poesie und Widerstand ist, wie verhält es sich zu der erzählten Grausamkeit? Man muss niemanden anklagen (und ist dankbar, dass das Bühnenstück nicht einmal mehr eine Anklage ist), um das Lachen und die Toten trotzdem nicht zusammenzubringen. Die Musik lässt auch den Schluss nicht zu, dass die Grausamkeit durch das Lachen unterstrichen werden soll.

Von exquisiter Qualität die Stimmen, wenn auch verstärkt. Allen voran der Countertenor Serge Kakudji, der einen pensionierten Boxer gibt. Was für eine tiefrote Wärme liegt in seinem geradezu runden, mühelos wirkenden Gesang. Dazu traut er sich darstellerisch an jede Albernheit heran mit seinen Boxershorts und den Strumpfhaltern, mit seinem goldenen Zylinder und dem langen Zauberermantel.
Von rauher, durchdringender Tiefe auch Noa Frenkel als Frau mit den langen Zöpfen. Eine Systemsprengerin, die Wracks verbrennt und sich vom Rauch ernährt. Neben den spitzen Schreien von Sofia Jernberg, die als Komponistin des Abends auch die Partie der furchtlosen Ex-Königin übernommen hat und sie im Krakenkostüm virtuos auskoloriert, wirkt Frenkels Stimme selbst wie der alles umhüllende, durchdringende Rauch.
Musikalisch ist das Geschehen gut verständlich. Vielleicht auch deshalb, weil Jernberg auf musikalische Zitate zurückgreift, die im Publikum erkannt werden. Ravels Boléro etwa klingt an, Liszts Totentanz ist im Programm ausdrücklich erwähnt. Auch Mozarts Requiem scheint auf, aber die Tradition ist nicht auf Europa beschränkt und ebenso wird Maraba Blue in Bezug genommen, eine (wie ebenfalls im Programm erläutert) frühe Form urbaner südafrikanischer Musik.

Überraschend die Doppelbesetzungen an den Instrumenten. Das Saxophon (Espen Reinertsen) und die erste Violine (Yukari Aotani-Riehl als entzückend puppenhafte, im Animé-Stil kostümierte Kunstfigur Madame Broccoli) zeigen ihre Vielseitigkeit auch als Schauspieler im Solo, während die übrigen Streicherinnen in ihren pink-weißen Raumschiff-Enterprise-artigen Anzügen zum Spektakel nicht nur musikalisch, sondern auch darstellerisch als Ensemble beitragen. Schon ihre orangefarbenen Spaghettisieb-Hüten ragen bereits zu Beginn des Stücks aus dem erwähnten Bällebad wie Kürbisse aus einem Kaviarmeer.
Auf diese Weise gelingen Bilder von berückendem Zauber. Ein großes Ganzes ergibt sich daraus noch nicht, die schönen Teile zerfallen zu Nummern. Die Utopie vom Leben auf der Insel bleibt eine Behauptung.
Vielleicht hat der Titel der neuen Serie „Unlimited“ in diesem ausufernden Stück ein etwas zu großes Echo gefunden. An der Schönheit der einzelnen Nummern ändert das nichts. Herzlicher Applaus für leicht absurde anderthalb Stunden Traumgeschichte.
Sandra Grohmann, 1. Oktber 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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