„Das ist ein Flöten und Geigen….“ (Heinrich Heine)

„INTONATIONS“ Chamber Music Festival 2026 Martha Argerich  Kühlhaus Berlin, 12. Juni 2026

Fotos Copyright Neda Navaee

„INTONATIONS“
Chamber Music Festival 2026
vom 11. bis 14. Juni 2026

Kühlhaus Berlin, 12. Juni 2026

von Dr. Ingobert Waltenberger

Elena Bashkirova ruft und alle kommen, Musiker wie Publikum im ausverkauften „Cube“ gleichermaßen. Auch am zweiten Tag stand klarerweise wieder Martha Argerich im Epizentrum des Interesses. Unter den Zuhörern fand sich wieder Daniel Barenboim, der alle Worte von Robert Schumanns herzergreifenden Zyklus „Die Dichterliebe“, op. 48, mit seinem Mund behutsam nachformte und natürlich der befreundeten Pianistin aus Argentinien achtsam lauschte.

Bariton Thomas Bauer hatte nicht seinen besten Tag. Er versuchte jedoch, mit Textdeutlichkeit, Ausdruck und vollem körperlichem Einsatz wettzumachen, was ihm an diesem Abend an Geschmeidigkeit und Leichtigkeit, ergo an romantischem Schwärmen und Entzücken mangelte. Martha Argerich war vom ersten Ton an die mit dem Sänger wachsam kommunizierende Poetin, die Dichterin am Klavier, die den verästeltsten Seelenregungen der zwischen Übermut, Liebeseuphorie und nächtlichen Tränen schwankenden Gemüts im sensibel ausgedeuteten Klavierpart nachspürte.

Argerich (c)Neda Navaee

Da dieses Festival generationenübergreifend einige der spektakulärsten aufstrebenden Stars, aber auch etablierte Größen wie Emmanuel Pahud oder Nathalia Milstein aufbietet, war die Zusammensetzung der einzelnen Ensembles  in dem zwischen Bekanntem und Raritäten oszillierenden Programm besonders spannungsgeladen durchmischt.

Kennen Sie das Quintett in B-Dur für Flöte, Klarinette, Horn, Fagott und Klavier von Nikolai Rimsky-Korsakov? Für mich war es jedenfalls die erste Begegnung mit dem aufregenden dreisätzigen Stück. Wie nach der Reaktion im Saal zu schließen, hat dieses Quintett auf allen Linien begeistert und gefallen. Einen echten Muntermacher und flotten Hirschen hat sich Rimsky-Korsakov da notiert.

Der russische Komponist hat das Stück 1876 für einen von der Russischen Musikalischen Gesellschaft ausgelobten Preis für Kammermusik geschrieben. Über das traurige Schicksal, das dem Werk bei der ersten Aufführung infolge eines „unfähigen Blattspielers“ beschieden war, kann man heute nur ungläubig den Kopf schütteln. Aber es zeigt auch, wie sehr das Überspringen des sprühenden Funkens, das Herzklopfen, die eminenten Emotionen, die uns Komponisten in ihren exquisitesten Partituren anbieten, am Ende von der Meisterschaft der Ausführenden abhängt.

 

Um die Exzellenz des Ensembles war es jedenfalls im Berliner Kühlhaus aufregend gut bestellt. Der Soloflötist der Berliner Philharmoniker, Emmanuel Pahud, der spanische Klarinettist Pablo Barragán (habe ich dieses Instrument je so dynamisch differenziert und klangschön erlebt?), Daniele Damiano am Fagott, der Hornist Bar Zemach, sowie last but not least Julia Hamos am Steinway Flügel, führten vor, was der nach wie vor unterschätzte Rimsky-Korsakov konnte.

Intonations (c)Neda Navaee

Nämlich sich die klassische Sonatenhauptsatzform, deren sich Beethoven & Co bedienten, mit exotischen Folklorismen, kunstvoll gehäkeltem, fugiertem Ineinander sowie im lustvollen Zuwerfen und Auffangen thematischer Bälle durch die einzelnen Blasinstrumente – in unterschiedlichen Tonarten repetiert – anzueignen und derart eine unverwechselbare individuelle Note zu verleihen.

Wenn ich hätte raten müssen, hätte ich beim Andante auf Grund der Harmonien mit seiner balladesken volkstümlichen Tonalität und dem modal-orthodoxen Kolorit jedoch auf Mussorgsky getippt. Rimsky Korsakov hat seinen Solisten dankbare Kadenzen vergönnt. Sangen und fädelten Flöte, Klarinette und Horn ihre Melodien abwechselnd am kecksten und trieben es so zeitweilig am buntesten mit den Noten, gesellte sich im Rondo das Fagott mit wippenden Intervallen dazu. Was für ein Spaß!

Als überaus charmante Trouvaille erwiesen sich Sergej Rachmaninovs „Zwei Stücke für Klavier zu sechs Händen.“ Gerahmt von Nathalia Milstein und Yael Kareth thronte Elena Bashkirova in der Mitte als Puls- und Gastgeberin einer Valse und einer Romance, beide in A-Dur. Man kann sich vorstellen, welch Vergnügen es dem Publikum bereitet hat, in Salons drei Pianistinnen (bitte sich die Zusammensetzung des Trios an der Tastatur beliebig vorzustellen) dichtest aneinander gedrängt musikalisch wetteifern zu sehen.

 

Nach der Pause hielten mit dem impressionistisch-lyrischen Gustostück „Prélude á l’après-midi d’un faune“ von Claude Debussy frei nach Stéphane Mallarmés Gedicht dank des genussvoll durchhörten, federleichten Klanggewebes irisierende Klänge Einzug in das schon lange seiner ursprünglichen Bestimmung entrückten Kühlhauses. Von welchen Begierden und Träume der Faun beim Anblick der schönen Nymphen und Najaden auch immer angespornt gewesen sein mag, die nobelgedämpft funkelnde Wiedergabe von Emmanuel Pahud (Flöte) und Nathalia Milstein (Klaver) geriet infolge des atmosphärisch zauberhaften Zusammenspiels zu einem Höhepunkt des Festivals.

Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du Temps“ markierte die Klimax und das Ende des zweiten Festivalabends. Nathalia Milstein (Klavier), Pablo Barragán (Klarinette im dritten Satz mit einem sternenentrückten Solo), Fedor Rudin (Violine) und Astrig Siranossian (Cello) sorgten für eine mystisch stimmungsvolle, dem biblischen Programm des Quartetts zur „Vorstellung von Vögeln, die über dem Abgrund der Zeit kreisen, bevor der Engel der Apokalypse auftritt, um das Ende aller Zeit zu verkünden“ folgende Interpretation.

Vom kosmisch variablen Gesang der Vögel inspiriert, die Messiaen schon als Gefangener im Lager Nancy im zweiten Weltkrieg Halt gaben und faszinierten, ist das Stück auch jenseits des katholischen Verständnisses des Komponisten zugänglich. An dieser Stelle sei auf die unvorstellbaren Umstände der Uraufführung im STALAG VIII A bei Görlitz am 15. Januar 1941 erinnert, wo achttausend Belgier und vierzigtausend Franzosen in dreißig Baracken untergebracht waren.

Die Imagination von grenzenloser Freiheit, des sich mit ruhig gleitenden Flügeln weit über allen irdischen Leid und Schmerz erhebt, kann mit dem Bild eines aus einem Käfig entkommenen Vogels assoziiert werden.

Dazwischen irrlichtert ein apokalyptischer Tanz der Raserei für sieben Trompeten sowie ein Gewirr von Regenbögen für den Engel. Messiaen stellte sich als Friedensvision der Regenbögen eine Ekstase in Wirbeln, ein kreisendes Miteindringen von übermenschlichen Tönen und Farben, Schwerter aus Feuer, ein Fließen von Lava in Blau-Orange und brüske Sterne vor. All das und noch vielmehr abseits aller möglichen stammelnden Beschreibungsversuche machten Milstein, Barragán, Rudin und Siranossian in einzigartiger Intensität und Wahrhaftigkeit hör- und erlebbar. Ergriffener Jubel!

Dr. Ingobert Waltenberger, 13. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Intonation Chamber Music Festival 2026 Kühlhaus Berlin, 11. bis 14. Juni 2026

Berliner Philharmoniker, Daniel Barenboim, Dirigent, Martha Argerich, Klavier Philharmonie Berlin, 24. Oktober 2024

Martha Argerich, Klavier, Daniel Barenboim, Berliner Philharmoniker Philharmonie Berlin, 20. Dezember 2023

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